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Deutschland

Prostitution zwischen Schule und Abendbrot

Kinderprostitution - damit verbindet man Sextourismus in Thailand oder vielleicht auch die kürzliche Festnahme von 150 mutmaßlichen Menschenhändlern in den USA. Doch es gibt sie auch in Deutschland.

Das Problem ist bekannt - das genaue Ausmaß nicht. "In Deutschland gibt es kaum Informationen zu Kinderprostitution, weil uns einfach das Wissen, die Fakten und die Zahlen fehlen", sagt Mechtild Maurer, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung (ECPAT). Dabei sei für die Bekämpfung ein besseres Wissen unabdingbar.

Die Kriminalstatistik der Polizei sei zum einen nicht detailreich genug. So gebe sie zwar Auskunft über sexuelle Gewalt und Missbrauch, aber nicht über die dahinterliegenden Strukturen. Zum anderen finde Kinderprostitution im Verborgenen statt. In Bordellen, Clubs und eigens für Prostituierte angemieteten Wohnungen sind Minderjährige selten anzutreffen. Erhebungen sind deshalb schwierig. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte wie etwa diesen: Bei der Dortmunder Mitternachtsmission, die eng mit Prostituierten zusammenarbeitet, ist etwa jede elfte hilfesuchende Person minderjährig. Insgesamt soll es in ganz Deutschland laut dem Berliner Verein Hydra bis zu 400.000 Prostituierte geben. Auch das Wissen über die Freier ist beschränkt. Was man weiß: Meist sind es Männer über 40, und sie kommen aus allen Milieus.

Viele Opfer aus Deutschland

Ein Mädchen hinter einer Schattenwand (Foto: picture alliance/Photoshot)

Die Jugendlichen kommen häufig auch aus der Bundesrepublik

Das punktuelle Wissen zeigt jedoch, dass viele Vorurteile über Prostitution falsch sind. "Wir wissen, dass Kinderprostitution vielfältiger ist als angenommen", sagt Maurer. Ein Milliardengeschäft in der EU ist der Menschenhandel. Doch zu den Opfern gehören nicht nur Mädchen und junge Frauen etwa aus Osteuropa und Afrika, sondern auch viele Deutsche. Die Dortmunder Hilfsorganisation Mitternachtsmission schätzt, dass etwa zwei Drittel der von ihnen betreuten Jugendlichen - sofern sie nicht von Menschenhändlern zur Prostitution gezwungen werden - aus der Bundesrepublik stammen.

Manche von ihnen gehen einem geregelten Alltag nach, betreiben Prostitution zwischen Schule und Abendbrot. Andere wiederum stammen aus dem Drogenmilieu, finanzieren sich mit der Prostitution die Sucht und sind häufig obdachlos. Auch die Wege in die Prostitution sind vielfältig: Die Jungen und Mädchen kommen sowohl über Bekannte und Verwandte in die Prostitution als auch über fremde Männer und Frauen, die sich das Vertrauen der Jugendlichen mit Hilfe unterschiedlicher Tricks erschleichen.

Loverboys für Mädchen, offene Wohnungen für Jungs

Eine Herangehensweise, um Mädchen dazu zu bringen, sich zu prostituieren, ist der Einsatz sogenannter Loverboys, weiß Silvia Vorhauer, Sozialarbeiterin bei der Mitternachtsmission. "Loverboys sind meist junge Männer, die gezielt Mädchen in der Pubertät suchen und ansprechen - in Schulen, Kneipen, Diskotheken - und sie durch eine nette, charmante Art in eine emotionale Abhängigkeit bringen." Die Mädchen sind vom Werben des Loverboys beeindruckt, verlieben sich.

Im Laufe der Beziehung werden sie dann von ihren ursprünglichen Freunden und der Familie isoliert, der Loverboy wird immer wichtiger. Schließlich erzählt er ihnen von seinen "Problemen", weiß Vorhauer von der Vorgehensweise zu berichten. Zum Beispiel, dass er Spielschulden habe und von seinen Gläubigern körperlich bedroht werde. Die Mädchen müssten ihm helfen, schnell an Geld zu kommen. Viele ließen sich darauf ein und würden anschließend auf den Strich geschickt.

Zunehmend seien auch Jungen betroffen, erklärt Maurer. Diese würden jedoch mit anderen Mitteln angelockt - zum Beispiel durch sogenannte offene Wohnungen. Angemietet von Pädosexuellen, dienen sie zunächst einmal als Treffpunkt. "Man muss sich das so vorstellen, dass die Jungs eingeladen werden zum Spielen, es gibt Kicker, es gibt die Möglichkeit, Filme zu gucken, es gibt Playstations, und irgendwann werden vielleicht auch mal Pornos angeschaut", sagt Maurer. Die Jungen bauen Beziehungen auf, freunden sich mit den Männern vielleicht sogar an. Schließlich werden sie aufgefordert, zuerst an sich und später auch an anderen sexuelle Handlungen vorzunehmen. Viele machen mit, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen.

Schwieriger Ausstieg

Eine Puppe liegt in einem Kinderzimmer auf dem Teppich (Foto: pa/dpa)

Viele Mädchen sind traumatisiert

Der Kontakt zu den Betroffenen ist schwierig. Nur selten wenden sie sich von selbst an eine Hilfsorganisation. Häufig sind es Verwandte wie etwa die eigene Schwester, die Verdacht schöpfen und sich an Vereine wie die Mitternachtsmission wenden. Damit ist zwar ein erster Schritt getan, doch der Weg bis zum Ausstieg ist lang. Das liegt auch daran, dass viele Jugendliche sich ihrer eigenen Notlage zunächst gar nicht bewusst sind und ihren Einstieg in die Prostitution sogar positiv bewerten.

"Es gibt ein Phänomen - 'Einstiegseuphorie' nennen wir das. Das heißt: Die Mädchen - sie sind ja mitten in der Pubertät - lehnen sich gegen Regeln und Normen der erwachsenen Gesellschaft auf, gehen in die Prostitution und in ein Tabu - und dieses Tabu wird auch noch profitabel", erklärt Sozialarbeiterin Vorhauer. Die Mädchen hätten zudem häufig Angst, dass die Sozialarbeiter die Beziehung zum Loverboy kaputt machen wollten. Ein Ausstieg erfolge deshalb erst dann, wenn die Mädchen es auch selbst wünschten. Das Wichtigste sei, das Vertrauen nicht zu zerstören, sagt Vorhauer.

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