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Kultur

Pulverfass AIDS

Die Aufklärung über die Immunschwäche-Krankheit steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Kommentar von Judith Hartl.

Keine Entwarnung - im Gegenteil: AIDS breitet sich fast überall auf der Welt weiter massiv aus - doch die Gefahr wird noch immer unterschätzt, ignoriert, totgeschwiegen. UNAIDS, das Programm der Vereinten Nationen gegen AIDS, hat in seinem neuesten Bericht Zahlen veröffentlicht: Danach sind 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert; über 28 Millionen von ihnen leben in Afrika, südlich der Sahara; Südafrika ist am schlimmsten betroffen, dort sind fast 40 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Und die Dunkelziffer dort dürfte aufgrund fehlender Testmöglichkeiten noch höher liegen. In Europa ist AIDS vor allem im Osten auf dem Vormarsch: Die weltweit größten Zuwachsraten hat die Ukraine. AIDS fordert sehr viel mehr Opfer als Kriege und Naturkatastrophen - 2001 starben mehr als drei Millionen Menschen an der Immunschwächekrankheit.

Und noch immer ist Aids nicht heilbar. Ein Impfstoff ist trotz einiger vielversprechender Studien nicht in Sicht. Zwar gibt es schon recht gute Medikamente, die zum Beispiel die Vermehrung des Virus im Körper stoppen und somit das Leben zumindest verlängern.

Doch diese Medikamente sind für die meisten Patienten zu teuer, die Handhabung zu kompliziert. Und das Entgegenkommen der Pharma-Riesen, in Entwicklungsländern sogenannte Generika - also billigere Nachahmerprodukte zuzulassen - ändert so gut wie nichts, solange Politiker die Zeitbombe HIV ignorieren oder herunterspielen.

Denn AIDS ist kein rein medizinisches Problem mehr: Es wird mehr und mehr zu einem sozialen Problem, zu einem politischen Problem. Das aber scheint vor allem Südafrikas Präsident Thabo Mbeki nicht zu verstehen, sondern zu verdrängen: Wie sonst kann er noch immer öffentlich in Frage stellen, dass in Afrika das HI-Virus die tödliche Krankheit AIDS verursacht? Und unterdessen rafft die Immunschwäche unzählige junge Menschen dahin, also diejenigen, die arbeiten und für das wirtschaftliche, für den Fortschritt des Landes sorgen sollten.

Politiker wie Thabo Mbeki stehlen sich aus der Verantwortung. Machen die Augen zu. Vor einer Seuche, die unvorstellbar verheerend sein kann, die man aber - mit recht einfachen Mitteln - zumindest in den Griff bekommen könnte. Beispiele dafür gibt es: In einigen afrikanischen Ländern - in Uganda, Kenia oder Tansania geht die Zahl der Neuinfektionen zurück. Ganz wichtig dabei: Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung - zum Beispiel darüber, dass Aids über das Blut oder durch Geschlechtsverkehr übertragbar ist und dass man sich und seine Partnerin und auch das ungeborene Kind recht einfach mit Hilfe eines Kondoms schützen kann. Doch noch immer haben über 70 Prozent der heranwachsenden Frauen in Somalia noch nie etwas über AIDS gehört; auch in der gesamten früheren Sowjetunion, wo AIDS auf dem Vormarsch ist, steckt die Aufklärung noch immer in den Kinderschuhen.

Doch was nutzt alle Information über AIDS, solange sich Männer aus Eitelkeit und Potenz-Gehabe weigern, ein Kondom zu benutzen? Was nutzen aufwendige Aufklärungskampagnen, solange nicht mit zum Teil abstrusem Aberglauben aufgeräumt wird? So soll beispielsweise ein infizierter, kranker Mann geheilt werden, wenn er Sex mit einer Jungfrau oder einem Baby hat. Wie aberwitzig - da darf sich Thabo Mbeki nicht wundern, dass die Vergewaltigungen, der Missbrauch von Kindern in seinem Land dramatisch zunehmen. Das sind Auswüchse.

Aber Tatsache ist: AIDS entwickelt sich vor allem in großen Teilen des afrikanischen Kontinents zur größten sozialen Katastrophe, die mehr Opfer fordern als alle Kriege dort. Ob das Pulverfass explodiert, hängt von den Politikern ab - sie müssen die Augen aufmachen, sich dem Problem AIDS stellen. Und das beginnt schon einmal damit, dass man die einfachsten wissenschaftlichen Fakten akzeptiert. Dass AIDS durch das HI-Virus verursacht wird und durch nichts, aber auch gar nichts anderes.

  • Datum 30.11.2001
  • Autorin/Autor Judith Hartl
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1QfH
  • Datum 30.11.2001
  • Autorin/Autor Judith Hartl
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