Protest gegen Preisverleihung: Westernhagen gibt alle Echos zurück | Musik | DW | 17.04.2018
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Musik

Protest gegen Preisverleihung: Westernhagen gibt alle Echos zurück

Die Debatte um die mit dem Echo ausgezeichneten Rapper Kollegah und Farid Bang reißt nicht ab. Aus Protest geben Igor Levit und Klaus Voormann ihre Trophäen ab. Auch Marius Müller-Westernhagen schließt sich dem an.

Rockmusiker Marius Müller-Westernhagen hat sich dazu entschlossen, ein deutliches Zeichen gegen die umstrittene Echo-Vergabe an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang zu setzen. Wie bereits einige seiner Musikerkollegen gibt er seine Echo-Trophäen zurück. Das kündigte Westernhagen auf seiner Facebook-Seite an. "Die Verherrlichung von Erfolg und Popularität um jeden Preis demotiviert die Kreativen und nimmt dem künstlerischen Anspruch die Luft zum Atmen", schrieb er dort. "Eine neue Stufe der Verrohung ist erreicht." Er sei nicht der Meinung, dass die beiden Rapper Antisemiten seien: "Sie sind einfach schrecklich ignorant", lässt Westernhagen seine Fans wissen.

Klaus Voormann (picture-alliance/dpa/V. Bonn-Meuser)

Auch Klaus Voormann gibt den Echo zurück

Aus Protest gegen die Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang hatte schon der Pianist Igor Levit seinen Echo-Klassik zurückgegeben. Die Vergabe an die beiden Rapper sei für ihn "ein vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der Echo-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unsere Gesellschaft", schrieb Levit auf Twitter. "Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnungen zu geben, ist unerträglich." Musiker und Grafiker Klaus Voormann, der seinen Echo für sein Lebenswerk bekommen hat, gibt seine Echo-Trophäe ebenso zurück. Auch der Dirigent Enoch zu Guttenberg hat sich jetzt dem öffentlichen Protest am dienstag (17.04.) angeschlossen.

Die Rapper waren vergangene Woche mit dem Echo-Musikpreis für ihr Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" geehrt worden. Es enthält Textzeilen wie "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow" - was von von vielen Seiten als antisemitisch kritisiert wird.

Kollegah und Farid Bang bei der Echoverleihung. (Reuters/A. Schmidt)

Umstritten: Rapper Kollegah (r.) und Farid Bang

Während der Echo-Gala hatte sich nur der Frontmann der Toten Hosen, Campino, kritisch zu den "antisemitischen, frauenfeindlichen und homophoben" Texten der Rapper geäußert. Der Echo wird seitdem sowohl von Politikern als auch von jüdischen Funktionären heftig kritisiert. Auch viele Musiker äußerten sich in den Medien und in Sozialen Netzwerken. Am Sonntag hatte bereits das Notos Quartett, das 2017 beim "Echo Klassik" als Nachwuchskünstler ausgezeichnet worden war, seinen Preis zurückgegeben: "Die Tatsache, dass nun eben dieser Preis offenen Rassismus toleriert, ihm gar eine Plattform bietet und ihn auszeichnet, ist für uns nicht tragbar", erklärten die Künstler auf ihrer Facebook-Seite. Die Auszeichnung sei für sie nun "nichts mehr als ein Symbol der Schande".

Musiker greifen Echo scharf an

Voormann erklärte, er habe sich die Rückgabe seines Echos reiflich überlegt und sich deshalb auch mit den Texten des umstrittenen Albums beschäftigt. "Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig, um Denkanstöße zu geben", sagte der Musiker, der als Bassist von Stars wie Manfred Mann, Dr. John oder Randy Newman sowie als Produzent von Trio auftrat und außerdem als Wegbegleiter und Freund der Beatles gilt. Aber die Grenze zu menschenverachtenden, frauenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Äußerungen und Taten dürfe nicht überschritten werden. "Was muss passieren, dass ein Echo-Ethikrat Konsequenzen ergreift und eine Nominierung trotz Megaumsätzen eines Albums aus ethischen Gründen ablehnt?", fragte Voorman.

Sophie Hunger singend am Klavier. (picture alliance/Eventpress Hoensch)

Die Schweizer Sängerin und Musikerin Sophie Hunger

Eine klare Antwort darauf gibt die Schweizer Sängerin und Musikerin Sophie Hunger in einem offenen Brief an den Echo-Beirat, den sie auf ihrer Facebook-Seite öffentlich machte: "Die Frage, die es zu beantworten galt, war: Sollen Künstler, die in ihren Texten mit der Verhöhnung des Holocaust arbeiten, die Möglichkeit haben, den höchsten Deutschen Musikpreis zu bekommen? Die Antwort auf diese Frage hätte lauten müssen: Nein!"

"Konsens zu gewissen Grundwerten abhanden gekommen"

Auch Sänger Peter Maffay klagte im Interview mit der deutschen Presse-Agentur die Echo-Verantwortlichen direkt an: "Es ist ein Mangel an Sensibilität auszumachen, der nicht erträglich ist. Deswegen gehören in diese verantwortlichen Positionen Leute, die sich dieser Verantwortung bewusst sind und sie nicht an einen sogenannten Ethikrat weiterdelegieren, der auf Tauchstation geht."

Peter Maffay auf der Bühne mit Gitarre. (picture-alliance/dpa/D. Reinhardt)

Sänger Peter Maffay fordert personelle Konsequenzen

Zudem tritt für Maffay mit der Preisverleihung an Farid Bang und Kollegah und der damit verbundenen Debatte eine zunehmende Spaltung in der Gesellschaft zutage: "Ich glaube, darin ist ein grundsätzliches Problem zu erkennen, nämlich eine Veränderung in unserer Gesellschaft. Uns ist der Konsens zu gewissen Grundwerten abhanden gekommen." Dies führe zu fatalen Interpretationen. Begriffe wie "künstlerische Freiheit" würden missbraucht, um inakzeptable Inhalte zu legitimieren. 

BAP-Musiker Wolfgang Niedecken, der Voormann den Echo überreicht hatte, richtete ebenfalls scharfe Vorwürfe an die Echo-Veranstalter. Man habe ihn und Voormann bei der Verleihung der Musikpreise "ganz einfach ins Messer laufen lassen", schrieb er auf Facebook. Niedecken erklärte, er habe die Texte der Rapper nicht gekannt. "Beim vorletzten Show-Act wurden wir dann mit der menschenverachtenden Brutalität der beiden Schein-Musikanten konfrontiert, allerdings ohne irgendetwas von deren Gebrabbel zu verstehen. Textverständlichkeit: Fehlanzeige. Und dann standen auch schon unsere beiden Gitarren auf der Bühne und ich musste blitzartig entscheiden, wie ich mich adäquat verhalten sollte."

Porträt von Christian Höppner. (DW/Jan Röhl)

Christian Höppner: "Die Texte finde ich widerlich"

Personelle Konsequenzen sind bisher nicht vorgesehen. Am Montagabend hat allerdings Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats und Mitglied des Echo-Beirats, seinen Rückzug aus dem Beirat bekanntgegeben. Das Format des Echo-Preises sei "so gesellschaftlich nicht mehr tragbar", sagte er im Rahmen der Verleihung des "Kulturgroschens" an den früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.

Höppner, eines von sieben Beirats-Mitgliedern, sprach von einer "seit Jahren zu beobachtenden Eskalationsspirale an Hass, Rassismus und Gewalt". Der Deutsche Kulturrat hatte sich von der Auszeichnung distanziert, ohne seinen eigenen Präsidenten offen zu kritisieren.

jhi/bb (afp, dpa, epd, KNA)

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