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Wirtschaft

Putschversuch belastet türkische Wirtschaft

Der missglückte Militärputsch und die Reaktionen darauf zeigen wirtschaftliche Folgen: Handelspartner reagieren besorgt und die Kreditwürdigkeit des Landes wurde herabgestuft.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat nach dem vergangenen Wochenende gescheiterten Staatsstreichdie Kreditwürdigkeit der Türkei um eine Stufe gesenkt. Die Bonitätsnote werde von bisher "BB+" auf "BB" reduziert, teilte S&P am Mittwoch in London an. Die Note rutscht damit noch tiefer in den sogenannten Ramschbereich. Gleichzeitig wird dem Land eine weitere Herabstufung angedroht: Der Ausblick für das neue Rating ist negativ.

Seit dem Putschversuch habe sich die politische Landschaft weiter polarisiert, begründete S&P die Entscheidung. Dem Land stehe eine längere Phase der politischen Unsicherheit bevor. Dies dürfte die Kapitalzuflüsse aus dem Ausland belasten. Die Türkei ist aufgrund ihres hohen Leistungsbilanzdefizits stark auf Kapitalzuflüsse angewiesen. S&P hält eine weitere Verschlechterung der Wirtschafts- und Schuldenentwicklung für möglich. Daher sei der Ausblick für das Rating negativ.

Die beiden anderen großen Ratingagenturen Moody's und Fitch bewerten die Türkei derzeit noch zwei Noten besser. Hier befindet sich die Bewertung noch nicht im Ramschbereich. Allerdings hat Moody's dem Land bereits am Montag eine Herabstufung angedroht. Der US-Dollar stieg zur türkischen Lira nach der S&P-Entscheidung auf einen Rekordstand von 3,0834 Lira.

Handelspartner pochen auf Rechtsstaatlichkeit

Seit dem Wochenende blicken auch die wichtigsten deutschen Export-Branchen mit Sorge auf die wirtschaftliche Lage in der Türkei. Vertreter der Automobilindustrie und des Maschinenbaus sehen ihre künftigen Geschäfte gefährdet. "Politisch unruhige Zeiten sind grundsätzlich kein gutes Umfeld für Investitionen", teilte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) mit. Mögliche Investitionen in der Türkei würden jetzt sicherlich "besonders kritisch geprüft".

Auch für die deutsche Autoindustrie sei nun entscheidend, "dass dieses Land wieder zur politischen Stabilität zurückfindet und damit Planbarkeit für die Unternehmen gegeben ist. Dies gilt auch für die Rechtsstaatlichkeit", wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) mitteilte. Die Türkei ist für die Autobranche ein wichtiger Handelspartner und ein wichtiges Produktionsland.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts zählte die Türkei 2015 zu den 20 größten Abnehmern deutscher Waren (22,4 Milliarden Euro). Rund 60 Prozent aller deutschen Exporte entfielen demnach auf den Maschinenbau sowie auf die Automobil- und die Chemiebranche. Allein in diesen drei Wirtschaftsbereichen wurden Waren mit einem Wert von 14 Milliarden Euro in die Türkei exportiert.

Die Zinsen sinken

Nach der Niederschlagung des Militärputsches setzt die türkische Zentralbank ihre Serie von Zinssenkungen fort. Sie nahm den Satz für Übernachtkredite am Dienstag von 9,0 auf 8,75 Prozent zurück. Damit hat die Notenbank bereits den fünften Monat in Folge den Zins gesenkt.

Zahlreiche Experten hatten mit diesem Schritt gerechnet, einige aber auch mit einer stärkeren Rücknahme um 0,5 Punkte. Weniger Touristen nach mehreren Anschlägen, steigende Firmenpleiten und viele faule Kredite bei den Banken setzten dem Schwellenland zuletzt zu.

Die Zentralbank signalisierte ihre Bereitschaft, die Geldpolitik weiter zu lockern. "Marktentwicklungen werden genau verfolgt und die notwendigen Liquiditätsmaßnahmen weiter ausgeführt, um die Finanzstabilität zu stützen", erklärte sie.

Angst vor Kapitalabzug

Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hatte zu Wochenbeginn gesagt, er erwarte von der Zentralbank eine Fortsetzung ihrer "unerschrockenen" Zinssenkungen. Billigeres Geld kann die Kreditvergabe für mehr Konsum und Investitionen ankurbeln, was wiederum für zusätzliches Wachstum sorgen kann.

Die Zentralbank wandele auf einem schmalen Grat, betonte Anlagestrategin Roxana Hulea von der Bank Societe Generale. Einerseits wolle sie ein Signal für eine Rückkehr zur Normalität liefern. Andererseits müsse sie darauf achten, dass die Lockerung der Geldpolitik keinen umfassenden Abzug dringend benötigten ausländischen Kapitals auslöse.

dk/ kle (afp/dpa/rtr)