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Wissen & Umwelt

Psychische Störungen bei Jugendlichen

Eltern und Lehrer wissen oft nicht, dass ihre Schützlinge Hilfe brauchen. Dabei sind Zahlen alarmierend: Selbstmord ist bei den 15- bis 24-Jährigen in Europa die zweithäufigste Todesursache.

Mit Rasierklingen und Messern habe sich ihre Tochter immer wieder selbst verletzt, erzählt Ulrike Wolf. Fünfzehn Jahre sei Kim damals alt gewesen. Zunächst hatte niemand bemerkt, dass die Schülerin seelische Probleme hatte, die Eltern nicht und auch nicht die Lehrer. Erst ein Abschiedsbrief, den ihre Mutter im Bettkasten fand, machte das Ausmaß deutlich. "Als Angehöriger weiß man ja nicht, was los ist. Man merkt vielleicht, dass das Kind anders ist als andere Kinder, aber man vermutet ja keine Krankheit dahinter", erzählt Ulrike Wolf im Gespräch mit der Deutschen Welle. Heute weiß sie: "Es war ein Hilferuf." Kim brauchte dringend eine Therapie.

Selbstverletzung als Ventil

Sich selbst ritzen, sich Brandwunden zufügen oder schlagen - auf diese Art bauten Jugendliche mit psychischen Störungen oft ausgeprägte Zustände von innerer Anspannung ab, erklärt Professor Romuald Brunner von der Universitätsklinik Heidelberg gegenüber der DW. Der stellvertretende Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie leitete die Studie SEYLE "Saving and Empowering Young Lives in Europe" für Deutschland. Teilgenommen haben zehn europäische Staaten sowie Israel.

Die Erhebung beschäftigt sich mit psychischen Störungen bei Jugendlichen. Die Befragung der Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren wurde anonym durchgeführt. Dabei gaben beispielsweise acht Prozent der Jungen und über achtzehn Prozent der Mädchen an, sich in ihrem Leben mindestens dreimal selbst verletzt zu haben.

Mädchen auf dem Schulhof. Foto: Peter Raider / CHROMORANGE/Picture Alliance

Mädchen leiden häufiger unter psychischen Störungen als Jungen

Anlass für die Untersuchung seien die hohen Zahlen von psychischen Auffälligkeiten gewesen, so Brunner. Dazu gehören Selbstmordgedanken und Selbstmordversuche. "Acht Prozent der befragten Mädchen haben von einem Suizidversuch in ihrem Leben berichtet", so Brunner. In Mitteleuropa ist Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen. An erster Stelle stehen Verkehrsunfälle.

Internet, Facebook und Handy

Viele Jugendliche ersetzen den realen Umgang mit Menschen und soziale Bindungen mittlerweile durch künstliche Welten. Sie leiden unter Internetsucht, ihre Freunde finden sie über Facebook und sind oft der Meinung, ohne Handy gar nicht existieren zu können. "Es ist vielleicht ein Paradoxon, dass einerseits über das Internet sehr viele Kontaktmöglichkeiten bestehen und die auch genutzt werden, aber sie letztendlich keine echten Kontakte ersetzen können." Diese Gruppe, so Brunner weiter, sei übermäßig häufig von einer depressiven Symptomatik betroffen, auch von suizidalen Ideen und Angststörungen.

Dass die Handysucht weitverbreitet ist, weiß auch Elaine de Guzman. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Somnia-Klinik in der Nähe von Köln. Dort ist es die Regel, dass die Patienten ihre Handys und Laptops abgeben müssen. "Vor kurzem haben wir eine sechzehnjährige Patientin bei uns aufgenommen, und es hat lange gedauert, bis wir ihr das Handy abnehmen konnten," sagt die Oberärztin. "Später hat sie dann in einem Einzelgespräch gesagt: 'Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine Stunde ohne auskommen könnte.'" Ein kleiner Erfolg.

Kunsttherapie, Gruppen- und Einzelgespräche und auch Therapien, bei denen Tiere - etwa Hunde - miteinbezogen sind, bietet die Klinik an und auch Unterricht in den Grundfächern. So verlieren die Jugendlichen nicht den Anschluss in der Schule. Sie wohnen entweder alleine in einem Zimmer oder teilen sich eins. Bis zu fünfzehn Patienten sind in der Somnia-Klinik vollstationär untergebracht. Die Behandlung hierdauert durchschnittlich drei bis acht Wochen. Die meisten, die hierher kommen, sind im Alter zwischen zwölf und zwanzig Jahren und leiden beispielsweise unter neurotischen Störungen oder Ängsten. Betreut werden sie von geschulten Mitarbeitern, von Ärzten und Psychologen.

Symbolbild zu Außenseiter, Einsamkeit Bild: Fotolia/ lassedesignen # 42127869

Isolation und Einsamkeit können Ursachen für ernsthafte psychische Probleme sein.

In der Pubertät ist die Kommunikation schwierig

Probleme mit dem Selbstwertgefühl, vermehrte Traurigkeit, mal Schlafstörungen zu haben, das gehöre zur menschlichen Natur, so Brunner. "Aber wenn diese Probleme sehr stark sind, wenn sie sehr häufig auftreten, dann führt das natürlich zu erheblichen Konsequenzen für den Patienten."

Viele der Jugendlichen stecken mitten in der Pubertät. Sie seien heute alle sehr mobil und in den virtuellen Welten sehr rasch unterwegs, so Elaine de Guzman. Eltern kämen da oft nicht mit. "Und gerade in der Pubertät, in der man anfängt, sich selbständig zu machen und sich von den Eltern einerseits zu lösen, sie andererseits aber nach wie vor auch noch als erwachsenes Vorbild sehen will, entsteht so eine sehr große Kommunikationslücke." Die wird dann dadurch verstärkt, dass die Jugendlichen stundenlang vor dem Computer sitzen, sich Ersatzwelten schaffen, sich aber in der realen Welt nicht zurechtfinden.

Lehrer müssen stärker eingebunden werden

Innerhalb der SEYLE-Studie wurde eine sogenannte schulbasierte Intervention mit mehreren Strategien entwickelt. Eines der Modelle konzentriert sich auf ein spezifisches Trainingsprogramm für Lehrer. Es soll die Pädagogen schulen, mögliche Problemfälle in den Klassen besser zu erkennen und dann entsprechende Hilfe anzubieten.

In einem weiteren Modell geht es darum, dass die Schüler für die eigenen Gefühle sensibilisiert werden und auch für die Probleme ihrer Mitschüler. Im Idealfall können psychische Probleme so direkt erkannt und behandelt werden, bevor sie sich manifestieren. Ziel des sogenannten Professionellen Screenings schließlich ist es, Schüler, von denen man bereits weiß, dass sie gefährdet sind, intensiv zu beraten und ihnen beispielsweise Unterstützung durch Psychologen zu vermitteln.

Die Jugendlichen zur Therapie ermutigen

Noch immer fühlen sich viele Betroffene stigmatisiert, Kinder und Jugendliche genauso wie Erwachsene. Ein erster Schritt ist nach Meinung der Experten, die Menschen zu ermutigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich bei Schwierigkeiten an eine vertraute Person oder direkt an einen Psychologen zu wenden. Sie sollen die Angst vor einer vielleicht notwendigen Therapie verlieren.

Kim hat das gemacht. Rund sechs Jahre ist es nun her, dass ihre Mutter auf die psychischen Probleme ihrer Tochter aufmerksam geworden war. Mittlerweile hat die junge Frau die Schule abgeschlossen und macht eine Lehre. Es gehe ihr gut, so die Mutter, Ulrike Wolf. Nur die Narben vom Ritzen, die bleiben.

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