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Wirtschaft

Proteste beeinträchtigen Tourismus und Börse

Noch immer demonstrieren in Istanbul und anderen Städten der Türkei aufgebrachte Bürger gegen die Regierung. Die Krise zieht auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft. Die hat allerdings auch ein strukturelles Problem.

Türkei: Proteste gegen die Regierung in Ankara, 06.06.2013 (Foto: AFP/Getty Images)

Türkei: Proteste gegen die Regierung in Ankara, 06.06.2013

Boykott heißt das Zauberwort, auf das viele Demonstranten jetzt setzen, jenseits der Straßenproteste. Immer mehr Regierungsgegner haben ihre Kreditkarten und Ersparnisse bei der GarantiBank, dem drittgrößten Kreditinstitut der Türkei, gekündigt. Der Grund: Ein großer Anteil der GarantiBank gehört dem Unternehmen Dogus Holding. Das wiederum kontrolliert auch den türkischen Fernsehsender NTV, einen der großen Nachrichtenkanäle. Und der berichtet - wie viele andere türkische Sender - so gut wie gar nicht über die Protestbewegung.

Die Abwanderung zeigt Wirkung: "35 bis 40 Millionen Lira Kapital" - umgerechnet 14 bis 16 Millionen Euro - "wurden in der vergangenen Woche zurückgezogen und rund 1500 Kreditkarten zurückgegeben", so Ergün Özen, Hauptgeschäftsführer von GarantiBank gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Außerdem demonstrierten die Menschen zu Beginn der Woche vor zahlreichen Restaurants, die dem Unternehmen Dogus Holding gehören. Klatschend standen sie vor den Lokalen, riefen "Kalk!" ("Steh auf!") und versuchten, die Kunden zum Gehen zu bewegen. Einige reagierten und verließen die Restaurants.

Istanbul, Türkei: Eine Künstlergruppe unterstützt die Proteste am 05.06.2013 (Foto: Getty Images)

Kreativer Boykott und künstlerisches Engagement: Viele Türken unterstützen die Proteste

Des einen Gewinn ist des anderen Verlust

Andere Unternehmer können den Protesten am Taksim-Platz in Istanbul durchaus etwas abgewinnen. "Durch die Baustelle rund um den Platz lief das Geschäft schon länger nicht mehr gut. Zumindest kommen jetzt die Demonstranten und wir versorgen sie mit allem, was sie brauchen", freut sich Ahmet Durmus gegenüber der Deutschen Welle. Der 40-Jährige ist Manager des Restaurants Rouge unweit des umkämpften Gezi-Parks. Auch ein junger Fahnenverkäufer am Taksim-Platz ist begeistert von seinem gestiegenen Einkommen. "Früher musste ich immer zu Konzerten gehen, um meine Sachen zu verkaufen, aber jetzt reicht es, hier auf dem Platz zu stehen", schwärmt der junge Mann.

Doch je mehr Türken protestieren, desto mehr Touristen bleiben weg. Das spüren vor allem Souvenirläden wie der von Rifat Güzel. Er stehe nur im Laden und warte, ärgert sich der 65-Jährige. "Ich muss 85 bis 90 Prozent Verlust verkraften. Die Proteste sind wirklich total negativ für mein Geschäft," erzählt Güzel der DW. "Ja, es gibt eine direkte Auswirkung auf den Tourismus", bestätigt Wirtschaftsexperte Seyfettin Gürsel, "die ist aber begrenzt auf Istanbul".

Wirtschaftlicher Einbruch hat tiefere Gründe

Betroffen ist auch die Wirtschaft als Ganzes: Der Leitindex der Istanbuler Börse brach um 10,5 Prozent ein und markierte den tiefsten Stand seit Anfang März. Auch die türkische Lira verlor an Wert. Gegenüber dem Dollar und dem Euro fiel die Lira auf den tiefsten Stand seit eineinhalb Jahren. Schuld seien zum Teil die Unruhen, meint Seyfettin Gürsel, Direktor der Wirtschaftsfakultät der Bahcesehir Universität in Istanbul, im DW-Gespräch. "Vor der Krise waren die ausländischen Direktinvestitionen in der Türkei sehr hoch. Sie haben den größten Teil des Leistungsbilanzdefizits finanziert. Durch die Krise sind die ausländischen Direktinvestitionen weniger geworden."

Ein türkischer 20-Lira-Schein (Foto: AP)

Verlierer: Die türkische Lira

Insgesamt aber sei das Problem ein strukturelles, meint Gürsel. "Das Leistungsbilanzdefizit wird hauptsächlich durch Anleihen, kurzfristige Kredite und kurzfristige Investitionen in den Börsenmarkt finanziert. Das ist auch eine Art strukturelle Schwäche." Die Türkei brauche Reformen im Wirtschaftssektor, wie beispielsweise eine umfassende Arbeitsmarkt- und Steuerreform, argumentiert der Wirtschaftsexperte. "Leider sind diese Reformen jedoch nach der Wahl der jetzigen Regierung verschoben worden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Regierung sich dieser strukturellen Probleme bewusst ist."

Investoren schon länger skeptisch

Der Kapitalabfluss habe bereits vor den Unruhen begonnen, betont Mustafa Sönmez, türkischer Ökonom und Wirtschaftsjournalist, gegenüber der Deutschen Welle. "Die Proteste haben den Kapitalabfluss lediglich erhöht, weil sie sich auf die Sicherheitsbedingungen und die Beziehungen zur EU und zu den USA ausgewirkt haben. Die Investoren fühlten sich durch die Unruhen gestört und haben sich zurückgezogen." Mustafa Sönmez' Prognose ist deutlich: Wenn sich die Gewalt fortsetzt und die Regierung keinen Schritt auf die Demonstranten zugeht, wird sich die ökonomische Situation weiter verschlechtern.

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