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Asien

"Psychologischer Sieg der Taliban"

Zwölf Tote und viele Verletzte. Das ist die Bilanz des jüngsten Taliban-Angriffes mitten in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der Anschlag stellt erneut den Friedensprozess mit den Aufständischen in Frage.

Rauch über dem Diplomatenviertel in Kabul während des Taliban-Angriffs (Foto: AP/dpad)

Rauch über dem Diplomatenviertel in Kabul während des Anschlags

Mit Raketenwerfern, Panzerfäusten und Bombenwesten griffen die Talibankämpfer am Dienstag (13.09.2011) das Diplomatenviertel in Kabul an. Das Selbstmordkommando der radikal-islamischen Taliban verschanzte sich in einem nah gelegenen Hochhaus-Neubau und nahm von dort die US-Botschaft und das Hauptquartier der ISAF unter Beschuss. Erst nach 20 Stunden gelang es den afghanischen und amerikanischen Sicherheitskräften, die sechs Angreifer zu töten. Auf der anderen Seite kamen vier afghanische Zivilisten und zwei Polizisten ums Leben. Was bleibt, ist eine zutiefst verunsicherte Bevölkerung: "Die Menschen hier in Kabul, und ich auch, wir sind besorgt", sagt ein Bewohner der Hauptstadt. "Sollten die nationalen Sicherheitskräfte nicht fähig sein, die Sicherheitslage zu verbessern, wird sich die Situation hier rapide verschlechtern."

Wachsende Verunsicherung

Ein alter Mann und ein Junge schauen mit resigniertem Blick (Foto:DW)

Wachsendes Unbehagen: Viele Afghanen fürchten die Rückkehr der Taliban an die Macht

Zwar sind die Menschen in Kabul Anschläge und Angriffe der Taliban gewohnt, dennoch sind sie angesichts der steigenden Zahl der Attentate verängstigt. Der jüngste Anschlag ereignete sich mitten im gut bewachten Machtzentrum der Hauptstadt. Ein weiterer Bewohner, Wachmann von Beruf, fürchtet, dass die afghanischen Sicherheitskräfte bereits von Taliban-Anhängern unterwandert wurden: "Ich als Wächter kann einen Eindringling schnappen, der von außen kommt. Einen Dieb zu fassen, der von innen kommt, ist kaum möglich. Mit den Terroristen ist es das Gleiche. Vielleicht werden sie von oben unterstützt und die Sicherheitskräfte arbeiten mit ihnen zusammen. Aus dem Himmel können sie wohl nicht fallen."

Das Unbehagen in der Bevölkerung wächst. Nur wenige Afghanen halten die eigene Polizei und Armee für stark genug, um allein gegen die Taliban zu kämpfen. Viele halten eine Rückkehr der Taliban ab 2014, dem offiziellen Abzugstermin der internationalen Truppen, für gut möglich.

Regierung: "Taliban geschwächt"

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hält eine Rede (Foto: AP)

Präsident Hamid Karsai: "Letztes Aufbäumen der Taliban"

Doch die Regierung lässt solche Stimmen nicht zu. Die Arbeit der eigenen Sicherheitskräfte wird bei jeder Gelegenheit gelobt. Auch diesmal: Die afghanische Polizei habe erneut bewiesen, jeder Herausforderung gewachsen zu sein, sagte Seddiq Seddiqi, Sprecher des Innenministeriums: "In kurzer Zeit und mit nur geringem Schaden hat die Polizei die Lage unter Kontrolle gebracht. Das Wichtigste ist, dass die afghanische Polizei gewillt ist, ihr Leben für die Verteidigung des Landes zu opfern."

Auch Präsident Hamid Karsai pries die Arbeit der afghanischen Polizei. Er bezeichnete den jüngsten Angriff der Taliban als ein "Zeichen großer Schwäche". Der Angriff sei ein letztes Aufbäumen gegen den, wie Karsai meint, erfolgreichen Prozess der nationalen Versöhnung.

Experten: "Taliban erstarkt"

Die Taliban haben wiederholt jedes Gespräch mit der afghanischen Regierung abgelehnt. Sie verlangen einen kompletten und sofortigen Abzug aller ausländischen Soldaten aus Afghanistan. Zudem soll ihr Führer, Mullah Omar, als legitimer Herrscher Afghanistans anerkannt werden.

Portrait Taliban-Führer Mullah Omar (Foto: AP)

Die Taliban wollen ihren Führer Mullah Omar zum Herrscher Afghanistans machen

Mit ihren Angriffen wollen die Taliban die USA zum Einlenken bewegen, meint Sayed Masood, Politikexperte an der Universität Kabul: "Die Taliban und ihre Helfer agieren sehr bewusst. Sie wissen, dass der Westen kriegsmüde ist und dass die Kabuler Regierung angesichts der Abzugspläne der NATO-Truppen stark unter Druck steht."

Ähnlich wie Masood argumentiert auch Omar Scharifi, Leiter des Instituts "American Studies for Afghanistan" in Kabul. Der US-Bürger afghanischer Herkunft sieht die afghanische Regierung und die USA in einem Dilemma: Washington und Kabul hätten nicht genug Zeit, um die Taliban zu Verhandlungen zu zwingen. Dies gebe den Taliban eine Position der Stärke: "Die Taliban sind jetzt in der Lage, militärischem Druck standzuhalten und gleichzeitig ihre Angriffe zu verstärken." Die Taliban, meint Scharifi, werden erst dann zu Verhandlungen bereit sein, wenn ihnen die alleinige Herrschaft über Afghanistan garantiert wird. Vorher nicht.

Autor: Ratbil Shamel

Redaktion: Ana Lehmann

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