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Kultur

Projekt Zukunft: Junge Asylbewerber im Film

Im Dokumentarfilm "Neuland" kommen jugendliche Asylsuchende in einer Schweizer Integrationsklasse zu Wort. Erfolgreiche Überflieger zeigt der Film genauso wenig wie Integrationsverweigerer.

Es ist der erste Schultag in der Integrations- und Berufswahlklasse in Basel. Viele der Schüler sind erst seit wenigen Wochen in der Schweiz. Sie haben oft lange Reisen hinter sich, waren alleine unterwegs, mit dem Flugzeug, Bus oder Zug. Die meisten kennen den Krieg und sind vor seinen Folgen geflohen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben und Arbeit in der Schweiz. Lehrer Christian Zingg stellt sich seinen Schülern vor. "Sie sind hier, weil Sie nicht verstehen", sagt er und beginnt seinen Unterricht - auf Deutsch.

Die Schüler sprechen unterschiedliche Sprachen. Das macht die Verständigung schwierig. Doch ohne deutsche Sprachkenntnisse kein Schulabschluss, ohne Abschluss keine Berufschancen.

Die Integrations- und Berufswahlklassen sollen die Schüler stark machen für den Arbeitsmarkt. Sie lernen Deutsch, üben Bewerbungen zu schreiben und simulieren Vorstellungsgespräche.

Eines zeigt der Film sehr eindringlich: Keinem der Schüler hat sich das Paradies eröffnet, das er in der Schweiz erwartet hatte. Wie schwer es für die jungen Flüchtlinge ist, Fuß zu fassen, weiß ihr Lehrer gut. Das ewige Warten auf Asyl und die vielen Rückschläge und Absagen sind für einige eine traumatische Erfahrung.

Szene aus dem Film 'Neuland': Ehsanullah und Hamidullah aus Afghanistan lernen, wie man von links schreibt (Foto: RISE & SHINE Vertrieb)

Vieles ist anders in der Schweiz - Hamidullah erklärt seinem afghanischen Landsmann Ehsanullah, dass man von links nach rechts schreibt

Der Lehrer zeigt großes Verständnis für seine Schüler - unerwartet spricht er immer wieder auch belastende Themen an: "Sind Sie freiwillig hier?" Ehsanullah Habibi, einer der Protagonisten des Films, kommt aus Afghanistan. "Nein", antwortet er, "mein Vater hat gesagt, ich muss." Er soll in der Schweiz Geld verdienen und die Familie in Afghanistan unterstützen. 20.000 Dollar habe er einem Schlepper bezahlt. Ein ganzes Jahr habe die Reise mit vielen Umwegen gedauert. Nun sei er hier, in der Schweiz. Endlich angekommen, ist die Realität im Asylbewerberheim bitter.

Auch das Schicksal von Nazlije Aliji aus Serbien berührt. Die junge Frau lernt fleißig Deutsch; sie möchte einmal Grundschullehrerin werden. Ein toller Plan, findet auch Herr Zingg. Doch die finanzielle Not droht den Traum platzen zu lassen, denn es würde weitere acht Jahre dauern, bis Nazlije in der Schule arbeiten könnte.

Szene aus dem Film 'Neuland': Asylbewerber Ehsanullah Habibi aus Afghanistan (Foto: RISE & SHINE Vertrieb)

Ehsanullah will seine Familie in Afghanistan unterstützen

"Dranbleiben", lautet die Botschaft des Lehrers. Letztlich spiele es keine Rolle, wie schlecht die eigenen Voraussetzungen seien. Viel wichtiger sei es, jede Chance zu nutzen und nie die Hoffnung zu verlieren. Er sehe nicht tatenlos zu, wenn jemand sich aufgibt, denn "dafür bin ich am falschen Ort".

Anna Thommens Film erzählt die Geschichten von jungen Menschen, die sich eine Zukunft in der Schweiz erhofft hatten. Anschaulich wird, wie viel Ermutigung sie brauchen, um ihre Träume zu realisieren - sofern sie welche haben. Aber auch, wie streng ihr engagierter Lehrer ist, wenn er merkt, dass Handlungsbedarf besteht. Wie ernüchternd die Gespräche manchmal sind.

Regisseurin Anna Thommen

Regisseurin Anna Thommen

Die Regisseurin will weder moralisieren noch politisieren. Sie mischt sich nicht ein, nimmt stattdessen die Rolle des Beobachters ein. Ihr Film bleibt dabei ganz nah bei den Menschen und zeigt ihre persönlichen Konflikte, Sorgen und Träume. Auch die Überforderung des Lehrers wird deutlich: Er versucht zu helfen - und stößt dabei an Grenzen.

"Neuland" drehte Thommen 2013. Es ist ihr Abschlussfilm im Filmstudiengang der Züricher Hochschule der Künste, er erhielt vielfach Auszeichnungen. Am 23. April ist der Schweizer Dokumentarfilm in den deutschen Kinos angelaufen.