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Deutschland

Problemzone Fußgängerzone

Samstags in der Münchner Innenstadt treten sich die Einkäufer fast auf die Füße. In vielen deutschen Klein- und mittelgroßen Städten hingegen ist im Zentrum oft nichts los. Dabei ließe sich das leicht ändern.

Menschenleere Fußgängerzone in Neustadt am Rübenberge (Foto:dpa)

Neustadt am Rübenberge - ohne Menschen wirkt auch hier die Fußgängerzone öde

In den 1950er-Jahren waren sie Symbole einer florierenden deutschen Wirtschaft: Fußgängerzonen in der Innenstadt. Am 9. November 1953 wurde in Kassel die erste verkehrsfreie Einkaufsstraße Deutschlands offiziell eingeweiht. Das ist jetzt 60 Jahre her, und so mancher Fußgängerzone sieht man ihr Alter an. Verändert hat sich aber nicht nur der Zustand der Gebäude, sondern auch die Art der Geschäfte. Filialen großer Firmenketten haben inhabergeführte Läden verdrängt, große Shoppingcenter sind entstanden.

In Großstädten mit über 500.000 Einwohnern sind diese Art von Einkaufsstraßen immer noch attraktiv. In München ist die Miete eines Ladens in der Innenstadt mittlerweile mehr als doppelt so teuer wie vor zehn Jahren. Viele kleine und mittelgroße Städte kämpfen jedoch in den Fußgängerzonen mit Leerständen und einer Verflachung des Angebots.

Symbiose aus historischer Altstadt und Shoppingmall

Stadtplaner sehen aber durchaus Chancen, dies zu ändern. "Die Attraktivität hängt stark davon ab, ob die Stadt in der Lage ist, die Fußgängerzone als herausragendes Einzelhandelszentrum zu stabilisieren und durch gastronomische oder kulturelle Angebote zu ergänzen", sagt der Leiter des Fachbereichs Stadterneuerung und Stadtumbau der Universität Kassel, Uwe Altrock.

Straßencafe in einer Fußgängerzone (foto:dpa)

Restaurants, Kinos und Museen als Publikumsmagneten

Eine zeitgemäße Innenstadt sieht für ihn so aus: Der Stadtkern oder die Altstadt soll in ihrer Struktur erhalten bleiben. Damit aber die Besucher dieser Städte nicht weniger werden, müssen sie mit Zusatzangeboten gelockt werden. Diese können Kaufhäuser und in bestimmten Fällen auch Shoppingcenter sein, die jedoch, so Altrock, "symbiotisch an die historische Substanz angedockt werden" sollten. Wichtig seien aber auch Restaurants und Kneipen, Theater, Kinos oder Museen.

Ohne die Filialen beispielsweise der großen Modeketten und Shoppingcenter geht es also nicht. Eine hübsche Altstadt allein zieht häufig nicht genügend Menschen an. Die Mischung macht es. Osnabrück, eine 150.000 Einwohnerstadt in Niedersachsen, sei dafür ein gutes Beispiel, sagt Altrock. Dort gibt es ein Shoppingcenter direkt neben der Fußgängerzone. Dieses sei ganz offen gestaltet worden, "wie ein kleines Gassengewirr".

Innenstadtkiller IKEA

Nicht überall gibt es aber den Platz, Shoppingcenter von der "grünen Wiese", wie Stadtplaner die Bereiche am Stadtrand nennen, wieder in die Zentren zu holen. Sie waren schließlich einst vor allem aus Platzgründen weiter draußen angesiedelt worden - oft in der Nähe einer Autobahn und nicht selten zum Leidwesen der Händler in der Innenstadt. Einer der großen "Innenstadtkiller", sagt Altrock, sei der schwedische Möbelhersteller Ikea, mit seinem "innenstadtrelevanten Sortiment" wie Gläsern und Kerzen. Dennoch sei ein IKEA für viele Gemeinden ein Muss, weil die Einwohner sonst für ihren Einkauf in die Nachbargemeinde abwanderten.

Ansicht von IKEA (Foto:dapd)

Der schwedische Möbelhersteller IKEA lockt die Kunden aus den Innenstädten

Immer mehr Kleinstädte entschließen sich, Shoppingcenter wieder in der Innenstadt anzusiedeln. Kempten im Allgäu habe jedoch von jeher versucht, die Standorte auf der grünen Wiese kleinzuhalten, sagt Altrock. Das habe auch funktioniert. Die nur etwa 60 Kilometer entfernte Stadt Mindelheim habe hingegen, als eine Autobahn-Umgehungsstraße gebaut wurde, "wie wild" große Läden am Stadtrand angesiedelt. Die Fußgängerzone in der Innenstadt habe dadurch stark an Bedeutung verloren.

Städte mit kleinem Budget und keiner Möglichkeit, ein Einkaufszentrum neben der Fußgängerzone zu platzieren, könnten das Vorhandene in Schuss bringen, sich von hässlichen Altlasten wie Waschbetonelementen trennen oder sich überlegen, wie kleine Läden mit Durchbrüchen vergrößert werden können. Stehen viele Läden leer, könnten die Gebäude unter Umständen wieder als Wohnungen genutzt werden. Weil früher aber, um Verkaufsfläche zu gewinnen, nicht selten die Treppenhäuser herausgerissen wurden, ist das nicht überall ohne Weiteres möglich.

Konkurrenz Internet

Manche Händler sagen, das Internet sei schuld an der Fußgängerzonen-Ödnis mancher kleiner Städte. Immer mehr Menschen lassen sich in einem Geschäft beraten und kaufen dann im Internet - billiger - ein. 68 Prozent der Deutschen betreiben dieses "Showrooming" laut einer Studie des Marktforschungsinstitutes TNS-infratest vom Mai diesen Jahres. Die Gefahr, dass deswegen reihenweise Läden in den Zentren dichtmachen müssen, sieht Michael Reink vom Handelsverband Deutschland aber nicht. "Wir gehen für 2025 von einem Anteil von 20 bis 25 Prozent des E-Commerce am Gesamtumsatz des Einzelhandels aus." Also Dreiviertel der Umsätze würden weiterhin in den klassischen Läden und Shoppingcentern gemacht, so Reink.

Dass Fußgängerzonen irgendwann vollständig verschwinden werden, daran glauben weder Altrock noch Reink. "Fußgängerzonen sind immer noch die 1a-Lage in den Innenstädten. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern", sagt Reink. Und Altrock gibt zu bedenken: “Wenn man sich vorstellt, die wären weg: Würde man dann überhaupt noch die Innenstädte besuchen?“