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Politik

Protestierer gegen Karikaturen greifen ISAF-Lager an

Bei einem Angriff auf norwegische Soldaten sind in Afghanistan mindestens drei Menschen ums Leben gekommen. Auch in anderen Ländern geht der Protest gegen die Mohammed-Karikaturen weiter. Der Iran kündigte Sanktionen an.

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Demonstration am Dienstag in Indonesien

Karikaturenstreit - Proteste in Kaschmir

Demonstration am Montag in Srinagar in Kaschmir

Bei den anhaltenden Protesten gegen die Karikaturen des Propheten Mohammed ist die Afghanistan-Schutztruppe ISAF am Dienstag (7.2.2006) zum Ziel von Angriffen geworden. Mindestens drei Afghanen wurden nach Angaben von Ärzten getötet und mindestens 15 weitere verletzt, als hunderte von Demonstranten in ein ISAF-Lager mit vorwiegend norwegischen Soldaten in Maymana einzudringen versuchten. Die Demonstranten warfen Steine und setzten Material in Brand. NATO-Kampfflugzeuge flogen über das Lager und gaben Warnschüsse ab, um die Menschenmenge aufzulösen. Eine schnelle Eingreiftruppe der ISAF mit fünf Hubschraubern und britischen Soldaten wurde zur Verstärkung nach Maymana verlegt.

Taliban drohen Angriffe an

Zum Angriff auf das Camp teilte ein Armeesprecher in Oslo mit, 200 bis 300 Personen hätten das Lager mit Steinen beworfen und seien ins Innere eingedrungen. Dabei sei es auch zur Brandstiftung gekommen. Nach Angaben des norwegischen Einsatzstabes setzten die Soldaten Tränengas und Gummigeschosse ein. Einige norwegische Soldaten seien leicht verletzt worden. Die Vereinten Nationen (UN) kündigten an, nicht dringend benötigtes Personal aus der Stadt abzuziehen. Vor der dänischen Vertretung in der Hauptstadt Kabul ging die Polizei mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Aus acht der 34 Provinzen wurden Proteste gemeldet. Schon am Montag waren in Afghanistan mindestens drei Demonstranten ums Leben gekommen; zudem gab es in Somalia und im Libanon jeweils einen Toten.

Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi sagte, die Rebellen würden wegen der Veröffentlichung der Karikaturen besonders dänische Soldaten ins Visier nehmen. "Alle ausländischen Invasoren in Afghanistan sind unser Ziel, wegen der Beleidigungen werden wir aber besonders dänische Soldaten angreifen." Dänemark stellt rund 160, Norwegen mehr als 500 Soldaten der ISAF. Mehr als 2000 der 9000 NATO-Soldaten am Hindukusch kommen aus Deutschland.

Eskalation im Iran

In Teheran bewarfen Randalierer den zweiten Tag in Folge die evakuierte dänische Botschaft mit Steinen. Einige kletterten über die Mauern auf das Gelände. Ob sie in das Gebäude gelangten, war zunächst unklar. Am Vortag hatten 400 Demonstranten die Botschaft mit Brandsätzen und Steinen beworfen. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Menge zu vertreiben.

Die iranische Regierung kündigte an, alle Handelsbeziehungen mit Dänemark abzubrechen. Wirtschaftsminister Massud Mirkasemi teilte am Dienstag im staatlichen Rundfunk mit, dass mit sofortiger Wirkung alle Verträge und Verhandlungen mit dänischen Unternehmen ausgesetzt seien. Keine Waren und Güter aus Dänemark dürften mehr den iranischen Zoll passieren, sagte Mirkasemi. Die EU-Kommission verurteilte diesen Boykott zunächst vorsichtig. Die Behörde prüfe derzeit ihre mögliche Reaktion, ein Boykott dänischen Waren sei aber schon per Definition ein Boykott von EU-Waren, sagte der Chefsprecher der Behörde in Brüssel. Spekulationen über die mögliche Reaktion lehnte er als verfrüht ab.

Wettbewerb für Holocaust-Karikaturen

Mohammed Zeichnung Botschaft Dänemark Teheran Iran Flagge

Demonstation am Montag in Teheran

Unterdessen will Irans größte Zeitung, die "Hamschahri", mit einem Karikaturenwettbewerb zur Judenvernichtung auf die Darstellungen des Propheten Mohammed reagieren. "Die wichtige Frage für Moslems lautet: Erlaubt die Meinungsfreiheit des Westens die Beschäftigung mit Fragen wie den Verbrechen Amerikas und Israels oder einem Zwischenfall wie dem Holocaust, oder ist die Meinungsfreiheit nur dazu gut, die heiligen Werte von göttlichen Religionen zu beleidigen?", hieß es. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte im vergangenen Jahr den Holocaust geleugnet und dazu ausgerufen, Israel von der Landkarte zu tilgen.

Der geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, bezeichnete den Abdruck der Karikaturen in mehreren europäischen Zeitungen als von Israel ausgehende Verschwörung. Der Westen zeige damit seinen Unmut über den Wahlsieg der Hamas. In einer Rede vor Soldaten der iranischen Luftwaffe nannte Chamenei die Karikaturen einen Skandal.

Proteste in Asien

In Srinagar im indischen Teil Kaschmirs setzte die Polizei Tränengas gegen knapp 500 Demonstranten ein. Mindestens sechs Demonstranten sowie zwei Polizisten wurden verletzt, wie die Polizei mitteilte. Die Menge setzte dänische Flaggen in Brand und skandierte: "Nieder mit Dänemark" und "Nieder mit US-Präsident Bush". An der bisher größten pakistanischen Demonstration seit Beginn des Karikaturen-Streits nahmen am Dienstag etwa 5000 Menschen teil. Die aufgebrachte Menschenmenge in der Grenzstadt Peschawar verbrannte Puppen, die den dänischen Regierungschef und einen der dänischen Karikaturisten darstellen sollten. Vor der EU-Vertretung in der indonesischen Provinz Aceh demonstrierten mehrere hundert Studenten gegen die umstrittenen Karikaturen. Auf den Philippinen verbrannten mehrere hundert aufgebrachte Muslime eine dänische Flagge. Die Führung der russischen Unruheregion Tschetschenien wies eine wichtige dänische Hilfsorganisation aus.

Die Europäische Union (EU) forderte in dieser Woche mehrere arabische Staaten ungewöhnlich deutlich auf, EU-Bürger und -Vertretungen zu schützen. In Deutschland mahnten alle Bundestagsparteien zur Besonnenheit. Kanzlerin Angela Merkel brachte in einem Telefongespräch mit ihrem dänischen Kollegen Anders Fogh Rasmussen ihre Besorgnis über die anti-dänischen Ausschreitungen zum Ausdruck. Rasmussen sprach unterdessen von einer "globalen Krise". Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, betonte, die Bundesregierung verfolge eine "Politik des Aufrufs zur Mäßigung". Alle, die deeskalieren könnten, müssten sich zusammenschließen. Jeder Schritt zur Anheizung des Konflikts müsse vermieden werden. In seltener Eintracht schlossen sich Vertreter der Bundestagsparteien dieser Linie an. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte die Gewalt im Nahen Osten als "unislamisch" und forderte, Muslime sollten sich nicht provozieren lassen. (stu)

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