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Sport

Profisport kehrt nach Kuba zurück

Eine grundlegende Reformierung soll dem zuletzt darbenden Spitzensport in Kuba neue Impulse verleihen. Mehr Geld soll wieder Erfolge bringen und die Abwanderung von Top-Athleten ins Ausland stoppen.

Kubas Baseballspieler bejubeln am 10.11.2003 in Panama City ihren Sieg über Kanada im Finale des Olympia-Qualifikationsturniers - Kanada und Kuba sind für die Olympischen Sommerspiele 2004 in Athen qualifiziert (Foto: dpa)

Kubas Baseballspieler jubeln beim Olympia-Qualifikationsturnier 2003 in Panama City über ihren Sieg gegen Kanada

Kuba hat einen großen Schritt gemacht, um nach mehr als fünfzig Jahren zum Profisport zurückzukehren. Die Spitzensportler des Landes sollen künftig Profiverträge bei ausländischen Klubs unterschreiben dürfen, zudem soll es Gehaltserhöhungen und Leistungsprämien geben. Diese und andere Regelungen sind Teil einer Reihe von Reformen im kubanischen Sport, die vom Ministerrat Mitte September beschlossen und von der Parteizeitung Granma eine Woche später publik gemacht wurden.

Neben den Athleten dürfen in Zukunft auch Trainer und andere Sportspezialisten im Ausland arbeiten. Laut Granma sollen die Sportler fortan achtzig Prozent ihrer Preisgelder behalten dürfen - bisher hatte der Staat mehr als vier Fünftel der Gelder eingesteckt. Im Gegenzug sind die Spitzenathleten verpflichtet, für die heimischen Ligen sowie die Nationalmannschaften zur Verfügung zu stehen. Auch müssen sie ihre Einnahmen auf der Insel versteuern. Einzelheiten wie etwa welche Sportarten unter die Neuregelung fallen, wurden allerdings nicht genannt. Unklar ist auch, ob den Athleten erlaubt wird, direkt mit ausländischen Klubs zu verhandeln oder ob der Staat als Mittler auftritt.

Abschied vom Fördersystem

Der kubanische Ringer Mijain Lopez Nunez feiert den Gewinn der Goldmedaille bei den olympischen Spielen 2012 in London (Foto: EPA/ORESTIS PANAGIOTOU)

London 2012: Ringer Mijain Lopez holt olympisches Gold

Die Reform, die am 1. Januar 2014 in Kraft tritt, sieht auch Gehaltserhöhungen für Spieler und Trainer der nationalen Ligen vor. Für die Baseballspieler gelten die neuen Bestimmungen bereits seit dem Start der nationalen Meisterschaftsrunde Anfang November. Ziel der Maßnahmen sei, "den Sport zu perfektionieren, Einnahmequellen zu erschließen, Wettkampfhärte und -qualität zu steigern, eine graduelle Anhebung der Gehälter und sicherzustellen, dass jeder das erhält, was ihm nach seiner Arbeit zusteht", schreibt die Granma. Das sind neue Töne, ein Paradigmenwechsel, denn Profisport war in Kuba 1962 abgeschafft worden. Er wurde ersetzt durch ein planwirtschaftliches Fördersystem, das in der Grundschule begann, erfolgreiche Athleten am Fließband produzierte und den Sport zu einem Emblem der Revolution werden ließ.

Doch zuletzt gingen die Erfolge zurück. War Kuba von 1972 bis 2004 bei Olympischen Spielen noch stets die erfolgreichste lateinamerikanische Nation im Medaillenspiegel, wurde das Land 2008 in Peking erstmals von Jamaika und Brasilien überflügelt, und konnte auch in London 2012 die Spitzenposition nicht wieder zurückerobern. Selbst Kubas Baseballteam, das bei Olympia und Weltmeisterschaften Siegerpokale in Serie einsammelte, konnte seit Jahren kein großes Turnier mehr gewinnen.

Gewaltiger Aderlass

Der kubanische Baseballstar Yasiel Puig ist die Nummer 66 bei den Los Angeles Dodgers (Foto: Elsa/Getty Images)

Der kubanische Baseballstar Yasiel Puig verdient sein Geld bei den Los Angeles Dodgers in der Major League Baseball

Die Gründe für den Niedergang sind vielfältig. So ist die heutige Generation der Spitzensportler in der Zeit der Mangelwirtschaft Anfang der Neunziger groß geworden. In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten fehlte plötzlich das Geld für die Förderung des Spitzensports. Die ökonomische Situation führte seit 1989 zudem zu einem gewaltigen Aderlass im kubanischen Sport. Viele Talente, aber auch schon gestandene Athleten wie etwa Boxer, Leichtathleten, Volleyballer, Baseballspieler und andere, setzten sich über Jahre hinweg ins Ausland ab, um dort ihr sportliches und finanzielles Glück zu suchen. Zwar genossen erfolgreiche Sportler auf der Insel auch bisher schon diverse Privilegien und wurden nicht selten von der Regierung mit Haus und Auto ausgestattet. Doch angesichts anderswo zu verdienender Millionengehälter zeigten solche Anreize oft nur wenig Wirkung: Der 2012 abgewanderte Baseballspieler Yasiel Puig, die Rookie-Sensation der Los Angeles Dodgers, unterschrieb beispielsweise gerade erst einen Siebenjahresvertrag über 42 Millionen US-Dollar.

Schon länger war daher über eine Öffnung diskutiert und vorsichtig erprobt worden. Im Juli erlaubte man drei kubanischen Baseballspielern - Alfredo Despaigne, Yordanis Samon und Michel Enríquez - als ersten noch aktiven Spielern überhaupt, bei einem Team der mexikanischen Liga Profiverträge zu unterschreiben. Zuvor war dies nur Spielern gestattet worden, die bereits ihre Baseballhandschuhe an den Nagel gehängt hatten. Auch nimmt Kuba erstmals seit fünfzig Jahren wieder an einem Profi-Box-Turnier teil, der für Amateure und Profis offenen World Series of Boxing des Weltverbandes AIBA. Die Möglichkeit für Kubas Sportler Profiverträge im Ausland abschließen zu dürfen, bedeutet aber nun auch offiziell die Abkehr von den bis hierher aufrecht erhaltenen Gleichheitsansprüchen des sozialistischen Systems - dies ist die eigentliche Zäsur dieser Reform.

Relikt aus alten Zeiten

Der kubanische Präsident Fidel Castro (l.) und der Kapitän des kubanischen Baseball-Nationalteams Omar Linares am 3. August 1999 (Foto: ADALBERTO ROQUE/AFP/Getty Images)

Kubas Präsident Fidel Castro (l.) und der Kapitän des Baseball-Nationalteams Omar Linares im August 1999

Inwieweit es die Reform kubanischen Sportlern ermöglicht, künftig Verträge in den USA zu unterzeichnen, ist jedoch ungewiss. Das trifft vor allem die Baseballspieler. Denn um in der sportlich aber auch finanziell attraktivsten Liga der Welt, der Major League Baseball (MLB), spielen zu können, werden kubanische Athleten gezwungen, jedwede Verbindung nach Kuba abzubrechen - eine Regelung, die einzig für kubanische Sportler gilt. Die US-Gesetzgebung in Form des Helms-Burton-Gesetzes, einer 1996 beschlossenen Verschärfung der Blockadepolitik, verbietet US-amerikanischen Unternehmen, also auch der MLB, jegliche kommerziellen Verbindungen mit Kuba. Ausgerechnet die seit Jahrzehnten andauernde Blockade Kubas durch die USA, ein Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges, erweist sich damit weiterhin als großes Handicap.

Auf der Insel aber ist das kein großes Thema, unter den Sportlern und auch in weiten Teilen der Anhängerschaft überwiegt die Freude über die Veränderungen. "Ich glaube wirklich, dass den kubanischen Sportlern eine große Möglichkeit gegeben wird", sagt Kubas Baseball-Legende Omar Linares, der heute als Trainer in Mexiko arbeitet.

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