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Propaganda aus Versehen

Wörter besitzen Macht. Durch die Wortwahl werden Bilder erzeugt, die Gefühle und Gedanken auslösen. Und schon entstehen Haltungen und Meinungen, mal zufällig und unbedacht, mal gezielt und absichtlich.

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Propaganda aus Versehen

Es gibt das Sprichwort, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Das stimmt. Aber nicht so ganz. Denn auch mit einem einzelnen Begriff kann man sehr viel ausdrücken und Bilder im Kopf von Hörern, Lesern und Zuschauern – und damit sind natürlich auch die weiblichen gemeint – erzeugen. Positive wie negative. Manche verschwinden wieder nach einiger Zeit, andere wiederum setzen sich in den Köpfen und der Sprache fest.

Worte machen Bilder

Mit jedem Wort, das wir hören, entsteht ein Bild im Kopf. Ein Bild, das wir mögen, ablehnen oder neutral bewerten. An was denken wir beispielsweise beim Wort „Flüchtling"? Da flüchtet jemand, soweit klar. Er oder sie ist auf der Flucht.

Ein Mann mit rot gestylten Haaren sitzt im schwarzen Anzug auf einem Sofa (Colourbox)

„Schönling“ ist nicht unbedingt eine schmeichelhafte Bezeichnung

Das Wortableitungssuffix „-ling" kann aber auch ironisch, diminutiv oder pejorativ eingesetzt werden. Vielleicht denken wir da an den „Fiesling", jemand, der gerne gemein ist, oder den „Schönling", jemand, der unangenehm eitel ist, oder an einen „Dümmling".

Begriffliche Alternativen

Klein und männlich scheint er zu sein, irgendwie minderwertig. Und könnte das vielleicht Absicht sein? Sollen Flüchtlinge vielleicht klein, verschlagen und unangenehm aussehen, einfach dadurch, dass wir sie „Flüchtlinge" nennen?

Damit das nicht geschieht, werden inzwischen auch die Begriffe „Flüchtende" oder „Geflüchtete" verwendet. Diese sind neutraler, nur leider auch etwas umständlicher.

Ströme, Wellen und Fluten

Ungarn Flüchtlingsstrom nach Österreich (Reuters/D.W. Cerny)

Die Begriffe „Asylantenflut“ oder „Flüchtlingsstrom“ klingen bedrohlich

Ob und wie negativ das Wort „Flüchtling" besetzt ist, darüber mag man sich noch streiten. Dass ein Wort wie „Flüchtlingswelle" allerdings bedrohlich wirkt, sich schon so anhört, als würde man von etwas „überrollt", dem man machtlos gegenübersteht, dürfte unstrittig sein.

Auch der Begriff „Flüchtlingsstrom" zeigt nicht mehr die einzelnen Menschen, sondern eine bedrohliche Masse, die das Land zu „überfluten" droht. Auch das Wort „Asylantenflut" wurde und wird dementsprechend von den Gegnern der deutschen Asylpolitik verwendet.

Propaganda nebenbei

Und genau jetzt wird offenbar, welche Macht eine bestimmte Wortwahl hat: Dass jemand nämlich eine Sache oder eine Person durch die Wahl eines Begriffs besonders schlecht aussehen lassen will. Und das muss nicht immer ein so offensichtlicher Begriff wie „Zecke" sein – ein blutsaugender Parasit –, den rechte Parteien nutzen, um ihre politischen Gegner zu verunglimpfen.

Eine Zecke saugt Blut

Beliebtes Schimpfwort in der Politik: „Zecke“

Auch mit einem – sprachlich betrachtet – erst einmal relativ neutralen Begriff wie „Obergrenze" kann – in Verbindung mit einer politischen Stimmung – ein Bild erzeugt und auch Propaganda betrieben werden. Man stellt sich das eigene Land wie ein Gefäß vor, das, wenn es voll ist, überläuft. Und das muss verhindert werden.

Manchmal setzt sich die Propaganda so in den Köpfen fest, dass ihre Begriffe auch von Menschen benutzt werden, die eigentlich nicht die Absicht haben, Propaganda zu machen.

Eingeschmuggelte Naziwörter

Ein Beispiel dafür ist „Überfremdung". Das Adverb „über" bedeutet, dass etwas zu viel ist, über das normale Maß hinausgeht. „Überfremdung" bedeutet schlichtweg „zu viele Fremde". Der Begriff stellt die Tatsache, dass in Deutschland Menschen aus anderen Kulturen leben, als Bedrohung dar. Wegen seiner abwertenden Bedeutung wurde „Überfremdung" 1993 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Unwort des Jahres gewählt.

 Ein Stoppschild mit durchgestrichener Moschee (Getty Images/AFP/R. Michael)

Rechtsextreme reden von islamischer „Überfremdung“ in Deutschland

Eigentlich stammt der Begriff aus der Zeit des Nationalsozialismus, was aber offenbar allen denjenigen, die ihn in Talkshows, bei Demonstrationen und in den sozialen Medien verwendeten, nicht bewusst war. Auch Journalisten, die doch eigentlich objektiv sein wollen, benutzten ihn mal als Zitat, mal aber auch, ohne darauf hinzuweisen, wer da von der Angst vor Überfremdung gesprochen hat.

Und auf einmal war sie in der Welt: die Angst vor Überfremdung, transportiert über einen Begriff, der eindeutig zur Nazipropaganda gerechnet werden kann. Nationalsozialistische Gedanken wurden und werden so nebenbei wieder hoffähig, also normal, etwas das man ruhig einmal sagen kann.

Erst denken, dann sprechen!

Sprache ist nicht nur Sprache. Wörter transportieren auch immer Bilder, Haltungen und politische Einstellungen. Wer in der Auswahl seiner Wörter unkritisch ist, sagt vielleicht etwas, das er oder sie gar nicht beabsichtigt und unterstützt so unbewusst diejenigen, die Sprache gezielt zur Propaganda nutzen. Also Vorsicht beim Twittern, beim Posten und beim Reden. Und für uns Journalisten gilt: Vorsicht beim Schreiben und beim Sprechen. Denn mit jedem Wort sagen wir mehr, als wir glauben.

 

 

 

Arbeitsauftrag
Auf der SeiteFloskelwolke.de  findet ihr eine Auflistung von Begriffen, die etwas anderes meinen als sie ausdrücken. Sucht euch zehn Begriffe aus, und versucht, ihre eigentliche Bedeutung herauszufinden.

 

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