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Welt

Putin wird in seine Schranken verwiesen

Russland sei eine Regionalmacht, sagt Barack Obama - was zu einiger Verärgerung geführt hat. Dabei hat der amerikanische Präsident recht, meint DW-Redakteur Michael Knigge.

Barack Obama schießt gewöhnlich nicht aus der Hüfte. Man kann also davon ausgehen, dass er seine Worte auf einer Pressekonferenz in den Niederlanden mit Bedacht wählte. Die Äußerungen des US-Präsidenten signalisieren einen Strategiewechsel: Bis dato behandelte die Obama-Regierung Russland als mehr oder weniger gleichberechtigt auf der Weltbühne, obwohl Moskau schon lange nicht mehr auf Augenhöhe ist.

Das ist nun vorbei. Die Strategie, Russland in die seit dem Ende des Kalten Krieges entstandene neue Weltordnung einzubinden, betrachtet Obama als gescheitert. Diese Strategie wurde auch von der Bundesregierung vorangetrieben. Und Obama kann sich zugute halten, dass er sein Möglichstes dafür getan hat. Doch wegen seines Angebots einer Erneuerung der Beziehungen zu Russland im Jahr 2009 griffen ihn nicht nur die Republikaner heftig an. Auch Putin ließ ihn abblitzen.

Aus Obamas Sicht war die Annexion der Krim nun der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Konsequenz: Von nun an wird Washington Russland so behandeln, wie es seiner tatsächlichen Bedeutung auf der Weltbühne entspricht - als Regionalmacht, aber nicht als globalen Konkurrenten der Vereinigten Staaten. Obamas Analyse trifft es auf den Punkt. Egal mit welchem Maß man Weltmacht-Status auch messen mag: Russland spielt nicht in einer Liga mit den USA.

Kein Konkurrent

Das russische Bruttoinlandsprodukt des Jahres 2012 entspricht dem der USA von 1981. In der neuesten Rangliste der globalen Wettbewerbsfähigkeit belegt Russland den 64. Platz, vor Sri Lanka, während die USA an fünfter Stelle stehen. Im Korruptionsindex von Transparency International landet Russland auf Platz 127, die USA auf Platz 19. Auch bei den Patentanmeldungen liegen die USA weit voraus. Mehr als zehnmal mehr Patentanmeldungen kommen aus den USA als aus Russland.

Auch militärisch spielt Russland - das gilt allerdings auch für jedes andere Land der Welt - nicht in derselben Liga wie Washington. Die US-Militärausgaben sind höher als die der nächsten zehn Länder zusammengenommen; die globale Reichweite und ihre Fähigkeiten der US-Streitkräfte sind beispiellos.

Doch selbst wenn man soziale und gesellschaftliche Aspekte betrachtet - nicht gerade eine Stärke der USA - steht Russland deutlich schlechter da. Die Säuglingssterblichkeit ist höher, die Lebenserwartung viel niedriger als in den USA. In den vergangenen Jahren hat es Russland sogar geschafft, die USA - wo die Schere zwischen Arm und Reich im Vergleich zu anderen Industrieländern besonders hoch ist - bezüglich der Einkommensungleichheit zu überholen.

Höfliche Wortwahl

Diese Indikatoren, in Verbindung mit Russlands demographischen Problemen und den dramatisch geschrumpften Interessenssphären des Landes seit dem Fall der Mauer, belegen ganz klar: Obama hat recht. Auch wenn die Russen das nicht gern hören, Obama hat sogar Zurückhaltung gezeigt. Wirklich gemein wäre es gewesen, hätte er Russland als Macht auf dem absteigenden Ast bezeichnet.

Die Einschätzung des US-amerikanischen Präsidenten, Russlands Drohgebärden und Maßnahmen gegen seine Nachbarn seien kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche trifft den Nagel auf den Kopf. Die Tatsache, dass Wladimir Putin meinte, sich unter Androhung von Gewalt die kleine Krim mit seiner Militärbasis einverleiben zu müssen, war eher ein Akt der Verzweifelung als ein Zeichen globaler Stärke.

Botschaft an Moskau

Heutzutage wird der Kampf um die Weltmacht nicht mehr militärisch ausgefochten, sondern wirtschaftlich. Will eine Supermacht Stärke beweisen, ist das Entsenden von Truppen der letzte Ausweg: Sie hat noch viele andere Waffen in ihrem Arsenal. Das gilt für die USA, aber nicht für Russland. Um Putin zum Nachdenken zu bringen, musste Washington nur dafür sorgen, dass Mastercard und Visa die Kreditkarten von Kunden einer bestimmten, bei der russischen Elite beliebten Moskauer Bank sperren.

Die Botschaft war eindeutig: Mit nur einem Klick kann Washington den Kreml und seine Führer dort treffen, wo es wirklich schmerzt - in ihren Geldbörsen. Die Zukunft wird zeigen, ob Präsident Putin es dieses Mal begreift. Nicht nur in seinem eigenen Interesse, sondern im Interesse seines Volkes und seiner Nachbarn. Noch eine Chance bekommt er wohl nicht.

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