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Deutschland

Prozessauftakt im Münchner Mordfall Brunner

Er wollte Schülern helfen und musste sterben: Dominik Brunner wurde im September 2009 von zwei Teenagern getreten und geschlagen. Jetzt hat der Strafprozess um die Bluttat an einem Münchner S- Bahnhof begonnen.

Der Angeklagte Sebastian L. (M) sitzt auf der Anklagebank des Landgerichts München zwischen seinem Anwalt Jochen Ringler (r) und einem Justizbeamten (l) (Foto: dpa)

Sebastian L. (Mitte) muss sich vor dem Münchner Landgericht verantworten

Der 19-jährige Markus S. und der zur Tatzeit noch 17-jährige Sebastian L. ließen das Blitzlichtgewitter der Fotografen regungslos über sich ergehen, als sie am Dienstag (13.07.2010) in Handschellen in den Verhandlungssaal des Landgerichts München geführt wurden.

Neun Verhandlungstage mit über 50 Zeugen

Markus S. (r) sitzt vor Prozessbeginn im Landgericht in München auf der Anklagebank und schaut seinen Anwalt Maximilian Pauls an (Foto: dpa)

Neun Verhandlungstage sind für den Prozess gegen Markus S. (rechts) angesetzt worden

Verhandelt wird das Ende einer eigentlich ganz normalen S-Bahn-Fahrt am 12. September 2009. Diese endete für den Manager Dominik Brunner mit dem Tod. Vor zehn Monaten wurde der 50-Jährige auf dem Bahnsteig des Münchner S-Bahnhofs Solln von zwei Jugendlichen zu Tode geprügelt. Während der Fahrt hatte er sich schützend vor vier Schüler gestellt, die von den mutmaßlichen späteren Tätern bedroht wurden. Der zur Tatzeit 17 Jahre alte Sebastian L. und der damals 18-jährige Markus S. müssen sich wegen Mordes verantworten. Die rund 90-seitige Anklage sieht sie als Täter.

Der Prozess findet unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zu den bis Ende des Monats angesetzten neun Verhandlungstagen sind über 50 Zeugen sowie vier Sachverständige geladen. Eine entscheidende Frage des Verfahrens wird sein, ob der Angriff tatsächlich als Mord oder als Totschlag zu bewerten ist. Medienberichten zufolge könnte Brunner als Erster zugeschlagen haben. Allerdings gibt es hierzu unterschiedliche Angaben.

Blumen, Kerzen und ein Foto von Dominik Brunner liegen auf dem Bahnsteig am Bahnhof Solln bei München (Foto: ap)

Ein Foto erinnert am Bahnsteig an Dominik Brunner

Laut Anklage war es Mord

In der Anklageschrift geht die Staatsanwaltschaft von Mord aus. Am Nachmittag des 12. September 2009 soll sich der Manager Dominik Brunner auf einer S-Bahn-Fahrt in die Streiterei zwischen den beiden Angeklagten und vier jüngeren Schülern eingemischt haben. Dabei ging es um 15 Euro, die die Schüler zahlen sollten. Brunner versuchte zu schlichten und alarmierte per Handy die Polizei. Nach dem Aussteigen eskalierte die Situation schnell. Binnen einer Minuten sollen die beiden Jugendlichen Brunner mit Tritten und Schlägen insgesamt 22 schwere und schwerste Verletzungen zugefügt haben, die in ihrer Gesamtheit zum Tode führten. Die Anklage sieht diesen Übergriff als Rache an Brunner, weil er die vier Schüler vor dem Erpressungsversuch geschützt hatte.

Der ältere der beiden Angeklagten hat zu Prozessbeginn ein Geständnis abgelegt, dabei aber den Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft bestritten. "Ich weiß, dass das, was ich getan habe, nicht zu entschuldigen ist und dass ich absolut falsch reagiert habe. Mir tut der Tod des Herrn Brunner so unendlich leid, ich kann es nicht beschreiben", sagte Markus S. vor der Jugendkammer. Er habe zu keinem Zeitpunkt mit dem Tod Brunners gerechnet, geschweige denn diesen gewollt. In einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung gab Markus S. Brunner allerdings eine Mitschuld an der Eskalation am S-Bahnhof Solln. "Der ältere Mann tänzelte plötzlich mit erhobenen Fäusten vor mir und Basti rum", hieß es in der Erklärung. Dann habe Brunner auf einmal als Erster zugeschlagen. "Ich muss dann wohl völlig die Kontrolle über mich verloren haben", erklärte der heute 19-Jährige.

Auch der zweite Angeklagte äußerte sich zu der Tat: "Ich weiß, dass es dafür keine Entschuldung gibt, dass ein Mensch ums Leben gekommen ist. Es tut mir von Herzen leid, und ich wollte niemals, dass so etwas passiert", sagte Sebastian L. vor Gericht. Er gab zu, sie hätten Geld für den Abend gebraucht und mit zehn Euro gerechnet.

Oskar Brunner, Vater des ermordeten Dominik Brunner (Foto: dpa)

Der Vater von Dominik Brunner möchte wissen, wieso sein Sohn sterben musste

Bundesverdienstkreuz posthum

Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt. Brunner wurde posthum vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler für seine Zivilcourage mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nach seinem Tod gründete sich eine Stiftung mit dem Namen Brunners, die Zivilcourage fördern will. Der Ältere, Markus S., bat später bei Brunners Eltern schriftlich für "diesen Blackout" um Entschuldigung.

Brunners Vater und zwei der Schüler treten im Prozess als Nebenkläger auf. Schon in zwei Wochen will das Gericht sein Urteil verkünden. Bei einer Verurteilung wegen Mordes drohen Sebastian L. zehn Jahre, Markus S. sogar lebenslange Haft. Die Jugendkammer unter dem Vorsitz von Richter Reinhold Baier hatte vor zwei Jahren zwei ebenfalls 17 und 18 Jahre alte U-Bahn-Schläger, die einen Rentner mit Tritten lebensgefährlich verletzt hatten, zu achteinhalb und zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

Autorin: Marion Linnenbrink (ap, afp, dpa)
Redaktion: Annamaria Sigrist

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