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Fokus Osteuropa

Pussy Riot - Auch ein Test für Russlands Kirche

Barmherzigkeit erst nach dem Urteil. Das ist offenbar die Haltung der Russischen Orthodoxen Kirche im Fall Pussy Riot. Viele Gläubige könnten ihr allerdings deshalb den Rücken kehren, meinen Beobachter.

Aktion der Punkband Pussy Riot in der Moskauer Christus-Erlöser-Kirche (Foto: ITAR-TASS/ Mitya Aleshkovsky)

Aktion der Punkband Pussy Riot in der Moskauer Christus-Erlöser-Kirche

Im März dieses Jahres hatte im Roten Saal der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau Russlands Patriarch Kyrill sein neues Buch präsentiert. Barmherzigkeit als christliche Tugend ist eines der Hauptthemen dieses Buches. Und Barmherzigkeit für die Mitglieder der Punkband Pussy Riot forderten jüngst auch russische Menschenrechtler, Künstler, Schriftsteller, Musiker ebenso wie westliche Stars, darunter Sting, Nina Hagen und Madonna.

Die drei MItglieder der Punkband Pussy Riot Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Alechina (Foto:Misha Japaridze/AP/dapd)

Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Alechina droht Haft

An diesem Freitag (17.08.2012) soll in Moskau das Urteil gegen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch gesprochen werden. Die Staatsanwaltschaft wirft den jungen Frauen Rowdytum und religiöse Hetze vor und fordert für sie drei Jahre Gefängnis. Schon seit einem halben Jahr sitzen die Mitglieder der Punk-Band in Untersuchungshaft. Die Frauen hatten im Februar in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale mit einem "Protestgebet" gegen Wladimir Putin demonstriert, der damals kurz vor seiner Wiederwahl zum Staatspräsidenten stand. Ein Internetvideo zeigte die Frauen in kurzen Kleidern und bunt gestrickten Masken. Vor dem Altar tanzten sie und schwangen ihre Fäuste. Das Video ist mit Punk-Musik unterlegt. Im Text wurde die Mutter Gottes aufgerufen, "Putin zu verjagen".

Immer weniger Russen für eine Verurteilung

Die Angeklagten sprachen während des Prozesses von einer politischen Aktion. Die Russische Orthodoxe Kirche habe die Menschen aufgerufen, für Putin zu stimmen. Deshalb hätten sie gegen die enge Verbindung zwischen Kirche und Kreml demonstrieren wollen, so Pussy Riot.

Inzwischen nimmt die Anzahl der Russen ab, die eine mehrjährige Freiheitsstrafe für die Punkerinnen befürworten. Im April hatten dies noch 47 Prozent verlangt, im Juni hingegen nur noch 33 Prozent, so eine Umfrage des russischen Lewada-Zentrums. Viele orthodoxe Gläubige bestünden auf einer harten Strafe, sagte Natalia Sorkaja, Soziologin des Meinungsforschungsinstituts Lewada, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ihr zufolge sind die meisten Russen über den Fall Pussy Riot gut informiert. Die Medien des Landes würden über ihn breit berichten.

Kirche fordert Bestrafung

Portrait des russischen Patriarchen Kyrill (Foto: dpa)

Patriarch Kyrill sieht durch die Aktion von Pussy Riot die Seele des russischen Volkes verletzt

Russlands orthodoxe Kirche hat in diesem Fall von Anfang an auf ein hartes Urteil gepocht. Sie hat offenbar nicht vor, den drei Frauen schnell zu vergeben. Patriarch Kyrill sprach von "Blasphemie", "geistiger Missetat" und "teuflischer Verhöhnung". "Ich weiß, wie sehr die Seele unseres Volkes verletzt ist", betonte das Kirchenoberhaupt. Über den Zwischenfall könne nicht einfach hinweggesehen werden.

Das meint auch Erzpriester Wsewolod Tschaplin, zuständig beim Moskauer Patriarchat für die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft. Erst nach einem Gerichtsurteil könne man über Barmherzigkeit reden, erklärte er vor kurzem. Zuvor hatte er sich bereits gegen eine lange Haftstrafe für Pussy Riot ausgesprochen.

Schadet sich die Kirche selbst?

Blick auf die Moskauer Christus-Erlöser-Kirche(Foto: ddp images/AP)

Die Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale wählte Pussy Riot für ihren umstrittenen Protest

"Die Kirche will eine harte Strafe für Pussy Riot, weil sie meint, das könnte ein warnendes Beispiel auch für andere junge Menschen sein, die gegen die Kirche auf eine solch halb-gewaltsame und halb-aktionistische Weise protestieren wollen", sagte Nikolay Mitrokhin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Mitrokhin überrascht die harte Haltung der Kirche trotzdem: "In der Vergangenheit versuchte die Kirche, zwischen den Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu balancieren. Sie versuchte, mit der Intelligenzija und der Mittelschicht in Moskau und St. Petersburg nicht zu streiten. Aber jetzt bricht sie offenbar mit diesen Beziehungen." Im Ergebnis werde die negative Stimmung gegen die orthodoxe Kirche unter der städtischen Jugend zunehmen, glaubt der Wissenschaftler.

Ähnlich sieht dies Natalia Sorkaja: "Die Kirche wird mit ihrer Haltung einen Teil der nachdenklichen Menschen abschrecken." Die Moskauer Soziologin schätzt, dass etwa fünf bis sieben Prozent der orthodoxen Gläubigen nach dem Pussy Riot–Prozess der Kirche den Rücken kehren könnten, weil sie sich liberalen und demokratischen Werten verpflichten fühlten.

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