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Sprachbar

Psycho-Jargon

In der Alltagssprache sind sie allgegenwärtig, bestimmte Worthülsen und Floskeln. Betroffenheit wird signalisiert, wo Hilflosigkeit regiert. Nicht nur Politiker, sondern auch Hobby-Psychologen sind darin Meister.

Amokläufe an Schulen – Erdbeben mit verheerenden Auswirkungen – Millionen verlieren durch gierige Bankmanager ihr Erspartes. In der Regel löst dies Betroffenheit bei Politikern aus. In politischen Kreisen ist ohne das Wort kaum auszukommen. Es vergeht selten ein Tag, an dem Politikerinnen und Politiker nicht ihre Betroffenheit zeigen.

Verschiedene Abstufungen

Meist sind sie sogar tief betroffen oder geben sich – so vernimmt man es dann in den Nachrichten – äußerst betroffen. Aber kann man in Berlin von einem Erdbeben zum Beispiel in Pakistan tief oder äußerst betroffen sein?

Natürlich nicht. Aber etwas sagen müssen sie ja, die Damen und Herren. Und da sie nicht sagen können, was sie wirklich bewegt, greifen sie auf Floskeln zurück und äußern eben ihre Betroffenheit.

Ein Allerweltswort

Präsident Obama mit Tränen auf seinem Gesicht nach der Nachricht vom Tod seiner Großmutter

Persönliche Betroffenheit

Die tiefe Betroffenheit signalisiert eine Art Trauer. Die äußerste Betroffenheit – etwa nach einem Amoklauf in einer Schule – soll eher Bestürzung, Wut und Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen.

Betroffenheit ist inzwischen zu einem Allerweltswort für Empfindungen geworden: Eine Art Deckmantel, um die wahren Gefühle nicht ausdrücken zu müssen. Allerweltswörter aber, das liegt in ihrer Natur, haben etwas Unverbindliches. Etwas Beliebiges. Daran ändern auch superlative Zusätze nichts. Eine Äußerung wie "das hat mich irrsinnig betroffen gemacht" nimmt eigentlich niemand ernst, da hört keiner so richtig hin.

Psycho-Sprache

Anders ist das schon bei dem schönen Wort einbringen. Wenn Klaus sich in der Besprechung total eingebracht hat, dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er hat zu aller Überraschung, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, bestechend klug und überzeugend argumentiert. Oder er hat einfach nur viel geredet, hektisch und ohne groß nachzudenken.

Wer sich voll einbringt, der investiert auch gerne. Zum Beispiel in eine Beziehung. Aber, was um Himmels Willen wird in eine Beziehung investiert? Richtig! Gefühle. Und zwar jede Menge.

Hobby-Psychologen

"Du musst einfach mehr Gefühl investieren, dann macht Linda bestimmt auf und lernt dadurch auch vielleicht endlich, zu sich zu stehen." Der Hobby-Psychologen-Jargon ist Geschwätz auf einer vermeintlich höheren Ebene.

Drei Männer sitzen in einem Café an einem Tisch und reden

"Du musst einfach mehr Gefühl investieren ..."

In den Reihen der solidarisch betroffenen Gefühlsbringer gibt es Heerscharen von selbsternannten Psychologen. "Versuch ganz einfach mal, das zu verdrängen", sagen sie zum Beispiel zur verzweifelten Freundin, der dies begreiflicherweise wenig bis gar nichts nützt. Genauso wenig wie der wohlgemeinte Rat "Sei einfach mal spontan und lass deinen Gefühlen freien Lauf".

Sprechblasen

Es ist die hohle Phrase, die Sprechblase, die so etwas wie Unbehagen bereitet. Womit wir wieder bei der Betroffenheit wären. Und da kann man nur einen Internet-User zitieren: "Alle Leute tun immer ganz betroffen, wenn etwas passiert. Aber tut mal irgendjemand etwas dagegen?"

Fragen zum Text

Ein Allerweltswort ist …

1. ein Wort, das auf alles Mögliche zutrifft.

2. ein anderes Wort für "Allgemeinheit".

3. die Bezeichnung für alles, was auf der Erde lebt.

Wenn jemand sich einbringt, dann …

1. beteiligt er/sie sich an etwas.

2. hat er/sie einen Nutzen von etwas.

3. fährt er/sie die Heuernte in die Scheune ein.

Die Redewendung jemand macht auf, bedeutet, dass …

1. er/sie die Tür öffnet.

2. er/sie Ratschläge eines anderen annimmt.

3. er/sie etwas Neues gründet.

Arbeitsauftrag

Suchen Sie sich aktuelle Ereignisse wie zum Beispiel Naturkatastrophen, Firmenschließungen, Flugzeugabstürze oder Ähnliches. Fassen Sie die Reaktionen von Politikern, den Medien und der Bevölkerung schriftlich zusammen.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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