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Kultur

Provinz statt Provence: Rentner zieht es in den Osten

Auf der Suche nach Arbeit und höherem Lebensstandard ziehen immer noch Menschen vom Osten Deutschlands in den Westen. Doch es gibt auch eine Bewegung in die andere Richtung. Görlitz steht dafür als leuchtendes Beispiel.

Blick über die Dächer der Innenstadt von Görlitz mit Peterskirche, Rathausturm und dem Turm der Dreifaltigkeitskirche (Foto: AP)

Blick über die Dächer der Innenstadt von Görlitz mit Peterskirche, Rathausturm und dem Turm der Dreifaltigkeitskirche

Eine geschmackvoll eingerichtete großbürgerliche Altbauwohnung im Stadtzentrum von Görlitz. Durch die hohen Räume schwirren die Klänge einer Gitarre. Sie kommen aus dem Wohnzimmer. Dort sitzt der Hausherr und übt, denn Horst Eichhorn muss sich auf eine Jam-Session vorbereiten. Jazz war schon immer sein Hobby. Dem geht er auch hier in Görlitz nach, ab und zu tritt er mit Jugendlichen im städtischen "Ratscafé" auf.

Dagmar (l.) und Horst Eichhorn (auf ihrem Balkon) sind jetzt in Görlitz zu Hause (Foto: DW / Leipert)

Dagmar und Horst Eichhorn sind jetzt in Görlitz zu Hause

Vor fünf Jahren, zu seinem 70. Geburtstag ist er mit seiner Frau zum ersten Mal nach Görlitz gekommen. Beide waren sofort von Stadt und Bewohnern begeistert. Vor allem die Aufgeschlossenheit der Menschen in Görlitz hatte es ihnen angetan, so hatten sie das im Westen nicht erlebt. Das war der Grund, sagt Horst Eichhorn, warum er und seine Frau Dagmar in den Osten gezogen sind: "Schon nach zwei bis drei Tagen haben wir gesagt: 'Wir verkaufen unser Haus und werden nach Görlitz ziehen'."

Viel Lebensqualität für wenig Geld

Das Ehepaar Eichhorn wohnt jetzt in einer Jugendstilwohnung mitten in der Stadt: Auf 140 Quadratmetern reihen sich Mahagoni- an Nussbaummöbel. Im fliederfarben gestrichenen Salon schmeicheln bodenlange violette Vorhänge den unglaublich hohen Decken. Vom Balkon sieht man auf den kleinen Garten mit Hollywoodschaukel. Das kann doch nicht billig sein, denkt man sofort. Doch über den Mietpreis möchte Dagmar Eichhorn gar nicht sprechen, so niedrig sei der. Stattdessen stellt sie einen Vergleich an: "Eine so feudale Wohnung hatte mein Mann früher in Düsseldorf. Aber die kostete vor 30 Jahren schon 2000 DM kalt. So was könnte ich mir woanders als in Görlitz kaum leisten."

In Görlitz sind die Mieten enorm günstig, weil in der Innenstadt 4000 bis 5000 Wohnungen leer stehen. Wohl auch deshalb ziehen momentan 200 bis 300 Pensionäre aus Westdeutschland jedes Jahr nach Görlitz. Wie das Ehepaar Eichhorn, das mit der neuen Umgebung sehr glücklich ist.

Ihr Haus in einem Dorf in Nordhessen haben die beiden vor fünf Jahren aufgegeben, weil es ihnen dort vor allem am kulturelle Angebot gefehlt hatte. In Görlitz dagegen besuchen sie Vorträge, gehen ins Theater und in Konzerte. Ansonsten besuchen sie einen Tai-Chi-Kurs oder machen Radtouren durchs grüne Umland. Und sie bringen sich aktiv ein: Bei jedem Stadtfest machen Horst und Dagmar Eichhorn Musik mit ihrer Konzertdrehorgel, einer Art professionellem Leierkasten. Inzwischen haben sie auch beim historischen Laientheater im Sommer eine Rolle übernommen.

Neue Heimat ganz im Osten

Die Eichhorns werben für ihre neue Heimat mit Wort und Tat: Sie holen immer mehr Freunde und Bekannte aus Westdeutschland nach, um auch sie vom Leben in Görlitz zu begeistern. Denn, erklärt Dagmar Eichhorn: "Wie das so ist, wer verliebt ist oder liebt, dem geht das Herz über und auch der Mund. Dementsprechend mache ich Reklame für Görlitz wo ich nur kann." Sie seien zu "Menschenfängern" geworden, sagen Dagmar Eichhorn und ihr Mann deshalb. Früher verkaufte er Krawatten, sie Versicherungen. Heute vermieten sie Ferienwohnungen in der Stadt und machen so aus bloßen Görlitz-Besuchern Görlitz-Fans.

Margitta David (l.) und Lutz Penske vom Stadtplanungsamt (Foto: DW / Leipert)

Margitta David und Lutz Penske vom Stadtplanungsamt

Es war ein Zeitungsbericht einer Berliner Tageszeitung aus dem Jahr 2004, der den Rentner-Ansturm auf die Stadt auslöst hatte. Seither trudeln knapp 25 Anfragen jeden Monat im Stadtplanungsamt ein. Wie die ärztliche Versorgung und das Kulturprogramm aussehen, wollen viele West-Interessenten wissen. Margitta David bearbeitet die Anfragen und verschickt dann ein Infopaket mit Stadtplan, Werbebroschüre und Immobilienangeboten.

Viele der Interessenten, sagt sie, kämen nach einem kurzen Besuch wieder, und zwar für immer. Die meisten seien Rentner, und zwar eine ganz bestimmte Art von Ruheständlern: "Das sind welche, die noch richtig fit und aktiv sind, die noch mal eine Herausforderung im Alter suchen. Die sagen: 'Also, ich geh jetzt in den Ruhestand und mir ist es zu langweilig, dort wo ich gewesen bin, ich will jetzt noch mal was Neues erleben'."

Mit offenen Armen empfangen

Die Stadt Görlitz freut sich über die älteren Zuzügler. Denn die wirtschaftliche Lage ist schlecht: Mehr als 20 Prozent der rund 60.000 Einwohner sind arbeitslos. Die Rentner arbeiten zwar nicht, aber sie schaffen neue Arbeitsplätze, besonders im Bereich der Dienstleitung.

Aus Hamburg, Frankfurt/Main und München kommen die meisten der Görlitzer Neubürger. "Bildungsbürger", wie Margitta David sie nennt, denn viele haben genug Geld und interessieren sich vor allem für das Kultur-Angebot der Stadt. Sie ziehen statt wie früher in die französische Provence nun in die ostdeutsche Provinz.

Alte Wessis im östlichsten Teil Deutschlands: Wächst also hier zusammen, was zusammen gehört? So weit geht Margitta David zwar nicht, aber sie betont, dass die Mischung in der Einwohnerschaft stimme, und die gewohnte "Ossi-Wessi-Unterscheidung" gar nicht mehr so gemacht werde, in Görlitz wenigstens.

"Nach Dunkeldeutschland?"

Der Untermarkt in Görlitz (Foto: DW / Leipert)

Der Untermarkt in Görlitz

Überall in der Stadt an der Grenze zu Polen wird einem versichert, wie willkommen die Neubürger aus dem Westen seien. Und die Neu-Görlitzer freuen sich über die niedrigen Lebenshaltungskosten. Denn nicht nur die Miete, auch die Lebensmittel sind relativ günstig.

Und wie reagieren die West-Bekannten auf den Umzug der Rentner? Die Eichhorns sahen zunächst in den Augen ihrer alten Freunde große Fragezeichen, als sie wegziehen wollten. "Nach Dunkeldeutschland?" hörten sie immer wieder ungläubig. Das ärgert Dagmar Eichhorn genau so, als wenn man sie als West-Zuzüglerin bezeichnet. Denn wenn sie in ihre Geburtsstadt, nach Flensburg also, gezogen wäre, hätte danach bestimmt kein Hahn gekräht. Warum also das Erstaunen, wenn man seinen Alterssitz in Ostdeutschland nimmt? Entschieden resümiert sie: "Wir sind ein Volk, und ich denke, die Unterscheidung zwischen Ost und West muss mal langsam aufhören."

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