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Kultur

Provokanter Auftakt

Internationale Theaterautoren sind an der Berliner Schaubühne zusammengekommen, um ihre neuen Werke zu präsentieren - beim 3. Festival Internationale Neue Dramatik. Dorothee Ott hat die Eröffnungsveranstaltung besucht.

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Maßloser Konsum dank Kreditkarte - in Rodrigo Garcías neuem Stück

Am Ende gleicht die Bühne einem Schlachtfeld: Der Boden verschmiert mit Cornflakes und Milch, Senf und Ketchup und den Fetzen eines gerade explodierten Puters. Traurige Überreste einer fast zweistündigen Tortur für die Zuschauer und auch für die Darsteller, die nach dem Applaus offensichtlich nur eins wollen – endlich duschen, um sich von zerkauten Lasagneblättern, Rotwein und Tütensuppen reinzuwaschen. Das Stück "Compré una pala en Ikea para cavar mi tumba - Ich habe einen Spaten bei Ikea gekauft, um mein Grab zu schaufeln!" des argentinischen Autors und Regisseurs Rodrigo García bildete den Auftakt des 3. Festivals für Internationale Dramatik (F.I.N.D.) an der Schaubühne Berlin.

Grenzen des Geschmacks?

Garcías Theaterstück ist ein provokanter und zugleich gewagter Festivalauftakt. In ihm attackiert der Argentinier die großen Ikonen der Konsumwelt. "Ich mache gewalttätiges Theater, das auf die Gewalttätigkeit antwortet, die ich um mich herum verspüre." García tut dies in einer bildmächtigen und poetischen Sprache, in der sich das Komische mischt mit Momenten von Gewalt und Hass und realistische und literarische Elemente zusammenfügt, steht im Programmheft.

Auf der Bühne stellt sich das dann so dar: Ein Paar, unterstützt von einem Teenager und einer klassischen Sängerin, setzt alles daran, sich in gegenseitigem Einvernehmen zu quälen. Damit überschreiten sie bewußt sämtliche Grenzen des guten Geschmacks. Wichtigstes Requisit: Nahrungsmittel. Doch die werden nicht genossen, sondern missbraucht. Der Weihnachts-Puter als Sportgerät, die Milch und Cornflakes-Pampe als Schlidderbahn, und zu guter Letzt verschwinden die Würstchen da, wo sie normalerweise in veränderter Form wieder herauskommen sollen.

Diese Bildsprache ist zu gewaltig, als dass der Zuschauer unter der Oberfläche der Gewalt den wenigen nachdenklich stimmenden Momenten des Stücks nachspüren könnte. Kaum hat man bemerkt, dass zwar viel geredet, aber wenig miteinander kommuniziert wird, muss man sich schon wieder ekeln. Für viele Zuschauer Grund genug, die Vorstellung früher zu verlassen. Die anderen, die bis zum Ende ausharrten, diskutierten noch bis in die Nacht im Café der Schaubühne am Lehniner Platz.

Europäische Dramatiker treffen sich in Berlin

"F.I.N.D. ist ein Festival, das vor allem europäische Autoren und Regisseure zusammenführen und besonders den Austausch der Autoren untereinander fördern soll", so betont Jens Hillje, der Chefdramaturg der Berliner Schaubühne, "außerdem erschließt es dem Theater am Lehniner Platz zeitgenössische Stücke". Neben Amerika bilden Skandinavien, das niederländische und das deutsche Theater die Schwerpunkte in diesem Jahr.

Ist der amerikanische Traum ausgeträumt? Wie weit klaffen Idee und Wirklichkeit im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" auseinander? Junge Dramatiker gehen dieser Frage nach. Die Schaubühne zeigt unter anderem den sechsteiligen Komödienzyklus "Suburban Motel" des Kanadiers Georg Walker. "Das ist ein kanadischer, sehr analytischer Blick auf den amerikanischen Traum", sagte Chefdramaturg Jens Hillje. Walker gälte als die Neuentdeckung für die europäische Theaterbühne.

Die US-Amerikanerin Kelly Stuart wirft den gnadenlosesten Blick auf die Vereinigten Staaten von Amerika. In ihrem Stück "Homewrecker" äußert sie heftige Kritik an George W. Bush. Jedoch hat sie mit dieser Art von Theater in den USA kaum Erfolg. "So geht es leider vielen Intellektuellen und Künstlern, die in ihren Stücken Kritik an den USA und am Präsidenten üben", bedauert Chefdramaturg Jens Hillje. Grund genug für amerikanische Stückeschreiber, verstärkt europäische Bühnen anzusteuern.

Aktuelle Diskussion

Am letzten Tag des Festivals steht der Meinungsaustausch im Mittelpunkt. In einer Podiumsdiskussion wird es um amerikanische "Präventivkriege" gegen den Terrorismus gehen. Der pakistanische Schriftsteller Tariq Ali und der Journalist Mathias Geffrath streiten mit Ruth Wedgewood, der amerikanischen Völkerrechtsprofessorin und Beraterin von Condoleezza Rice.

Noch bis zum 19. Januar werden 13 szenische Lesungen und vier Gastspiele in der Berliner Schaubühne aufgeführt.

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