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Kultur

Prozess gegen Mutter von neun toten Babys eröffnet

Ein beispielloser Fall in der deutschen Kriminalgeschichte beschäftigt das Landgericht Frankfurt (Oder). Die Angeklagte soll neun Babys geboren und dann dem Tod überlassen haben.

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Der Fundort der Baby-Leichen

Die Mutter der neun toten Babys von Brieskow-Finkenheerd (Brandenburg) hat zum Prozessauftakt am Donnerstag (27.4.) die Aussage verweigert. Sie muss sich wegen achtfachen Totschlags vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) verantworten. Die verwesten Kinderleichen waren im Sommer 2005 entdeckt worden. Die Anklage geht davon aus, dass die 13fache Mutter acht ihrer Kinder zwischen 1992 und 1998 heimlich mit der Absicht zur Welt gebracht hat, sie sofort nach der Geburt zu töten. Der Tod eines weiteren Babys im Jahr 1988 ist verjährt.

Totschlag

Sie habe die Neugeborenen in Stoffstücke eingewickelt und unversorgt liegen gelassen, bis sie gestorben seien, sagte Staatsanwältin Anette Bargenda. Danach habe die Frau die Leichen in Plastik verpackt in Gefäßen auf dem Balkon vergraben. Die Anklage geht von Totschlag durch Unterlassen aus. Mit einem Urteil wird am 30. Mai gerechnet.

Neunfacher Säuglingsmord

Die Polizei bei der Suche nach weiteren Leichen

Die neun skelettierten Kinderleichen waren im vergangenen Sommer auf dem elterlichen Grundstück der gelernten Zahnarzthelferin in Brieskow-Finkenheerd entdeckt worden. Die Mutter, die in weißem Pulli und Jeans zum Prozess erschien, sitzt in Untersuchungshaft. Der Vater der zwei Jungen und sieben Mädchen ist der Ex-Ehemann der Frau.

"Einfach liegen lassen"

Der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs verlas zu Beginn des Prozesses das Protokoll einer ersten richterlichen Vernehmung der Zahnarzthelferin im August 2005. Damals sagte die Angeklagte zu ihrem Motiv aus, sie habe bereits drei Kinder gehabt, und ihr Mann habe keine weiteren Kinder gewollt. Die Schwangerschaften habe sie oft erst im siebten Monat bemerkt.Sie habe keinem Kind etwas absichtlich antun wollen, gab die Frau damals an. "Ich habe sie nicht vorsätzlich sterben lassen, habe sie einfach liegen lassen, habe mich um sie nicht gekümmert."

Alkohol zur Betäubung

Immer wenn die Wehen einsetzten, habe sie sich betrunken. Am nächsten Vormittag sei sie dann auf dem Balkon ihrer Wohnung aufgewacht. Sie könne sich auch nicht daran erinnern, die Kinderleichen vergraben zu haben. Mit der ersten verheimlichten Entbindung fing der "Teufelskreis" für die Frau an, wie es in dem Protokoll heißt. Sie habe immer öfter zur Flasche gegriffen. Zu einem Frauenarzt sei sie nicht gegangen, aus Furcht vor Entdeckung der vorherigen Schwangerschaften.

Geburt auf der Toilette

Während der Geburt 1988 schlief der Ehemann von Sabine H. laut Vernehmungsprotokoll im Nebenzimmer. Sie habe "einen Druck nach unten" gespürt und das Kind auf der Toilette zur Welt gebracht. Später sei sie mit starken Blutungen neben der Toilette aufgewacht. Das Kind habe sich nicht bewegt.

Als erster von rund 80 geladenen Zeugen und Gutachtern wurde der Vater der gestorbenen Babys als Zeuge aufgerufen, der 43-Jährige verweigerte jedoch die Aussage. Nach früheren Angaben der Staatsanwaltschaft will der Mann von den Schwangerschaften nichts gewusst haben.

Nichts bemerkt

Für bundesweites Entsetzen sorgte Ende Juli 2005 nicht nur der grausige Fund der vielen Leichen, die in Blumenkästen, Eimern oder Plastikwannen vergraben waren. Auch der Umstand, dass niemand etwas von den Schwangerschaften der Frau bemerkt haben will, stieß auf Unverständnis. Ein Nachbar und ein Neffe der Angeklagten entdeckten beim Aufräumen zweier Garagen auf einem verwilderten Grundstück in Brieskow-Finkenheerd südlich von Frankfurt an der Oder zufällig die sterblichen Überreste und alarmierten die Polizei.

Seine Mandantin wolle den Prozess "jetzt endlich hinter sich bringen", sagte ihr Verteidiger Matthias Schöneburg. Die Angeklagte wirkte zum Prozessauftakt gefasst und stellte sich den Kameras. Nach knapp zweieinhalbstündiger Verhandlung vertagte sich das Gericht auf den 2. Mai. (chr)