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Kultur

Prost! Was Deutsche trinken

Warum greifen die Deutschen lieber zum Bier als zum Wein? Und warum war die Erfindung des Getränks aus Wasser, Hopfen und Malz lebensrettend? Eine kleine Kulturgeschichte deutscher Trinkgewohnheiten.

Den Gästen eines deutschen Lokals werden viele Entscheidungen abverlangt: Dutzende heiße und kalte Getränke stehen zur Auswahl. Vor Jahrtausenden war die Auswahl an Getränken wesentlich kleiner - es gab nur Wasser. Etwa im Jahr 10.000 vor Christus entdeckte die Menschheit dann das erste künstlich hergestellte Getränk: Bier. Seit dieser Zeit avancierte das schwach alkoholhaltige Getränk zum Kulturgetränk schlechthin. Und auch medizinisch war der Nutzen des Bieres in Zeiten mangelnder Hygiene unschätzbar. Die heilige Hildegard von Bingen, die sich als Universalgelehrte im frühen Mittelalter auch zum Thema Medizin und Gesundheit äußerte, empfahl dringend: "Man trinke Bier!"

"Hopfen und Malz, Gott erhalt's"

Kinder und Erwachsene folgten bereitwillig ihrem Rat. Denn Wasser war bis ins 20. Jahrhundert hinein oft verschmutzt und mit krankheitserregenden Keimen verseucht. So griff ganz Europa zum Bier, um gesund zu bleiben. Mehr noch: Im 19. Jahrhundert ermunterten Fabrikbesitzer ihre schwer schuftenden Arbeiter an den Stahlöfen und in den Bergwerken geradezu zum Biertrinken. Einerseits stärkte das kalorienreiche Getränk die Männer. Und zum anderen sollten die Arbeiter lieber Bier als hochprozentigen Schnaps trinken, der ebenfalls stark verbreitet war. Auch Dichter und Denker griffen gern zu Hopfen und Malz. "Ich Geringer trinke täglich zum Abendbrot ein Glas helles Bier", bekannte der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann freimütig. Lange Zeit galt Deutschland als führende Biernation der Welt. Mittlerweile haben die Deutschen den Platz als größte Biertrinkernation allerdings räumen müssen.

Biergarten in München (Foto: dpa)

Hoch die Gläser... Ein Biergarten in München

Etwa 100 Liter Bier trinkt der Deutsche im Schnitt pro Jahr. Damit bleibt er weit hinter den Tschechen zurück, die es auf rund 150 Liter pro Jahr bringen. "Wo man Bier braut, da lässt sich's gut leben!", lautet ein tschechisches Sprichwort. Trotzdem ist Bier in Deutschland ein Kulturgut. 1300 Brauereien produzieren über 5000 Sorten Bier - das ist weltweit einsame Spitze. Und immer mehr Deutsche bevorzugen die Biersorten von Kleinbrauereien, sei es gesellig im Biergarten, im Lokal oder gemütlich vor dem Fernseher.

"Schade, dass man Wein nicht streicheln kann"

Der Reformator Martin Luther sprach dagegen im 16. Jahrhundert eher dem Wein als dem Bier zu. "Bier ist Menschenwerk, Wein aber ist von Gott", erklärte der ehemalige Mönch. Obwohl die mittelalterlichen Klöster vor allem für ihre Braukunst bekannt waren, gehen auch viele der besten Weinanbaugebiete Deutschlands auf die frommen Brüder zurück. Der Legende nach konnte mancher Mönch am Geschmack der Erde erkennen, wo die beste Weinlage zu finden war. Zu verdanken haben die Deutschen den Wein aber ihren südlichen Nachbarn: Es waren einst die Römer, die die Feinheiten des Weinanbaus zu den germanischen Stämmen brachten.

Weinkönigin Julia Bertram (Foto: dpa)

Die amtierende Deutsche Weinkönigin Julia Bertram

Auch im Mittelalter war Wein äußerst beliebt. Einen wirklich guten Tropfen konnten sich aber nur wohlhabende Bürger und Adelige leisten. Das gemeine Volk trank billigen Fusel, bisweilen auch noch mit Essig gestreckt. Diese Panscherei ist vielleicht der Grund, warum in Deutschland bis heute weniger Wein getrunken wird als Bier. "Nur" etwa 20 Liter Wein trinkt jeder Deutsche heutzutage im Schnitt pro Jahr, wovon ein guter Teil auf die südlichen Bundesländer entfällt. Vielleicht ist das auch gut so. 2008 wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, dass der Alkohol im Wein das Gehirn schneller schrumpfen lässt als der im Bier. Erstaunlich angesichts dieser Erkenntnis: Der Wein hat die meisten Freunde gerade unter Künstlern und Intellektuellen gefunden. Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky schwärmte in den 1920er Jahren: "Schade, dass man Wein nicht streicheln kann."

"Coffee, Coffee muß ich haben"

Morgens mögen es die meisten indes lieber heiß, alkoholfrei und belebend: Viele starten mit einer Tasse Tee oder Kaffee in den Tag. Über deren Qualität ist schon so mancher Streit geführt worden. "Sollte dies Kaffee sein, bringen Sie mir bitte Tee. Sollte dies Tee sein, bringen Sie mir bitte Kaffee", beschwerte sich der amerikanische Präsident Abraham Lincoln im 19. Jahrhundert. Ebenso wie beim Wein konnten sich einst nur hohe Staatsmänner und Wohlhabende Kaffee und Tee leisten. "Coffee, Coffee muß ich haben; Und wenn jemand mich will laben, ach, so schenkt mir Coffee ein", komponierte Johann Sebastian Bach um 1732 in seiner "Kaffeekantate".

Zeitungsleser im Cafe. Um 1930 (Photographie: pixel)

Einfach gemütlich: Kaffeehaus-Szene in Berlin um 1930

In dieser Zeit entstanden in Europa die ersten Kaffeehäuser, in denen sich Kaufleute, Gelehrte und Vermögende trafen, um zu plaudern und Geschäfte zu tätigen. Und nicht zuletzt auch, um den exotischen, aus Arabien importierten Kaffee zu genießen. Die einfachen Leute dagegen tranken Ersatzkaffee aus Malz oder Zichorie.

Das gleiche galt für den Tee, der ebenfalls lange Zeit ein Privileg der Reichen war. Erst als die Tee- und Kaffeepreise zu Beginn des 19. Jahrhunderts sanken, konnten sich auch Arbeiter diese Heißgetränke leisten. Möglich wurde der preiswertere Anbau von Kaffee und Tee allerdings nur durch den Einsatz von Sklaven auf den Plantagen. Nun tranken alle Gesellschaftsschichten Tee und Kaffee.

Das Getränk als Ausdruck nationaler Identität

Bis heute bilden Tee- und Kaffeehäuser beliebte gesellschaftliche Treffpunkte. Ob man Tee oder Kaffee den Vorzug gab, entwickelte sich dabei fast schon zu einem Merkmal nationaler Identität: Während die Briten geradezu zum Inbegriff der Teetrinkernation wurden, frönen die Deutschen dem Kaffeekonsum. Fast 150 Liter Kaffee - mehr als Bier, Wein und Mineralwasser - trinken die Deutschen pro Jahr. In den Supermarktregalen findet sich Kaffee mittlerweile in vielen verschiedenen Varianten: Sei es als Bohnen- und Filterkaffee, als Kaffeepad oder -kapsel.

Und auch im Lokal steht der Gast vor der Qual der Wahl. Denn ob man es merkt oder nicht: Nicht nur individuelle Vorlieben bestimmen die Entscheidung, sondern auch die Jahrtausende übergreifende Kulturgeschichte der Getränke. Zum Wohl!

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