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Kultur

Provokation als Auftrag – 30 Jahre taz

Die Berliner taz, "die tageszeitung", ist das kleinste unter den großen überregionalen deutschen Blättern. Sie verkörpert die grün-alternative Bewegung wie keine andere Zeitung. Jetzt wird sie 30 und langsam erwachsen.

Ein junger Mann hält die Null-Nummer der tageszeitung in Händen, die im September 1978 erschienen ist.

Kurz vor dem Start: die Null-Nummer der "tageszeitung"

Für viele ist die taz mehr als nur eine Zeitung. Sie ist Begleiterin des politischen Wandels und wichtiges Leitmedium der grün-alternativen Bewegung. Finanziert wird sie über Genossenschaftsanteile von Lesern und Abonnements und gehört damit ihren Lesern. Seit der ersten Ausgabe vom 17. April 1979 ist sie an den Kiosken täglich außer Sonntags zu bekommen und - nach der Bild-Zeitung, die 1952 entstand, - die erfolgreichste Zeitungsneugründung Deutschlands nach dem Krieg. Und auch mit 30 ist die taz immer noch die etwas andere Zeitung.

Die Schlagzeile der ersten Seite - ein eigenes Genre

Klinsmann am Kreuz: Screenshot von der taz-Bildmontage

Spaß am Provozieren: Klinsmann am Kreuz

Als müsse man es der Öffentlichkeit zum Jubiläum noch mal extra beweisen, titelte die taz zu Ostern mit dem Bild des gekreuzigten Bayern-Trainers Jürgen Klinsmann. Wie auf Knopfdruck funktionieren die Reflexe: Klinsmann klagt auf Unterlassung, und die Bayern-Verantwortlichen sprechen von der schlimmsten Entgleisung seit Menschengedenken. Karl-Heinz Ruch, Tazzler der ersten Stunde und Geschäftsführer, freut sich über diese PR: Die Verkaufszahlen steigen automatisch. Trotz der Kritik, das sei Bildzeitungs-Niveau, hat die taz mit ihren Schlagzeilen immer wieder für Furore gesorgt. Damit steht sie in der deutschen Presselandschaft wie ein eigenes Genre da - etwas Ähnliches gibt es sonst nur noch in England.

Provokation als Auftrag

Eine Mitarbeiterin der taz schaut aus einem Fenster des Hauptgebäudes der Zeitung in Berlin-Kreuzberg. (Foto: Michael Hanschke)

In Kreuzberg gemacht, bundesweit geliebt: die taz

Mit dem Titelbild eines Clowns, der auf dem Podest tanzt, war die taz am 17. April 1979 gestartet. Das machte gleich deutlich, dass man kein bürgerliches, angepasstes Blatt sein wollte, sondern Provokation als Auftrag sah. Das Ganze erschien in miserabler Druckqualität, ohne Aufteilung in Ressorts, als simple Bleiwüste, durch die sich der Leser zu kämpfen hatte.

Man wollte mit der taz-Gründung eine Gegenöffentlichkeit und ein Gegengewicht zu den bürgerlichen Medien schaffen. Niemand vermutete, dass aus der taz etwas werden könnte, da vor allem journalistisch unerfahrene Studenten die Zeitung gründeten. Heute spricht man dagegen von der taz als der Journalistenschule der Nation, denn viele, die heute bei der Wochenzeitung "Die Zeit", bei der "Süddeutschen Zeitung" oder auch beim Magazin "Stern" arbeiten, haben bei der Redaktion in Berlin-Kreuzberg ihre journalistische Laufbahn begonnen.

In der Mitte der Gesellschaft angekommen

taz-Titelseite zur Wahl Angela Merkels als Bundeskanzlerin - die strahlende Chefin thront über ihrem neuen Kabinett, die Hand zum Schwur erhoben, darüber die Textzeile: So wahr ich mir helfe (Collage: Christian Barthold)

Satire muss sein: taz-Titelseite zu Merkels Wahl als Kanzlerin

Die Gründung der taz fiel in die Zeit der atomaren Aufrüstung zwischen Ost und West, der Friedensbewegung, der Hausbesetzungen und der neuen Runde der Frauenbewegung. Die taz hat diese Themen - aber auch Umwelt- und Naturschutz - ins öffentliche Bewusstsein gebracht und ihren publizistischen Anteil am Aufstieg der Grünen ins politische Establishment. Heute sind ökologische Themen auch in anderen Medien selbstverständlich.

Der Amerikaner Randy Kaufman, der seit 1983 als Archivar bei der taz arbeitet, betrachtet das Blatt inzwischen als ganz gewöhnliche Zeitung, die ein fester Bestandteil der deutschen Presselandschaft geworden ist: "Man ist älter geworden, hat Kinder bekommen, und die taz ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele Themen, die die taz am Anfang in die Öffentlichkeit gebracht hat, sind mittlerweile Mainstream geworden."

Heute ist die taz - fast alle Mitarbeiter sind zwischen 30 und 40 - so etwas wie eine Mischung aus der seriösen, eher linksliberalen "Süddeutschen Zeitung" und der Satire-Zeitschrift "Titanic": die immer noch etwas andere Zeitung für die Unangepassten - oder schlicht für Leser, die alternative Informationen suchen. 30 Jahre nach der Gründung ist die taz zwar erwachsen geworden, aber sie leistet es sich weiterhin, respektlos, radikal und subversiv auch solche Themen zu bearbeiten, die anderen Zeitungen heilig sind oder von ihnen nur mit der Kneifzange angefasst werden.

Autor: Christoph Richter
Redaktion: Aya Bach

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