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Kultur

Psychologe: Die Terroristen von Manchester erinnern an die Schlächter der Nazis

Wer war der Attentäter von Manchester? Was wollte er? Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner blickt im DW-Interview hinter die Fratze des Terrors.

Deutsche Welle: Herr Prof. Wagner, Können Sie verstehen, was da in Manchester passiert ist?

Prof. Ulrich Wagner: Terroristen führen terroristische Attacken aus, um ganze Gesellschaften in Angst und Schrecken zu versetzen - um so die eigenen Ziele durchzusetzen. Es geht um Verunsicherung.

Für Islamisten symbolisieren Popkonzerte wie das von Manchester die Ideologie des Feindes, des Westens. Der galt die Attacke.

22 Tote Konzertbesucher, viele Verletzte die meisten Kinder und Jugendliche - wer tut so etwas?

Porträt Prof. Dr. Ulrich Wagner Uni Marburg. Foto: Laackman Photostudios Marburg

Prof. Dr. Ulrich Wagner

Es sind Menschen, die von ihrer eigenen politischen oder religiösen Haltung überzeugt sind. Die gibt ihnen die Rechtfertigung zu solch einer massiven und brutalen Tat. Sie wollen höhere Ziele erreichen, eigene religiöse und politische Interessen durchsetzen.

Hatte der Täter ein klares Bild von seinen Opfern?

Nein. Terroristen lassen sich üblicherweise nicht auf die Individualität ihrer Opfer ein. Zur Täterschaft gehört, dass der Täter seine Opfer dehumanisiert, also nicht mehr die Jugendlichen oder Kinder dahinter sieht, sondern eine anonyme Masse, die er nicht der eigenen Gruppe zurechnet. Die Opfer werden aus der eigenen Gruppe ausgeschlossen. Nur so kann ein Täter so etwas fertig bringen und die eigenen Skrupel überwinden.

"Täter sind häufig ganz normale Menschen"

Was sagt das über den Täter, dass der Anschlag vor allem auf Kinder und Jugendliche zielte?

Es können auch Täter sein, die sich alleine - mit Unterstützung des Internets - in eine solche Karriere hineinbegeben. Das sind, aus Sicht der Forschung, nicht unbedingt kranke, sondern oft relativ normale Menschen, die häufig verzweifelt sind. Und denen dann eine Ideologie - religiös oder nichtreligiös - Erklärungsversuche und Rechtfertigung gibt für solch brutale Taten.

Aber was verblendet einen Menschen derart, dass er sämtliche Menschlichkeit hinter sich lässt?

Es ist der Versuch, Grenzen zu schaffen - die eigene Gruppe, Religion oder das eigene Volk abzugrenzen. Wir kennen so etwas vom Nationalismus. Hier jedoch geht es um eine extreme Form des Nationalismus, die nicht nur darauf zielt, den anderen abzuwerten, sondern so weit auszuschließen, dass dies brutales Verhalten rechtfertigt. Wir kennen Ähnliches von den Schlächtern des Nazi-Regimes, die dann maschinell und industriell Menschen getötet haben. Es kommt zu einer Art Elitebildung. Diejenigen, die für die eigene Gruppe vorangehen, identifizieren sich in starkem Maße mit der eigenen Gruppe.

Wie können wir uns als Gesellschaft davor schützen?

Imame beten in einer Kölner Moschee. Foto: picture alliance/dpa/O. Berg

Die islamischen Gemeinden sollten sich vom Terror abgrenzen, sagt Sozialpsychologe Wagner

Da gibt es zwei Möglichkeiten: Die eine ist der unmittelbare Schutz vor Terror. Wir brauchen ausreichend Polizeipräsenz, um die Wahrscheinlichkeit solcher Übergriffe zu reduzieren.

"Prävention effektiver als Polizeischutz"

Der effektivere Schutz aber ist Prävention: Wenn ich weiß, dass Gefühle von Diskriminierung und Benachteiligung eine Ursache sind - freilich werden nicht alle Diskriminierten zu Attentätern - dann muss ich solche Gefühle doch vermeiden. Und das bedeutet, dass ich nach Manchester sorgfältig und detailliert über die Ursachen diskutiere.

Und wir müssen vermeiden, Menschen mit Migrationshintergrund oder Muslime auszugrenzen. Sonst schaffen wir neuen Nährboden für potentielle weitere Täter. Zugleich sollten muslimische Gemeinden veranlasst werden, sich solchen politischen Ideologien entgegenzustellen. Sie müssen deutlich machen, dass diejenigen, die solche Gewaltakte mit dem Islam begründen, den falschen Islam vertreten.

Das alles ist weit effektiver als jede Polizeipräsenz, die uns alleine nicht weiterführt. Als Gesellschaft sollten wir jetzt mit Ruhe, Besonnenheit und mit klarer Linie reagieren.

Ulrich Wagner, Jahrgang 1951, ist Professor für Sozialpsychologie im Fachbereich Psychologie und im Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg.

Mit ihm sprach Stefan Dege.

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