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Welt

Propagandaschlacht um die Deutungshoheit

Der ukrainische Premier Jazenjuk wirft Moskau vor, den "Dritten Weltkrieg" anzuzetteln, Russlands Präsident Putin denunziert ihn als Faschisten: In der Ukraine-Krise versucht jeder, seine Version der Dinge durchzusetzen.

"Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer", stellte der griechische Tragödiendichter Aischylos bereits vor mehr als 2500 Jahren fest. Auch im Ukraine-Konflikt, wo alle Seiten beteuern, einen Krieg vermeiden zu wollen, tobt seit langem die Schlacht um die Deutungshoheit der Ereignisse. Selbst für geschulte Beobachter ist es nicht immer leicht, Propaganda und Fakten auseinanderzuhalten.

Jen Psaki, Sprecherin des (US-Außenministeriums SAUL LOEB/AFP/Getty Images)

Jen Psaki: "Indizien" für Russlands Einmischung

So gab es in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder gegensätzliche Berichte über den Einsatz russischer Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter in der Ostukraine. Die ukrainische Regierung hatte der OSZE vor einigen Tagen Fotos präsentiert, die als Beweise dafür herhalten sollten, dass einige der bewaffneten Kämpfer in der Region tatsächlich russische Militärs oder Offiziere des russischen Geheimdienstes seien. Sie zeigten unter anderem einen Mann mit langem Vollbart, der bereits 2008 auf Fotos aus Georgien zu sehen gewesen sein soll - als russischer Untergrundkämpfer. Die Fotos spielte die ukrainische Regierung über Twitter und andere Kanäle gezielt den Medien zu.

US-Außenamtssprecherin Jen Psaki nannte die Fotos "weitere Indizien für die Verbindung zwischen Russland und den bewaffneten Milizen in der Ostukraine". Die Bilder unterstützten demnach die Position, die Washington und Kiew seit Wochen vertreten: Die vor Ort operierenden Kämpfer seien zum Teil Einheiten des russischen Militärs. Putin setze nun also das gleiche Spiel fort, das er zuvor bereits auf der Krim betrieben hatte. Der russische Außenminister Sergej Lawrow dementierte daraufhin erneut: Seine Regierung habe keine Soldaten in die Ukraine geschickt.

Erfundene Beweise

Der Bärtige - Alexander Moschajew, russischer Nationalist (Foto: Reuters)

"Der Bärtige": Alexander Moschajew, angeblicher Agent

Ein Journalist des

Magazins "Time"

machte den bärtigen Kämpfer, Alexander Moschajew, kurze Zeit später in der ostukrainischen Stadt Slowjansk ausfindig. Dort gab dieser bereitwillig ein Interview und zeigte sich amüsiert darüber, dass er für einen Agenten des russischen Geheimdienstes gehalten werde. Er sei zwar Russe, aber noch niemals in Georgien gewesen. Sein Einsatz in der Ukraine sei eine Mischung aus Abenteuerlust und Nationalismus. Er präsentierte dem Reporter sogar seinen Pass.

Wenn es die Quellen - seien es Regierungen, Experten oder Augenzeugen - mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ist eine kritische Recherche der Presse unabdingbar. Inmitten bewaffneter Konflikte ist das jedoch extrem schwierig. "Die große Herausforderung für Medien und deren Nutzer ist es, Licht in diesen Propagandanebel zu bringen", resümiert Hanno Gundert, Geschäftsführer von

n-ost

, einem Netzwerk, das sich für eine unabhängige Osteuropa-Berichterstattung einsetzt. Für die Bevölkerung in Russland, so Gundert, sei das mittlerweile allerdings fast unmöglich.

Stimmungsmache mit Begriffen

Denn viele Sender dort machen ganz gezielt Stimmung für die eine oder andere Seite - zum Beispiel durch die Wortwahl. Während in westlichen und ukrainischen Medien oft von der "Übergangsregierung" in Kiew die Rede ist, sprechen

Kreml-nahe russische Medien

wie der Auslandssender "Russia Today" meist von der "Putsch-Regierung". Wer auf der einen Seite als "selbsternannter Bürgermeister" bezeichnet wird, heißt auf der anderen Seite "Bürgermeister des Volkes". Diese Nuancen bei den Begriffen erzeugen Stimmungen - ebenso wie die Auswahl der Themen und der zitierten Experten. "Die Rezeption unterschiedlicher Quellen ist ganz zentral", sagt Hanno Gundert. In der Ukraine sei die Vielfalt in der Medienlandschaft größer als in Russland. Auch durch die Maidan-Bewegung sei in der Ukraine einiges an kritischen Medien gewachsen.

Hanno Gundert, Geschäftsführer von n-ost (Foto: Stefan Günther, n-ost)

Hanno Gundert: "Viele Informationsquellen nutzen"

Die russischsprachige Bevölkerung des Landes holt sich ihre Informationen jedoch meist aus russischen Medien. Und die sind - bis auf wenige Ausnahmen - ganz auf Linie des Kremls. "Das russische Fernsehen ist schon seit langem kein Träger eines professionellen Journalismus mehr. Es ist zu einer richtigen Propagandamaschinerie geworden. Jetzt hat das Ganze ein fürchterliches Ausmaß angenommen", erklärt Tatjana Felgengauer, stellvertretende Chefredakteurin des regierungskritischen Nachrichtensenders "Echo Moskau". Der Kreml versuche, über das Fernsehen eine einheitliche Sichtweise zu etablieren: "In Kiew sind die Faschisten, in der Ostukraine unsere Freunde."

In Russland, auf der Krim und in Teilen der Ostukraine scheint Moskau mit dieser Strategie bisher recht erfolgreich zu sein. Hanno Gundert wundert es daher nicht, wie viel Unterstützung Putin bei den Russen genießt: "Es ist wichtig sich klarzumachen, wie schwer es dort ist, sich dieser gleichgeschalteten Medienblase zu entziehen."

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