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Kultur

Provozierende Tänze

Sie inszeniert Tanz in Ländern, in denen es kaum Tanz gibt - oder er sogar offiziell verboten ist, wie etwa im Iran oder auch in Palästina: Helena Waldmann, eine Berliner Choreografin, die versucht, Tabus zu brechen.

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Helena Waldmann

Im Januar dieses Jahres inszenierte die Berliner Choreografin Helena Waldmann in Teheran ihr Stück "Letters from Tentland". Am 17. September hatte in Ramallah ein Film Premiere, den die Künstlerin im Mai 2005 mit der berühmten palästinensischen Tanzkompanie El Funoun drehte. Schauplatz: der Gaza-Streifen und ein Flüchtlingscamp in Ramallah. Der Film zeigt den Alltag von Tänzern in einem Land, dessen Einwohner zur Bewegungslosigkeit verurteilt scheinen.

Überall Mauern

Grenzen, Kontrollpunkte, Hubschrauber: Im palästinensischen Alltag stößt man überall auf Mauern und wird ständig beobachtet. Eine Frau in Zwangsjacke windet sich mitten im Toten Land, vor dem berüchtigten Kontrollpunkt Qulandiaj vor Jerusalem. Ein Krankenwagen kommt, um ihr zu helfen - und lässt sie doch einsam zurück. Aber Helena Waldmann hat auch tanzende Kinder im Flüchtlingscamp gedreht, oder eine Frau hinter zerschossenen Fensterscheiben: "Wenn deine Mutter in einem Moment stirbt, kürzer als ein israelischer Soldaten braucht, um 14 Kugeln abzufeuern, dann fühlst du deine Seele", sagt die Frau. Es ist eine der entsetzlichen Geschichten, die Helena Waldmann zu hören bekam, als sie sich mit den 25 Tänzern der El Funoun-Kompanie zusammensetzte, um ihr Projekt vorzubereiten.

Emotionale Rettung

Die Idee kam vom Leiter des Goethe-Instituts Ramallah. "Ich habe jeden gefragt, ob sie mir eine Geschichte erzählen wollten. Und zwar eine Geschichte, die entweder ihr Leben extrem verändert hätte, oder von der sie finden, dass es wichtig ist, dass man sie der Welt erzählt." Sieben oder acht Tänzer hätten sich entschlossen, zu erzählen und seien zu ihr ins Studio gekommen, wo sie die Tänzer mit einer Kamera aufnahm. Leitmotiv des Films ist ein Krankenwagen in dem zwei Männer sitzen, die Kaffee ausschenken - und ständig unterwegs sind, um für "Emotional Rescue" zu sorgen, emotionale Rettung für die verletzten Seelen in den besetzten Gebieten. Es ist nicht einfach, diese Verletzungen zu tanzen. Beeindruckend ist eine Szene, in der die junge Tänzerin Ruba im zerstörten Flughafentower von Gaza ihre Lebensgeschichte tanzt: wie sie ein internationales Abitur machte, dass ihr ermöglichen sollte im Ausland zu studieren - und wie es ihr nichts nutzt, weil sie nicht ausreisen darf.

Hoffnungslosigkeit

Nachdem Helena Waldmann in Gaza-Stadt und in Ramallah war, konnte sie zwei Nächte nicht schlafen, erzählt die Choreografin. "Es ist wirklich so grausam, was da passiert, die Menschen fressen sich dort selber auf. Sie sind einfach fertig, weil die Situation in diesem abgesperrten Gaza-Streifen unerträglich war, in diesem Gefängnis ohne Dach." Viele hätten überhaupt gar keinen Pass und kämen da einfach nicht raus", sagt sie. "Es ist wirklich eine irrsinnige Hoffnungslosigkeit."

Schwere Gefechte im Gaza-Streifen

Im Gaza-Streifen kommt es immer wieder zu gewaltsamen Unruhen

Wo ist der Schmerz?

Trotzdem hat Helena Waldmann versucht, einer zu einseitigen Darstellung des Israel-Palästina-Konflikts aus dem Weg zu gehen: "Man muss auch aufpassen, das zu sehr zu vermischen. Wenn ich jetzt vom Goethe-Institut nach Israel eingeladen würde und einen Film mit Israelis machen sollte, könnte ich mir genauso gut deren Geschichten anhören und würde darüber einen Film machen." Sie habe aber nicht vorgehabt, das Leid von Israel und Palästina gegenüberzustellen, sondern zu erforschen: "Wo leben diese Tänzer, und mit was sind sie konfrontiert? Und was lässt sie so bewegungslos in ihrem Land sein? Wo ist der Ärger, wo ist ihr Schmerz?"

Produktive Irritationen

Die 1962 geborene Berliner Performance-Künstlerin und Choreografin Helena Waldmann arbeitet oft in Krisengebieten oder an politisch brisanten Orten. In ihrer Arbeit versucht sie, produktive Irritationen entstehen zu lassen - die manchmal auch stark provozieren können. Ihre Arbeit "Letters from Tentland" hatte erst nach vielen Schwierigkeiten Premiere in Teheran. Ein Tanzstück mit Frauen, die im Iran eigentlich gar nicht tanzen dürfen. Um das zu umgehen, steckte Waldmann die Frauen in echte Zelte - die im Iran überall zu sehen sind. Eine Anspielung auf den "Tschador", Schleier, der eigentlich "Zelt" heißt und im Iran von jeder Frau getragen werden muss. Eine Herausforderung für die Zuschauer - denn auf der Bühne sah man die Tänzerinnen nicht, sondern hörte sie nur. Anschließend durften nur die Frauen im Publikum hinter die Bühne, um mit den Tänzerinnen zu sprechen - eine Geschlechtertrennung, die im Iran an der Tagesordnung ist, aber hinter der Bühne von der iranischen Zensur fast verboten wurde. Ein kontroverses Stück, das nach seiner Premiere in Teheran heftig diskutiert wurde. Viele Iraner fühlten sich von der deutschen Choreografin brüskiert. Heute darf das Stück im Iran nicht mehr gezeigt werden - dafür tourt es nun durch die Welt.

Was bewegt Helena Waldmann zu ihrem Theater in den Krisengebieten der Welt? "Die Welt verbessern kann es ganz bestimmt nicht. Das glaube ich sicher nicht, aber ich glaube einfach, dass es unseren Blick öffnet, " sagt die Choreographin und Regisseurin.

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