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Alltagsdeutsch – Podcast

Provinzleben

Provinz sind immer die anderen: Wer möchte schon gerne als provinziell bezeichnet werden? Aber es gibt auch Menschen, die sich ganz bewusst für ein solches Leben fernab der großen Städte entschieden haben.

Musik: Element of Crime, Damals hinterm Mond

"Das Leben lief im Schweinsgalopp, die Liebe war ein Fest, der Mensch war gut.

Damals hinterm Mond"

Sprecherin:

Ein Ausschnitt aus dem Lied der Berliner Musikgruppe "Element of Crime", die trotz ihres englischen Namens deutsche Lieder singt. Der Sänger dieser Band wohnt heute in Berlin. Aufgewachsen ist er in einer Kleinstadt bei Bremen, also in der Provinz. Sein Leben auf dem Lande mag ihn zu dem Text für das Lied "Damals hinterm Mond" inspiriert haben.

Sprecher:

In den Liedstrophen finden sich gleich mehrere Redewendungen. Das Schwein, beziehungsweise die Sau dient in vielen zusammengesetzten Adjektiven und Substantiven zur negativen Verstärkung: jemand ist saudumm oder saugrob. In gleicher Weise spricht man von einem Schweinekerl, einer Schweinebande oder auch einer Schweinearbeit. Umgekehrt kann dieses Bestimmungswort auch positiv verstärken wie in Schweineglück oder Schweinegeld. In ähnlicher Wirkung bezeichnet man einen besonders schnellen Lauf als Schweinetrab oder Schweinsgalopp. Im Gegensatz zur Sonne wird der Mond von alters her ausschließlich mit negativen Attributen versehen. Wohl, weil man ihn sehr weit entfernt glaubte, lebte derjenige, der sich rückständig oder wirklichkeitsfremd zeigte, hinter dem Mond. Ist man jemanden leid, möchte man ihn am liebsten auf den Mond schießen, um genügend weit von ihm entfernt zu sein. Der Mond gilt durch seine Phasenbildung als wechselhaft und unbeständig. Dass der Mond für Verliebte dennoch einen positiven Zauber ausübt, liegt wohl daran, dass sein milder Schein diese vor neugierigen Blicken schützt. Aber selbst dem Gang im Mondschein ist sprachlich nur Negatives abzugewinnen, denn wer einem im Mondschein begegnen kann, von dem will man absolut nichts wissen.

Sprecherin:

In Deutschland leben etwa 20 Prozent der Bevölkerung in ländlichen Gebieten. Arbeiten die Menschen dort vornehmlich auch in der Landwirtschaft, so nimmt doch der Dienstleistungssektor mehr und mehr an Bedeutung zu. Das Emsland, ein Gebiet im Nordwesten Deutschlands, an der Grenze zu den Niederlanden gelegen, war noch bis vor etwa 30 Jahren eine Region, in der man nahezu ausschließlich von der Landwirtschaft lebte. Inzwischen gibt es auch hier Industrie und selbst Tourismus. Doch nach wie vor wandern zu viele junge Leute aus dem Emsland ab, weil sie in den größeren Städten attraktivere Arbeitsmöglichkeiten finden. Gerrit Schultz zum Beispiel hat im Emsland sein Abitur gemacht. Jetzt arbeitet er als Vertreter einer großen amerikanischen Modekette in Hannover. Inzwischen kann er sich jedoch gut vorstellen, wieder in seine Heimatstadt Lingen zurückzukehren.

Gerrit Schultz:

"Ich bin häufiger in Lingen, meine Wurzeln liegen ja in Lingen, und das wird auch immer so bleiben, und fühle mich da natürlich wohl. Da ich ja aus der tiefen Provinz komme und mich in der Großstadt nicht so sehr wohlfühle, kann ich mir sehr gut vorstellen, wieder zurückzugehen. Ich denke nicht, dass, wenn ich mal von Freunden höre, ob ich ein Provinzei bin – das ist für mich keine Beleidigung. Landeier, Dorfmenschen, die dann auch Plattdeutsch sprechen. Aber Plattdeutsch ist 'ne schöne Sprache."

Sprecher:

Da, wo man geboren und aufgewachsen ist, hat man seine Wurzeln. Wo man bleibt, schlägt man Wurzeln, aber nur dann, wenn es gelingt, sich einzuleben und wohlzufühlen. Man kann ein Leben lang an einem Ort verbringen, ohne verwurzelt zu sein. Fühlt man sich weder mit den Menschen noch mit der Landschaft verbunden, bleibt man wurzellos. Der Bildhintergrund ist offensichtlich: Bäume und Pflanzen bedürfen der Wurzeln, um fest im Boden zu stehen und Nährstoffe aufnehmen zu können. Eine Provinz war ursprünglich ein den Römern unterworfenes Land außerhalb Italiens, das von einem römischen Statthalter verwaltet wurde. In der deutschen Sprache meint es heute das Hinterland einer Stadt oder ein ländliches und daher meist kulturell rückständiges Gebiet. Kommt jemand aus der Provinz oder – verstärkt – aus der tiefsten beziehungsweise hintersten Provinz, so gilt er als Mensch mit engem geistigen Horizont; er denkt und verhält sich provinziell, sprich kleinbürgerlich. Schilt man jemanden als Provinz- oder Landei, so zeigt man ihm seine ganze Verachtung. Das einzelne Ei steht sprichwörtlich für eine Kleinigkeit, ein Nichts. Schon seit alters her hatte es den geringsten Tauschwert, war sozusagen das "Kleingeld" der Naturalwirtschaft. Auf diese Wertlosigkeit verweist die Redewendung, etwas für einen Apfel und ein Ei erworben zu haben.

Sprecherin:

Schon seit seinen Schülertagen ist Gerrit Schultz Mitglied bei den Kivelingen – einer Art Schützenverein, in dem nur unverheiratete Bürgersöhne Mitglied werden können. Außer zu ihrem Kivelingsfest, das nur alle drei Jahre stattfindet, treffen sich die Kivelinge regelmäßig sonntags zum Frühschoppen.

Gerrit Schultz:

"Das wird ja auch hier auf dem Lande so gemacht, dass halt ... erst wird sonntags schön in die Kirche gegangen, und die Männer gehen danach direkt in die Stammkneipe, und da wird dann ein Frühschoppen getrunken. Ob ich wieder zurückziehen würde in die Provinz? Das würde ich eigentlich gerne, aber, gut, man ist halt beruflich gebunden, und der ländliche Mensch sagt dann ja: Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, dann liegt's an der Badehose. So findet man die Gründe dafür, ob das nun geht oder nicht. Das ist übrigens so 'ne Sache, die man hier viel sagt. Das geht auch auf plattdeutsch, das kann ich nur nicht."

Sprecher:

Der Gegensatz Stadt-Land hat zur Ausprägung einer ganzen Reihe von Redensarten geführt, in denen der Bauer nahezu ausschließlich auf hochmütige Weise zur Kennzeichnung groben und dummen Verhaltens herhalten muss. So fragt man einen Bauern aus, antwortet man auf eine allzu neugierige Frage, die man nicht beantworten will. Auf Bauernfang geht jemand aus, der ganz offensichtlich betrügen will. Hat einer unverdient Erfolg gehabt, kommentiert ein Sprichwort: Die dümmsten Bauern haben immer die dicksten Kartoffeln! Jemand, der eine unbekannte Speise nicht probieren will, kann sich entschuldigend hinter dem Spruch verstecken: Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Auch das von Gerrit Schultz verwendete Sprichwort Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt es an der Badehose verweist auf die dem Bauer zugeschriebene Eigenschaft von Starrsinn und Rechthaberei, die die Schuld immer beim anderen sucht. Nur der Begriff der Bauernschläue weist dem Bauern eine positive, wenn auch nicht moralisch gute Eigenschaft zu: Jemand hat Bauernschläue bewiesen, wenn es ihm gelungen ist, pfiffig und listig einen eigenen Vorteil aus einer Sache zu ziehen.

Sprecherin:

Roswitha Geers kehrte vor über 30 Jahren wieder in die Provinz zurück. In ihrer Heimatstadt unterrichtete sie am Gymnasium. Seit knapp fünf Jahren ist sie nun pensioniert und schätzt das Leben in einer Kleinstadt nach wie vor.

Roswitha Geers:

"Weil ich von Haus aus ein Landkind bin und absolut keine Großstadtpflanze – was einfach schön ist, wenn man also in die Stadt geht oder einkauft oder über den Markt geht und man vor lauter Grüßen und kleinen Neuigkeiten-Austauschen die Hälfte seiner Einkaufsliste vergisst. Also, da kommt man sich schon manchmal vor wie ein bunter Hund, aber das ist eigentlich für mich ein sehr positives Gefühl. Man kann das steuern. Man kann beim anderen sagen: Jetzt hab' ich schon zehnmal geredet, also hab' Verständnis dafür, jetzt muss ich erst mal einkaufen, und das funktioniert ja auch meistens. Aber es ist ein Gefühl von Heimeligkeit, Unter-sich-Sein, dass man nicht alleine ist, dass man nicht isoliert ist."

Sprecher:

Das Haus steht redensartlich für einen einzelnen Menschen. Ein altes Haus ist ein langjähriger Freund, ein fideles Haus ein lustiger, ein gelehrtes Haus ein kluger Mensch. Das Haus repräsentiert auch die Familie oder das Geschlecht, vor allem bei adligen Familien, wie etwa das Haus Habsburg. Fürstliche Diener von Haus aus waren früher jene Diener, die nicht am Hofe, sondern daheim in ihren Schlössern lebten. Redensartlich ist jemand von Haus aus, also von seiner Natur oder Herkunft her, forsch oder zurückhaltend, temperamentvoll oder ruhig. Auch die Pflanze ist im übertragenen Sinne ein Synonym für den Menschen. Ohne alle Attribute bezeichnet das Wort "Pflanze" einen etwas seltsamen Menschen. Meistens aber sind dem Substantiv Zusätze wie: lustige, komische, verrückte Pflanze oder eben Großstadtpflanze hinzugegeben.

Sprecherin:

Bekannt wie ein bunter Hund zu sein, wird von jemandem gesagt, der überall bekannt ist. Die umgangssprachliche Redensart zielt dabei eigentlich auf die nicht gerade rühmlichen Eigenschaften dieses Menschen, was im heutigen Sprachgebrauch aber wohl nicht mehr zwangsläufig beabsichtigt ist. Da die meisten Hunde einfarbig oder gescheckt sind, fällt ein Hund in mehreren Farben auf. Die ostfriesische mundartliche Wendung: "Dar sünt mehr bunte Hunde as een" – also "Es gibt mehr bunte Hunde als einen einzigen" – warnt, dass einzelne Kennzeichen nicht ausreichen, um Personen oder Sachen genau zu bestimmen. Roswitha Geers genießt in Lingen ihren großen Bekanntenkreis. Viele ihrer Freunde kennt sie noch aus der Kindheit. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht plötzlich unangemeldeten Besuch bekommt. Doch der vertraute Umgang miteinander habe manchmal auch seinen Preis: Man steht unter Beobachtung und wird manchmal skeptisch beäugt. Auch beruflich könne einem der hohe Bekanntheitsgrad im Wege stehen.

Roswitha Geers:

"Also, nach dem Motto Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ist immer das, was von außen her kommt, doch erst mal etwas, das man mit Distanz betrachtet, und diese Distanz schafft 'ne größere Möglichkeit zu avancieren. Man muss sich also schon sehr bewähren."

Sprecher:

Der Spruch Der Prophet gilt nichts im eigenen Land besagt, dass die nahe Umgebung einer Person oft nicht deren Genialität oder Weisheit erkennt. Diese Redewendung ist dem Matthäus-Evangelium entlehnt. Das Prophetentum gab es schon seit frühester Zeit. Ein Prophet ist ein Seher oder Verkünder, der an Gottes Stelle zu den Menschen spricht. Er sagt die Zukunft voraus, ist allwissend. So sagt man auch, wenn man die Entwicklung einer Sache nicht voraussehen kann: Ich bin doch kein Prophet!

Sprecherin:

Auch Charly Monecke lebt schon seit mehreren Jahrzehnten in der Provinz. Eigentlich wollte er nach seinem Studium der Bildenden Kunst in die Großstadt gehen. Doch zunächst verschlug es ihn während seines Referendariats nach Papenburg, an die Grenze zwischen Emsland und Ostfriesland. Dort erlebte er Aberglauben und ländliche Sitten, die er nie für möglich gehalten hätte.

Charly Monecke:

"Ja, da ist der Hund begraben, aber das war sogar so, dass ich da so einige Sachen erlebt habe wie: Dann war ein Handschuh vor der Tür – irgendeiner hatte da einen fallen lassen – und dann: 'Ja, oh, morgen stirbt einer, der Handschuh, der gehört ja jemandem' – das war die Frau im Hause, wo ich zur Miete wohnte. Solche Sachen konntest du da alles noch erleben."

Sprecher:

Mit der Redensart da ist der Hund begraben will man sagen: Das ist eine öde, langweilige Gegend. Der Hund ist in redensartlichen Ausdrücken von zwiespältiger Bedeutung. Er ist ebenso sehr Bild des Elenden, Niederträchtigen wie auch Symbol der Treue und Wachsamkeit. Schatztruhen wurden in früheren Zeiten zwecks Abschreckung der Diebe mit dem Bild eines bissigen Hundes versehen – auch mit dem des Teufels, aber selbst diesem wurde gelegentlich die Gestalt eines Hundes verliehen. Mutige Schatzsucher wussten also, wenn sie auf den Hund stießen, waren sie der Beute nahe.

Musik: Element of Crime, Damals hinterm Mond

"Zu spielen gab es nie zu viel, und abends wusst' ich immer, wo du warst.

Was haben wir gelacht.

Damals, hinterm Mond"

Sprecherin:

Nach seiner Pensionierung als Kunsterzieher fing Charly Monecke wieder an zu malen. In seinem Atelier hängen viele Bilder in Rot- und Blautönen mit verschlüsselten Motiven. In seiner Heimatstadt Lingen wie in einigen Städten der Umgebung hatte er bereits Ausstellungen. Doch hat er die Erfahrung gemacht, dass es für einen Künstler, der in der Provinz lebt, nicht leicht ist, dort anerkannt zu werden.

Charly Monecke:

"Ich war eigentlich der erste, der hier im eigentlichen Sinne Kunst mit den Schülern machte und nicht bloß so das Übliche. Das waren sie vorher hier überhaupt nicht gewohnt, und das wirkte sich dann auch auf die Stadt aus. Der Augenarzt, ach, 'ne ganze Reihe von Leuten, die sich dann zu so 'nem Kunstkreis zusammenschlossen, dafür hab' ich das Emblem noch gemacht. Und das ist auch wieder typisch Land: Da spricht heute keiner von. Heute sind es andere, die sagen, durch uns ist überhaupt erst die Kunst hier nach Lingen gekommen, und du bist auf dem Abstellgleis. Das ist hier also einfach ganz schnell."

Sprecher:

Wenn jemand auf dem Abstellgleis steht oder auf ein Abstellgleis geschoben wird, befindet er sich in einer Stellung ohne Aufstiegsmöglichkeit oder wird gar aus seinem Wirkungskreis verdrängt. Die Redensart leitet sich unschwer aus dem Eisenbahnverkehr her. Eine alte Lokomotive oder ein Waggon wird auf einem Nebengleis abgestellt.

Sprecherin:

Charly Monecke ist in der Provinz geblieben. Er hat hier längst Wurzeln geschlagen und beabsichtigt, in seinem neuen Atelier zu regelmäßigen Gesprächen über Kunst einzuladen.


Fragen zum Text:

Was bedeutet das Sprichwort: Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt es an der Badehose?

1. Für den Bauern gelten besondere Regeln.

2. Der Bauer sucht die Schuld für eigene Fehler stets bei anderen.

3. Bauern sind Landwirte, keine Wassermänner.

In der Provinz …

1. liegt der Hund begraben.

2. gilt der Prophet nichts.

3. leben bunte Hunde.

Wie wird ein langjähriger Freund, besonders zur Begrüßung, manchmal genannt?

1. verrückte Pflanze!

2. Landei!

3. altes Haus!

Arbeitsauftrag:

Stellen Sie eine Podiumsdiskussion zwischen Städtern und "Provinzeiern" nach, in der Sie begründen, warum Sie sich für den jeweiligen Wohnort entschieden haben.

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