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Aktuell Europa

Putin billigte "wahrscheinlich" Litwinenkos Ermordung

Neun Jahre nach dem mysteriösen Tod des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko beschuldigt ein britischer Untersuchungsbericht direkt Russlands Präsident Putin. Britische Diplomaten fürchten um das Verhältnis zu Moskau.

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Der Kreml-Herrscher im Visier

Der Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko wurde einem Untersuchungsbericht zufolge wahrscheinlich mit Zustimmung des russischen Präsidenten Wladimir Putin ermordet. Den Giftmord habe wahrscheinlich der russische Geheimdienst FSB in Auftrag gegeben, schreibt Richter Robert Owen, der die gerichtliche Untersuchung des Falls in London leitete, in seinem Abschlussbericht. Die Tat sei "wahrscheinlich gutgeheißen worden" vom damaligen FSB-Chef Nikolai Patruschew "und auch von Präsident Putin", schreibt Owen.

Der in dem Bericht des Mordes beschuldigte russische Duma-Abgeordnete Andrej Lugowoi wies die Anschuldigungen als "absurd" zurück. "Erwartungsgemäß gab es keine Sensation. Die Ergebnisse bestätigen die antirussische Position Londons sowie die Engstirnigkeit und Unlust der Engländer, den wahren Grund für den Tod von Litwinenko festzustellen", sagte er der Agentur Interfax zufolge.

Litwinenko (r.) im Jahr 1998 mit einem FSB-Kollegen auf einer Pressekonferenz (Foto: dpa)

Litwinenko (r.) im Jahr 1998 mit einem FSB-Kollegen auf einer Pressekonferenz

Ein russischer Justizsprecher nannte die Untersuchungsergebnisse "politisch motiviert". Moskau werde auf einer solchen Grundlage kein Verfahren gegen Lugowoi und den ebenfalls beschuldigten Dmitri Kowtun eröffnen, sagte der namentlich nicht genannte Mitarbeiter. Zudem untersage es die russische Verfassung, russische Staatsbürger für einen möglichen Prozess im Ausland auszuliefern, bekräftigte er.

Putins Sprecher weist Vorwürfe zurück

Auch Russlands Präsidentensprecher Dmitri Peskow wies die Vorwürfe aus Großbritannien zurück. Russische Geheimdienste seien nicht verwickelt, sagte Peskow der Agentur Interfax in Moskau. "Ich wiederhole das seit Jahren." Leider könne der Bericht von Owen die Atmosphäre der russisch-britischen Beziehungen "vergiften".

Die gerichtliche Untersuchung ist zwar nicht mit einem Prozess gleichzusetzen und hat keine direkten strafrechtlichen Konsequenzen. Sie könnte aber tatsächlich das labile Verhältnis zwischen Moskau und London zusätzlich belasten. Einem Bericht des "Guardian" zufolge drängen Diplomaten Premierminister David Cameron, auf den Bericht nicht mit harten Sanktionen gegen Russland zu reagieren.

Der Russe Litwinenko, ein früherer Agent, war 2006 einem mysteriösen Mordanschlag in London zum Opfer gefallen. Vermutlich beim Teetrinken wurde er 2006 in einem Hotel mit Polonium 210 vergiftet - einer hochgiftigen, radioaktiven Substanz, die sehr selten ist und über die praktisch nur Atomstaaten verfügen.

Dmitri Kowtun, hier im April 2015 in Moskau, traf Litwinenko vor dessen Vergiftung zum Tee (Foto: Reuters)

Dmitri Kowtun, hier im April 2015 in Moskau, traf Litwinenko vor dessen Vergiftung zum Tee

Litwinenko hatte sich zuvor mit Moskau überworfen: Der ehemalige Agent behauptete 1998 in Moskau, der Inlandsgeheimdienst FSB habe ihn beauftragt, den Oligarchen Boris Beresowski zu ermorden. Ende 2000 floh er nach London und bekam politisches Asyl.

Dort behauptete der 43-Jährige in einem Buch, 1999 seien Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland von Geheimdienstlern verübt worden, um einen Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Krieg zu haben.

Grüner Tee in Mayfair

Im November 2006 traf sich Litwinenko, der auch für den britischen Geheimdienst MI6 arbeitete, im Hotel Millennium im schicken Londoner Stadtteil Mayfair mit seinen früheren Geheimdienst-Kollegen Andrej Lugowoi und Dmitri Kowtun zum Tee. Wenige Stunden später wurde er ins Krankenhaus gebracht, drei Wochen später war er tot.

Marina Litwinenko, die Witwe des Toten, drängte immer wieder auf eine Verfolgung der Täter (Foto: Getty)

Marina Litwinenko, die Witwe des Toten, drängte immer wieder auf eine Verfolgung der Täter

Auf dem Sterbebett machte er Präsident Putin für die Tat verantwortlich; Moskau wies jede Beteiligung zurück. Bis heute fehlen klare Beweise und die Hintergründe des Falls bleiben mysteriös.

Die Affäre ließ die Beziehungen zwischen London und Moskau auf einen Tiefpunkt sinken. Großbritannien wies russische Diplomaten aus London aus - als Reaktion darauf, dass Moskau den von Scotland Yard verdächtigten russischen Duma-Abgeordneten und Ex-Agenten Andrej Lugowoi nicht ausliefern wollte.

Moskau verwies im Gegenzug vier britische Botschaftsangehörige des Landes. 2010 vereinbarten Moskau und London einen Neustart ihrer Beziehungen - trotz andauernder Differenzen in dem Fall.

stu/se (afp, dpa)

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