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Kultur

Punker reiten die harte Welle für Jesus

Auf dem Freakstock-Festival im thüringischen Gotha ist in diesen Tagen eine ganz besondere Symbiose zu bestaunen: Christliche Bands schreien ihre Jesusverehrung als Punkmusik laut heraus.

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Jesus liebt alle Menschen - auch Punks?

Im letzten Jahr besuchten rund 5000 junge Christen das Freakstock-Festival. Veranstaltet wird das Ganze von den so genannten Jesusfreaks. Die christlichen Punker sehen wild und unkonventionell aus, beten, wie es ihnen passt und gehen mit E-Gitarre zum Gottesdienst. Punkbands wie "Wooden Cross" haben sich gar auf christliche Punk-Musik spezialisiert. Die klingt für manche Ohren vielleicht absurd, ist aber ernst gemeint.

Gebete im Slang der Szene

Punks, die an Gott glauben, sehen aus wie alle Punks. Sie tragen den bekannten Irokesen-Haarschnitt, Tattoos und Piercings - aber auch Kapuzenshirts, auf denen "Jesus Terror Force" steht. Sie haben ihren eigenen Gottesdienst, der "Abhängeabend" heißt. Sich selbst nennen sie Jesusfreaks und ihre Prediger "Oberärsche". Sie beten: "Heiliger Geist. Es ist supergeil, dass du gekommen bist. Jesus - danke, dass du dein Versprechen gehalten hast. Dass du gesagt hast: Ich gehe von euch, aber ich sende euch den Tröster." Dieses Gebet der Jesusfreaks hätte auf dem Weltjugendtreffen der katholischen Kirche, das jüngst im kanadischen Toronto stattfand, wohl kaum Anhänger gefunden.

Voll auf das Evangelium abfahren

Punks und Gott in einen Topf geworfen – wie passt das zusammen? Ihren unkonventionellen Weg klären die Jesusfreaks auf Workshops. Ein Wert von Jesusfreaks sei: "Wir sind eine Gang". Und eine Gang hat auch einen Auftrag: Den Leuten, die so drauf sind wie sie, das Evangelium zu vermitteln. "So wie wir Bock haben", sagen die Jesusfreaks. Jesus, da sind die Freaks sicher, wäre heutzutage cool - ein Punk oder Hippie. Er würde nicht zum Establishment gehören.

"Wenn Jesus heute leben würde, würde er auf jeden Fall nicht Orgel spielen, sondern E-Gitarre", glaubt Cookie aus Hamburg. Mit seinen 28 Jahren ist er schon ein Urgestein der Freak-Gemeinde. Er war dabei, als eine Handvoll Leute beschloss: Wir wollen radikal mit Jesus leben. Das ist nun zehn Jahre her und mittlerweile gibt es in ganz Deutschland rund fünftausend Mitglieder. Auch in der Schweiz, in Polen und Dänemark haben sich Gruppen gebildet.

Ein ursprüngliches Bibelverständnis

Radikal sein ist wichtig für die Freaks. Radikal in bezug auf Musik und Kleidung, radikal aber vor allem in der Auslegung ihres Glaubens. Sex vor der Ehe zum Beispiel ist bei den Freaks verboten. Die Bibel verstehen sie im eigentlichen Sinn. Das heißt, sie glauben, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde, dass Adam der erste Mensch war und dass Homosexualität eine heilbare Sünde ist. "Gott hat am Anfang Adam und Eva geschaffen und nicht Adam und Adam. Sonst hätten ja keine Kinder entstehen können", so sieht es Cookie.

Einfache Maximen in einer komplizierten Welt

Die Jesusfreaks predigen Toleranz, weil das in der Bibel steht. Und doch grenzen sie aus, sagt der Weltanschauungs-Beauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland, Bernd Schäfer: "Das ist, wie im Fundamentalismus immer, sozusagen eine Reaktionsbildung auf eine komplexe Welt, die in ein Schwarz-Weiß-Schema hinein reduziert wird, damit man sie versteht und kontrollieren kann."

Daran wollen die Jesusfreaks nicht rütteln: Stefan war früher ein Links-Autonomer. Nachdem er Jesusfreak wurde, verschwand seine Anti-Establishment-Attitüde. Früher hat er viel getrunken, auch das ist vorbei. "Am Anfang war es noch so, dass das Abendmahl mit Bier und Chips gefeiert wurde und die Leute besoffen im Gottesdienst rumlagen. Inzwischen haben viele aufgehört zu saufen, schmeißen ihre Kippen weg, verbrennen ihre Plattensammlung. Das ist doch schon ziemlich radikal", findet er.