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Kultur

Publikation von Hitler-Zitaten bleibt verboten

Auch Auszüge aus Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" dürfen laut aktuellem Urteil in Deutschland nicht veröffentlicht werden. In anderen Ländern und im Internet ist das Buch trotzdem zu haben.

Eine Ausgabe der Edition 'Zeitungszeugen' (Foto: dpa)

Eine Ausgabe der Edition "Zeitungszeugen"

Seit dem 11. November 1923 sitzt der Gefangene wegen Hochverrats in Haft - sein Putschversuch ist gescheitert, der nationalsozialistische Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle endete in einem Blutbad. Adolf Hitler ist, so scheint es, am Ende. Er hat nun Zeit, seine Zukunft zu überdenken und er nutzt die erzwungene Atempause. Draußen herrscht politisches Chaos, die Wirtschaft liegt am Boden, Arbeitslosigkeit grassiert, auf den Straßen bekämpfen sich rechte und linke Kräfte. Die Weimarer Republik in Agonie. Drinnen formuliert Hitler seine politische Vision. In wenigen Monaten schreibt er "Mein Kampf", eine krude Mischung aus ideologischem Manifest, Autobiographie und zusammengeklaubten Versatzstücken aus anderen Büchern und politischen Pamphleten. Er thematisiert rassistisches und antisemitisches Gedankengut, spricht von Krieg und nationalsozialistischer Revolution und untermauert seinen künftigen Führungsanspruch. Veröffentlicht wird das Buch erst zwei Jahre später, da ist Hitler wieder ein freier Mann und hat mit seinen Getreuen die in alle Winde zerstreute nationalsozialistische Partei NSDAP neu gegründet.

Hetzschrift als Bestseller

Bis 1933 werden nahezu 300.000 Exemplare von "Mein Kampf" in einer preiswerten "Volksausgabe" verkauft, danach wird das Buch zum Millionen-Bestseller, Pflichtlektüre in jedem national gesinnten Haushalt, zum Schulbuch und Geschenk des Staates an deutsche Brautpaare. Historiker bezweifeln allerdings, ob wirklich Millionen das Machwerk tatsächlich gelesen haben. "Mein Kampf" jedenfalls war auch ein wirtschaftlicher Erfolg für die Partei und ihren Verlag, und Adolf Hitler verdiente ganz persönlich daran. Auch im Ausland konnte man das Buch lesen, es gab Übersetzungen ins Französische, Englische, Spanische und viele andere Sprachen. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wollte niemand mehr etwas von dem Hitler-Bestseller wissen. Millionen Exemplare lagen noch in deutschen Haushalten herum und sind als peinliche Hinterlassenschaft beseitigt worden - aber offenbar nicht alle. In England beispielsweise  wurden noch 2005 und 2009 handsignierte Exemplare für viel Geld versteigert.

Ein Machwerk

Das Urteil von Historikern ist seit Jahrzehnten eindeutig: Sie nennen "Mein Kampf" überspannt, irrational, verworren, dumpf, gekünstelt, egozentrisch, stilistisch missraten und politisch abgründig. "Ein merkwürdig verdorbener Geruch schlägt dem Leser aus den Seiten entgegen", befand einst der Historiker und Autor Joachim C. Fest in seinem wegweisenden Buch über Hitler. "Mein Kampf" sei der völlig missglückte Versuch, eine Weltanschauung zu formulieren. Die Wiener Historikerin Brigitte Hamann findet die Schrift unerträglich langweilig und sagte kürzlich in einem Interview mit der Wochenzeitung "Zeit": "Hitler hat so gut wie nichts aus sich selbst geschöpft. Er hat immer nur abgeschrieben, vor allem aus den Postillen politischer Randgruppen."

Schädliche Propaganda?

Auszüge aus Hitlers Pamphlet Mein Kampf: An deutschen Kiosken dürfen sie nicht verkauft werden (Foto: dpa)

Auszüge aus Hitlers Pamphlet "Mein Kampf": An deutschen Kiosken dürfen sie nicht verkauft werden

In Deutschland ist die Veröffentlichung des Buches verboten. Es gilt als verfassungsfeindliche Propaganda und ein Mittel der Volksverhetzung. Man will zudem Missbrauch und die politische Beeinflussung von Lesern verhindern - ein Argument, das vielen heute angesichts längst gefestigter demokratischer Verhältnisse unsinnig erscheint. Der britische Historiker Ian Kershaw hat einmal gesagt, der Versuch, die Leserschaft zu zensieren, sei im Internet-Zeitalter eine sinnlose Übung. In der Tat ist das Buch in Auszügen oder komplett im Netz zugänglich, in Antiquariaten zu finden - und im Ausland auch. Ob in Indien, Russland, der Türkei oder Kroatien, "Mein Kampf" ist noch heute in vielen Ländern erhältlich.

Grenzen des Urheberrechts

In einem Streit um die Publikation von Auszügen des Hitler-Buches durch den britischen Verleger Peter McGee in seiner historischen Wochenzeitung "Zeitungszeugen" ging es Anfang 2012 zudem um die Grenzen des deutschen Urheberrechts. Das Recht an Hitlers Manuskript übertrugen die Alliierten nach dem Krieg auf die bayerische Landesregierung, weil Hitlers Wohnsitz bis zuletzt München war. Sein Vermögen wurde eingezogen und dazu zählte man damals auch die Nutzungsrechte an der politischen Kampfschrift. Die Landesregierung hat bisher jeden Versuch einer Publikation von Textauszügen juristisch erfolgreich bekämpft. So auch diesmal: Nachdem McGee bereits im Januar 2012 per einstweiliger Verfügung untersagt wurde, Zitate der Hetzschrift zu veröffentlichten, bestätigte das Münchner Landgericht am Donnerstag (08.03.2012) diese juristische Entscheidung.

Freilich: 70 Jahre nach dem Tod eines jedweden Autors erlischt das Urheberrecht. Und das bedeutet, 2015, sieben Jahrzehnte nach dem Selbstmord des Diktators 1945, könnte "Mein Kampf" aufgrund des Urheberrechts komplett veröffentlicht werden. Das Verbot wegen Volksverhetzung und Verfassungsfeindlichkeit bleibe davon jedoch unberührt.

Es sei mittlerweile überfällig, dass eine breite Öffentlichkeit die Möglichkeit bekomme, sich mit dem Originaltext auseinanderzusetzen, sagte Verleger McGee dem Magazin "Der Spiegel" vor der Gerichtsentscheidung. Manche mutmaßen freilich, der Brite handele ausschließlich aus kommerziellen Interessen.

Wissenschaftliche Publikation

Wissenschaftlich aufgearbeitet wird das Buch indes schon längst. Beim Münchner Institut für Zeitgeschichte bereitet man eine kommentierte, seriöse Edition vor. Sie soll erscheinen, bevor andere die Hitler-Schrift aus kommerziellen Gründen publizieren. Die Wiener Historikerin Hamann ist skeptisch. Da komme wohl ein zehnbändiges Werk heraus, sagte sie. "Man erweist 'Mein Kampf' damit mehr Ehre, als ihm gebührt." Allenfalls eine handliche Ausgabe sei ihrer Meinung nach denkbar, man müsse nicht gleich die ganze Weltgeschichte an dem Buch erklären. Auch wenn es nun juristisch geklärt ist, bleibt die Frage, ob Auszüge aus dem Buch an deutschen Kiosken verkauft werden sollten, bleibt umstritten. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder meint: Auf keinen Fall. Um die Menschenverachtung der nationalsozialistischen Taten zu begreifen, brauche man angesichts zahlloser eindrucksvoller Gedenkstätten und Orte des Grauens überall in Deutschland so etwas ganz bestimmt nicht. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sähe einer Veröffentlichung entspannt entgegen und hofft, dass das Buch damit "ein Stück weit entzaubert" werde.

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Gudrun Stegen/Klaudia Prevezanos

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