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Politik

Proteste bei der Beisetzung des Großayatollahs

Massenproteste im Iran: Die Opposition hat die Beisetzung des regierungskritischen Großayatollahs Montaseri für eine Großdemonstration genutzt. Die Polizei ging offenbar mit Gewalt gegen Demonstranten vor.

Proteste bei der Beisetzung von Großayatollah Montaseri (Foto: AP)

Zehntausende nutzten die Beisetzung zum Protest

Nach Berichten von Augenzeugen und regierungskritischen Websites waren am Montag (21.12.2009) zehntausende Menschen in die Stadt Ghom gekommen, um an der Beisetzung des Großayatollahs Hussein Ali Montaseri teilzunehmen. Montaseri ist in der Nacht zum Sonntag im Alter von 87 Jahren gestorben. Auch die führenden Oppositionspolitiker Mir Hussein Mussawi und Mehdi Karrubi waren nach Angaben von Augenzeugen zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Ghom gereist, 130 Kilometer südlich von Teheran.

Mehrere Festnahmen

Großdemonstration der Opposition in Ghom (Foto: AP)

Zehntausende demonstrieren in Ghom gegen die Regierung

Im Anschluss an die Beisetzung lieferte sich die Polizei Auseinandersetzungen mit Trauergästen, wie die Internetseite "Kaleme.org" berichtete. Die Regierungskritiker hätten Polizisten mit Steinen beworfen und an die Adresse von Präsident Mahmoud Ahmadinedschad in Sprechchören "Tod dem Diktator" skandiert. Mehrere Oppositionelle sollen festgenommen worden sein. Die Polizei soll Warnschüsse abgefeuert und Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt haben. Mussawis Auto sei auf der Rückfahrt von Ghom von Motorradfahrern attackiert worden, hieß es auf "Kaleme" weiter. Einer der Begleiter des Politikers sei verletzt worden.

Auch Gegner Montaseris aktiv

Die Internetseite "Rahesabs" berichtete zudem von Zusammenstößen zwischen Montaseri-Anhängern und Mitgliedern regierungsnaher Milizen. Diese hätten versucht, Unruhe in den Trauerzug zu bringen und mit Megaphonen die Sprechchöre zu stören. Dies habe einige "Konfrontationen" ausgelöst, hieß es auf der Website. Milizmitglieder hätten am Haus des Verstorbenen traditionelle Trauerfahnen heruntergerissen. Die Internetseite des konservativen Politikers Mohsen Rezai meldete, Gegner Montaseris hätten eine Trauerfeier in der Asam-Moschee in Ghom derart gestört, dass diese abgebrochen werden musste.

Regierung behindert Reporter

Eine unabhängige Überprüfung dieser Berichte ist nicht möglich, da die iranische Regierung ausländischen Medien verboten hatte, direkt über die Beisetzung zu berichten. Ausländische Reporter durften nicht nach Ghom fahren. Die staatlich kontrollierten Medien des Landes meldeten meist nur kurz, dass Montaseri "im Kreise seiner Anhänger" beigesetzt worden sei. Die Internetseite des iranischen Staatsfernsehens räumte immerhin ein, dass "einige" Teilnehmer der Trauerfeier versucht hätten, mit "extremistischen und kontroversen Parolen" Spannungen zu schüren.

Weitere Proteste erwartet

Die Internetverbindungen und die Mobilfunknetze im Iran sind seit Sonntagabend von Störungen betroffen. Bereits in der Vergangenheit hatte die Regierung versucht, die Mobilisierung der Opposition über diese Medien zu blockieren. Nach Einschätzung von Korrespondenten könnte es während der siebentägigen Trauerzeit für Montaseri zu weiteren Protesten kommen. Der letzte Tag der Trauerwoche fällt auf den wichtigen schiitischen Feiertag Aschura, der an den Tod des Imams und Mohammed-Enkels Hussein erinnert. Den Behörden dürfte es schwer fallen, die Menschen an diesem Tag davon abzuhalten, auf die Straße zu gehen.

Der verstorbene Großayatollah Montaseri (Foto: Irani)

Der verstorbene Großayatollah Montaseri

Montaseri war nach der islamischen Revolution im Iran 1979 zunächst ein Gefolgsmann von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini. Dieser hatte ihn sogar als seinen Nachfolger vorgesehen. Der als liberal und fortschrittlich geltende Montaseri distanzierte sich jedoch zunehmend von Khomeini und kritisierte vor allem die Unterdrückung von Oppositionellen. 1989 fiel er bei Khomeini kurz vor dessen Tod in Ungnade und wurde entmachtet. Montaseri wurde nach Ghom verbannt, wo er bis 2003 teilweise sogar unter Hausarrest stand. Nach der von Wahlbetrugsvorwürfen überschatteten Wiederwahl von Präsident Ahmadinedschad im Juni war er einer der ersten einflussreichen Geistlichen, die sich auf die Seite der Opposition stellten.

Autor: Michael Wehling (afp/rtr/dpa/apd)
Redaktion: Anna Kuhn-Osius

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