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Europa

Protest mit nackten Brüsten kommt nach Paris

Die ukrainische Frauenbewegung "Femen" hat mit ihren Oben-ohne-Protesten weltweit für Aufsehen gesorgt. Nun haben die Frauen ihren Kampf nach Paris gebracht. Dort soll bald ihr internationales Hauptquartier stehen.

Sonnenstrahlen scheinen auf ein halbes Dutzend junger Frauen, die Schilder für zukünftige Schlachten malen. Schilder wie "Model geh nicht ins Bordell" und "Muslimische Frauen: Macht euch nackig!"

Man könnte es als eine Art Ruhepause für die feministischen Aktivistinnen sehen. Sie sind Mitglieder der in der Ukraine gegründeten Gruppe "Femen", die mit Protesten mit freiem Oberkörper Schlagzeilen macht und das Establishment ärgert. Heute bereiten sie ihr neuestes Schlachtfeld vor - in Paris. Dort eröffnet "Femen" im Oktober sein erstes internationales Hauptquartier. "Frankreich ist wirklich das Zentrum des Feminismus", erklärt die blonde Inna Schewtschenko die Wahl des Standortes. "Hier ist das Lager, in dem die Revolution beginnen wird, wo Soldatinnen geboren werden." Handeln wollen sie aber auf der ganzen Welt.

Mit Kettensägen und nackten Brüsten

Femen-Aktivistin mit Kettensäges (Foto: Reuters)

Als Unterstützung für Pussy Riot sägten sie orthodoxe Kreuze ab

Die 22-jährige Schewtschenko hat den Auftrag, die "Femen"-Zentrale in Paris zu gründen, in einem Arbeiterviertel im Norden der Stadt. Schon jetzt gibt es hier ein Ausbildungslager, wo neue Rekrutinnen die Grundlagen für die Inszenierung der provokativen Kampagnen lernen - einschließlich des körperlichen Trainings. "Wir laufen, weil wir direkt auf unseren Feind zulaufen müssen", sagt Schewtschenko. "Wir springen, weil wir an wirklich schwierigen Stellen protestieren, auf dem Dach eines Autos oder auf Gebäuden. Wir trainieren unsere Muskeln, weil wir Kettensägen tragen und Kreuze fällen müssen."

Wie man Kreuze fällt, weiß Schewtschenko. Aus Protest gegen die Verurteilung der feministischen Punk-Band Pussy Riot sägte sie im vergangenen August ein großes Holzkreuz in Kiew ab. Dann floh sie nach Paris.

Die Aktion scheint unpassend für die Tochter eines Offiziers. Ein einschneidendes Erlebnis, das sie zur Feministin gemacht hat, habe es nicht gegeben, erzählt sie, während sie einen schwarzen Boxsack bemalt. "Ich glaube nicht, dass man erst vergewaltigt werden muss, bevor man zur Feministin wird", sagt Schewtschenko. Sie komme aus einem Land, in dem niemand über die Probleme der Frauen spreche. "Unsere Eltern, unsere Großmütter bringen uns bei, gut auszusehen, weil man einen Ehemann finden muss." Denn das sei die einzige Möglichkeit einer Frau, normal zu leben.

Oben ohne zum Erfolg

Polizisten führen Femen-Aktivistin ab (Foto: Reuters)

Nicht immer kommen die "Femen"-Aktivistinnen davon

Schewtschenko trat der feministischen Bewegung als Studentin in Kiew bei. Die Proteste begannen gesittet - mit großen Scharen von rosa gekleideten Frauen. Dann wurden sie mutiger und inszenierten im Jahr 2009 ihre erste Oben-ohne-Veranstaltung. "Wir haben geguckt, was andere Feministinnen machen und versucht, das gleiche zu tun. Mit großen Plakaten, großen Bannern auf den Straßen - schreien, soviel wir konnten", erinnert sie sich. Doch niemand habe reagiert. "Als wir unsere T-Shirts auszogen, sahen wir am nächsten Tag in allen Sprachen der Welt Berichte darüber, dass ukrainischen Frauen protestieren."

Schewtschenko wurde als Pressesprecherin im Kiewer Rathaus gefeuert und wurde zur "Vollzeit-Feministin". Die "Femen"-Demonstranten nahmen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, den weißrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko und Kirchenführer ins Visier. In Frankreich zogen sie ihre T-Shirts aus, um gegen das islamische Scharia-Gesetz und die Behandlung von muslimischen Frauen zu protestieren. In knappen Dienstmädchen-Outfits riefen Schewtschenko und andere "Femen"-Mitglieder 2011 "Schäm dich!" vor der Pariser Wohnung von Dominique Strauss-Kahn. "Es war unsere Reaktion auf einen Idioten, der denkt, weil er Geld und Macht hat, kann er mit Frauen tun, was er will", sagt Schewtschenko über den in Ungnade gefallenen ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, der Vorwürfe sexueller Belästigung stets abgestritten hat.

Nicht immer kommen die Frauen bei ihren Aktionen unbeschadet davon. Nach einem Protest gegen Lukaschenko im Dezember 2011 habe der russische Geheimdienst KGB sie und mehrere andere "Femen"-Aktivistinnen in Minsk kurzzeitig entführt, behauptet Schewtschenko. "Sie haben mir die Haare mit einem Messer abgeschnitten und Öl auf uns gegossen", erzählt sie. "Sie taten verrückte Dinge, um uns Angst zu machen." Schließlich hätten die Männer die Gruppe in einem abgelegenen Wald freigelassen.

Aus dem Arbeiterviertel in die ganze Welt

Femen-Aktivistinnen protestieren oben ohne (Foto: dapd)

Auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos protestierten die Frauen mit freiem Oberkörper

Dem Pariser Viertel Goutte d'Or, wo "Femen" jetzt sitzt, ist das Exotische nicht fremd. Es ist das Zuhause von afrikanischen und arabischen Einwanderern der ersten Generation, Drogendealern und Franzosen der Arbeiterklasse.

Der um die Existenz ringende Kinobesitzer Hervé Breuil gab den "Femen"-Aktivistinnen Raum, um ihre Ausbildungslager zu eröffnen. Er begrüßt die neuen Bewohnerinnen, die im September hier ihre erste Oben-ohne-Demonstration inszenierten. "Als diese Frauen hier mit nackten Brüsten demonstrierten, kam das gut an - fantastisch sogar", sagt Breuil. Afrikanische Frauen in traditionellen Gewändern hätten zugestimmt: "Bravo, weiter so, ihr habt Recht!"

"Femen" plant, auch Trainingslager in Brasilien und der Ukraine zu öffnen. Aber es sei sinnvoll, das erste in Paris zu eröffnen, sagt Schewtschenko. "Frankreich war schon immer ein feministisches Land. Es gibt hier schon eine Menge Ergebnisse", sagt sie. Aber: "Es steckt in den Konferenzräumen und Büchern fest. Das ist manchmal wirklich langweilig für die neue Generation." Jetzt sei es für die Frauenbewegung an der Zeit, zu provozieren, meint Schewtschenko. Zeit, eine Welt zu reizen, die noch immer von Männern dominiert werde. Zumindest in Goutte d'Or hat der Kampf begonnen.