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Europa

Pulverfass Nordkaukasus

Ein Bekennerschreiben für die Anschläge in Moskau gibt es noch nicht. Doch Geheimdienste vermuten Rebellen aus dem Nordkaukasus hinter den Attentaten. Dort versuchen Islamisten seit Jahren, die Macht an sich zu reißen.

Anschlag in Inguschetien im August 2009 (Foto: AP)

Anschläge, Kämpfe mit russischen Truppen: Alltag im Kaukasus

Der Nordkaukasus ist Russlands instabilste Region, ein Pulverfass - da sind sich die meisten Russland-Kenner einig. Denn in den Konflikt-Republiken Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan liefern sich verschiedenste Rebellengruppen seit Jahren schwere Kämpfe mit russischen Sicherheitskräften. Moskau will in der schwer zugänglichen Bergregion die Schaffung eines unabhängigen Kaukasus-Emirats verhindern. Das Innenministerium gibt die Zahl der "Banditen" im Nordkaukasus, wie sie offiziell genannt werden, mit 500 an.

Russlands Ministerpräsident Wladimier Putin (Foto: dpa)

Russlands Ministerpräsident verfolgt im Kaukasus eine harte Anti-Terror-Politik

Der islamistische Untergrundkämpfer Doku Umarow allerdings, der als Staatsfeind Nummer eins für die Führung in Moskau gilt, sprach unlängst von zehntausenden Kämpfern im Heiligen Krieg. Der selbst ernannte Emir hat sich dem Kampf um eine Befreiung des Nordkaukasus vom russischen Einfluss verschworen. Umarow räumte aber zuletzt ein, dass für eine Mobilisierung der Kämpfer gegenwärtig das Geld fehle.

Harte Anti-Terror-Politik

Nach Angaben des russischen Innenministeriums wurden im vergangenen Jahr 200 Rebellen getötet und mehr als 600 verhaftet. Zur "Vernichtung" der Untergrundkämpfer hat das Ministerium derzeit 23.000 Sicherheitskräfte abgestellt. Die Terroranschläge auf die Moskauer U-Bahn gelten vor allem als eine Antwort auf die Moskauer Anti-Terror-Politik im Nordkaukasus. Der 45-Jährige Umarow gab erst unlängst dem russischen Regierungschef Wladimir Putin die Schuld an dem dauerhaften Blutvergießen in der Konfliktregion.

Ungeachtet aller martialischen Ankündigungen scheitert Moskau seit Jahren daran, dauerhaft Ruhe in die Region zu bringen. Allein 2009 starben bei den Kämpfen in der Konfliktregion mehr als 1000 Menschen. Vor allem die Zivilbevölkerung leidet unter Terror und Polizeigewalt. Da für die Fundamentalisten das Gesetz der Blutrache gilt, gehen Experten davon aus, dass das Töten im Nordkaukasus weitergeht.

Aktionismus statt nachhaltiger Politik

Dass die Rebellen von der Bevölkerung im Kaukasus überhaupt unterstützt werden, liegt auch an der wirtschaftlichen Misere der Region. Dieses Problem habe der Kreml zwar erkannt, eine nachhaltige politische Strategie fehle aber, kritisieren Experten. So hat der Kreml Anfang des Jahres einen neuen Föderationsbezirk geschaffen, in dem die meisten Kaukasus-Republiken zusammengelegt wurden. Präsident Medwedew ernannte Aleksandr Chloponin zu seinem Vertreter in dem Bezirk und zugleich zum Vizeregierungschef. Dieser neue "Chef des Kaukasus" soll die Region stabilisieren und wirtschaftlich voranbringen.

Doch ihm fehlen dazu die die nötigen Vollmachten, sagt der russische Experte für internationale Beziehungen, Sergej Markedonow. Überhaupt gehe Moskau die Probleme falsch an, sagt Markedonow: "Kein Investor wird in eine Region kommen, wo Menschen entführt werden, wo von beiden Seiten Gewalt ausgeübt wird und wo die Korruption enorme Ausmaße angenommen hat."

Kaum Chancen auf Frieden

Ein Ende des Konflikts sei nicht absehbar, sagt die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina. "In Russland fehlt überhaupt eine Nordkaukasus-Politik. Es gibt gewisse nervöse und ruckartige Maßnahmen, mit dem Ziel, das Imperium um jeden Preis zu retten oder in manchen Fällen sogar wiederaufzubauen."

Autor: Manfred Götzke / Jegor Winogradow (dpa)

Redaktion: Eleonore Uhlich