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Europa

Prominente als Kinderschänder verurteilt

In einem spektakulären Prozess um Kindesmissbrauch sind in Lissabon alle Angeklagten für schuldig befunden worden. Prominente und Angehörige der Oberschicht hatten jahrelang Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht.

Fernsehmoderator Carlos Cruz kommt zum Prozess (Foto: AP)

Einer der Verurteilten: der zuvor sehr beliebte TV-Moderator Carlos Cruz

Nach einem fast sechsjährigen Prozess nannten die Richter des Strafgerichts in Lissabon am Freitag (03.09.2010) das Strafmaß: Sechs der sieben Angeklagten aus Politik und Medien wurden zu Gefängnisstrafen zwischen knapp sechs und 18 Jahren verurteilt. Sie wurden alle unter anderem der Vergewaltigung, des Kindesmissbrauchs sowie der Kuppelei für schuldig befunden.

Angeklagt waren sechs Männer und eine Frau, die als einzige nicht zu einer Haftsstrafe verurteilt wurde. Die Verurteilten hatten in den 1990er Jahren Kinder und Jugendliche eines Waisenhauses sexuell missbraucht und einen Pädophilen-Ring betrieben. Ihnen wurden insgesamt mehr als 800 Straftaten zur Last gelegt. Bei den Opfern handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um mindestens 32 Minderjährige des staatlichen Waisenhauses "Casa Pia" in der portugiesischen Hauptstadt.

Nur Fahrer gesteht Taten

Diplomat und früherer UNESCO-Botschafter Jorge Ritto in Lissabon (Foto: AP)

Diplomat und früherer UNESCO-Botschafter, Jorge Ritto (l.), saß ebenfalls auf der Anklagebank

Zu den verurteilten Tätern gehört auch der 68-jährige Showmaster Carlos Cruz, der bei Ausbruch des Skandals einer der beliebtesten Fernseh-Moderatoren Portugals war. Gestanden hatte im Laufe des Verfahrens aber nur einer der Angeklagten: der ehemalige Gärtner und Fahrer des Heimes, Carlos Silvino. Auf der Anklagebank saßen außerdem der frühere Botschafter und Politiker Jorge Ritto, der Arzt Joao Ferreira Diniz, der Unternehmer Manuel Abrantes, der Anwalt Hugo Marçal sowie Gertrudes Nunes, deren Haus als Tatort gedient haben soll. Die Staatsanwaltschaft forderte im Verfahren Mindeststrafen von fünf Jahren Freiheitsentzug ohne Bewährung.

Die Opfer berichteten im Prozess von Vergewaltigungen durch Erwachsene in dunklen Kellern und während nächtlicher Autofahrten zu abgelegenen Häusern. Die Täter seien "völlig skrupellose Menschen", sagte eines der Opfer der portugiesischen Zeitung "Público". Ein weiteres Opfer sagte: "Die bereuen das alles immer noch nicht. All diese Sachen sind immer noch in meinem Kopf, tauchen in meinen Alpträumen immer wieder auf." Für einige der Opfer hat der Prozess eine solche Belastung dargestellt, dass sie nach Angaben des leitenden Staatsanwalts versuchten, sich das Leben zu nehmen.

Richterin: Kinderhaus trägt Mitschuld

Kinderheim Casa Pia in Lissabon (Foto: AP)

Die Opfer lebten im Kinderheim Casa Pia in Lissabon

Die Vorsitzende Richterin Anna Peres erklärte während des Prozesses, dass das Kinderhaus Casa Pia eine Mitschuld trage, weil es die Verbrechen nicht aufgedeckt habe. In den über ganz Lissabon verteilten Casa-Pia-Häusern sind rund 4500 Minderjährige untergebracht.

Der Skandal schockierte Portugal nach ersten Enthüllungen der Wochenzeitung "Expresso" im November 2002, und er hielt das Land bis zum Ende des Prozesses in Atem. Der Umstand, dass Kinder eines staatlichen Heimes über Jahre von einem Pädophilen-Ring ausgebeutet wurden, hatte das Vertrauen vieler Portugiesen in die Institutionen des Landes erschüttert. Monatelang bestimmte der Pädophilieskandal die Schlagzeilen portugiesischer Zeitungen.

Der Prozess ist das längste Verfahren der Justizgeschichte Portugals. Er begann im November 2004, das Gericht tagte 450 Mal und hörte seitdem fast 1000 Zeugen und Sachverständige. Immer wieder gab es Kritik an den schleppenden Ermittlungen. Beobachter erklärten, das Verfahren sei mit der Urteilsverkündung noch längst nicht zu Ende. Die Anwälte der Angeklagten würden auf jeden Fall Berufung einlegen, um irgendwann auf Verjährung pochen zu können, hieß es dazu auch in den Medien.

Autorin: Naima El Moussaoui (dpa, afp, apn)

Redaktion: Ursula Kissel

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