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Wirtschaft

Prozessauftakt gegen "Pharma-Bro" Shkreli

Martin Shkreli galt als "meistgehasster Mann Amerikas", weil er ein lebensrettendes Medikament um 5000 Prozent teurer machte. Nun drohen ihm 20 Jahre Haft - aber nicht deswegen.

Der 34-jährige Martin Shkreli hat in seinem Leben einiges erreicht. Aufgewachsen in einem New Yorker Arbeiterviertel begann der Sohn albanisch-kroatischer Einwanderer, schon während seines Studiums an der Wall Street zu arbeiten. 2009 gründete er mit einem Freund den Investment Fonds MCMB Capital Management, 2011 die Pharmafirma Retrophin, 2015 schließlich eine weitere Pharmafirma, Turing Pharmaceuticals, mit Sitz in der Schweiz. Sein Vermögen wird auf zwischen 40 und 100 Millionen US-Dollar geschätzt.

Es war seine Tätigkeit in der Pharmabranche, die ihm zwischenzeitlich in US-Medien den Titel "meistgehasster Mann Amerikas" einbrachte. Turing erwarb 2015 die US-Vermarktungsrechte für Daraprim, ein Medikament, das zur Behandlung von Infektionen eingesetzt wird, unter anderem bei AIDS-Patienten.

Martin Shkreli Turing Pharmaceuticals CEO Protest (picture-alliance/AP Photo/C. Ruttle)

Die drastische Preiserhöhung für Medikamente führte zu Protesten, wie hier im November 2015 in New York

5400 Prozent Preiserhöhung

Weil Turing eine Monopolstellung für dieses Medikament innehatte, erhöhte Shkreli den Preis von 13,50 US-Dollar pro Tablette auf 750 Dollar - eine Verteuerung um 5400 Prozent. Das brachte ihm viel mediale Aufmerksamkeit und heftige Kritik, selbst von Pharmafirmen. Shkrelis Kommentar: So funktioniert Kapitalismus eben.

Shkrelis Strategie war es, ältere Medikamente ohne Patentschutz zu produzieren und als teure Spezialprodukte zu vertreiben - so lange, bis konkurrierende Unternehmen - angelockt von steigenden Preisen - die Mittel ebenfalls produzieren. Schon ein Jahr zuvor hatte er bei seiner Pharmafirma Retrophin das Medikament Thiola drastisch verteuert, wenn auch "nur" um 1900 Prozent.

Seit Mittwoch (28.06.2017) nun steht Martin Shkreli in New York vor Gericht. Wird er schuldig gesprochen, drohen im bis zu 20 Jahre Haft. Angeklagt ist er aber nicht wegen der Preiserhöhung für Medikamente, denn so funktioniert Kapitalismus wirklich. Stattdessen wird ihm vorgeworfen, die Anleger seiner Fondsgesellschaft MCMB Capital Management betrogen zu haben, die er bis 2012 leitete.

"Außerordentlich brillant"

Zum Prozessauftakt am Bundesgericht in Brooklyn zeichnete Shkrelis Anwalt das Bild eines missverstandenen Genies. "Martin Shkreli ist, trotz seiner Fehler und seiner schwierigen Persönlichkeit, außerordentlich brillant", sagte Benjamin Brafman zu den Geschworenen, die über die Schuld des Angeklagten zu urteilen haben. "Vielleicht mögen Sie Martin Shkreli nicht, vielleicht haben Sie sogar Gründe, ihn zu hassen - aber das ist keine Basis für eine Verurteilung."

USA Martin Shkreli und sein Anwalt Benjamin Brafman (picture-alliance/AP Photo/S. Wenig)

Martin Shkreli und sein Anwalt Benjamin Brafman vor dem Prozessbeginn

Shkreli soll versucht haben, die beträchtlichen Verluste seiner Fondsgesellschaft MCMB zu verschleiern, um weitere Investoren anzulocken. Anlegern zahlte er zwischenzeitlich rund zehn Millionen Dollar aus - Geld, das er aus der Pharmafirma Retrophin abgezweigt haben soll, deren Chef er war, bevor er 2014 gefeuert wurde.

"Anstatt seine Lügen zuzugeben und einzugestehen, dass seine Anlagestrategie gescheitert war, erhöhte er den Einsatz durch einen noch größeren Schwindel", sagte Staatsanwalt Karthik Srinivasan. Er fügte hinzu, Shkrelis Fondsgesellschaft basiere auf "Lügen über Lügen über Lügen".

"Anleger haben ihr Geld nur deshalb bekommen, weil der Angeklagte ein an der Börse gelistetes Unternehmen bestohlen hat - und damit sogar Erfolg hatte." Schließlich stieg der Börsenwert von Retrophin in dieser Zeit auf rund eine Milliarde Dollar.

Sein Verteidiger sagte, Shkreli habe gegenüber seinen wohlhabenden Anlagern zwar nicht immer "100 Prozent genaue" Angaben gemacht, doch diese hätten eben "auf sein Genie gewettet".

Medienberichten zufolge soll Shkreli manchmal gestrahlt haben, als sein Anwalt sprach. Zuvor, während das Gericht die Geschworenen für die Jury auswählte, habe er dagegen oft gelangweilt gewirkt.

Jury-Probleme

Die Zusammenstellung der Jury verzögerte sich um zwei Tage, weil es Probleme gab, unvoreingenommene Geschworene zu finden. Im US-Rechtssystem dürfen Mitglieder der Jury keine vorgefertigten Meinungen über die Angeklagten und möglichst auch keine Vorkenntnisse über den jeweiligen Fall haben.

Ein schwieriges Unterfangen angesichts des enormen Medienrummels über die Medikamentenpreise im Jahr 2015, die selbst im US-Wahlkampf noch thematisiert wurden.

Hinzu kamen öffentlichkeitswirksame Aktionen Shkrelis. So prahlte er, die einzige Pressung eines Albums der Band Wu Tang Clan ersteigert hatte - für zwei Millionen Dollar. Seine provozierenden Äußerungen auf Facebook und Twitter brachten ihm in den sozialen Medien den Spitznamen "Pharma Bro" ein. Anfang des Jahres wurde sein Twitter-Account schließlich gesperrt, weil er eine US-Journalistin getrollt hatte.

Entsprechend voreingenommen waren potenzielle Geschworene. Einige Kandidaten hatten Shkreli bei ihrer Anhörung als "das Gesicht kapitalistischer Gier" und als "Schlange" bezeichnet. Und einer sagte laut US-Medien: "Unvoreingenommen bin ich nur in einer Frage: In welches Gefängnis soll er gehen?"