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Politik & Gesellschaft

Problematische Auslandseinsätze

Seelsorge für Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz hat einen besondern Stellenwert für die Truppe und erst recht für die Kirchen. Besonders die katholische Militärseelsorge sieht sich jedoch vor neuen Herausforderungen.

Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in Afghanistan: Gedenken an gefallene deutsche Soldaten in Kundus ***Das Militärbischofsamt stellt sie honorarfrei zur Verfügung. Foto und Rechte: Marlene Beyel, Militärbischofs

Für Franz-Josef Overbeck ist der Stellenwert der kirchlichen Begleitung von Auslandseinsätzen im Spektrum der Militärseelsorge klar. "Unsere erste Aufgabe ist es, diejenigen zu stärken und zu stützen, die vor Ort ihren Dienst tun." Anfang Oktober war der katholische Militärbischof in Afghanistan, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Sein erster Besuch bei deutschen Soldaten "draußen". Vergangene Woche erörtert er in Berlin mit den meisten der gut 90 katholischen Militärgeistlichen die Zukunft dieses Dienstes. Dieser kirchliche Dienst im staatlichen Kontext ist in Deutschland detailliert geregelt. Doch der Umbruch bei der Bundeswehr, aber auch der Priestermangel in der katholischen Kirche bringen trotz und auch wegen dieser Regelungen neue Herausforderungen.

Einsatz für Einsatzkräfte

Overbeck im Gespräch bei Männern mit Gepäck) Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck im Gespräch mit Soldaten in Afghanistan***Das Militärbischofsamt stellt sie honorarfrei zur Verfügung. Foto und Rechte: Marlene Beyel, Militärbischofs

Der Militärbischof im Gespräch mit Soldaten in Afghanistan

Im Mai dieses Jahres übernahm der damals 46-jährige Overbeck das Amt des katholischen Militärbischofs der Bundeswehr. Er ist deutlich jünger als jeder seiner Vorgänger, und er ist als einziger bereits zu Zeiten der Bundesrepublik geboren. Damit haben für ihn die Entwicklungen und Veränderungen in der 1955 gegründeten Bundeswehr, auch die Debatten um die seit 1991 aufgekommenen Auslandseinsätze eine andere Nähe und Gewöhnung als für seine Vorgänger. Längst gehören diese Verpflichtungen – in Afghanistan, im Kosovo, vor den Küsten des Libanon oder Somalias und in anderen Regionen – zum Alltag der Truppe.

In Kundus stand Overbeck auch vor dem Ehrenmal für die gefallenen Angehörigen der Bundeswehr. Und er sprach mit zahlreichen Einsatzkräften, ganz unabhängig von Konfession oder Religion. "Wer sich dort nicht verändert, dem würde was an der Menschlichkeit fehlen. Man verändert sich dort." Derzeit gehören nach Angaben des Katholischen Militärbischofsamtes jeweils rund 30 Prozent der deutschen Soldaten einer der beiden großen christlichen Konfessionen an. An die 40 Prozent sind konfessionslos, einige wenige auch muslimischen oder jüdischen Glaubens.

Hilfe für Helfer

(Gottesdienst in Kapell) Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck feiert einen Gottesdienst mit deutschen Soldaten in Afghanistan ***Das Militärbischofsamt stellt sie honorarfrei zur Verfügung. Foto und Rechte: Marlene Beyel, Militärbischofs

Gottesdienst im Stützpunkt

Der Militärbischof benennt auch die Herausforderungen direkter als seine Vorgänger. Nicht alle Geistlichen, die Soldaten nach Afghanistan begleiteten, kämen "schadlos nach Hause". Einige hätten "Schäden mit nach Hause gebracht", sie müssten nach Abschluss ihres Engagements selbst begleitet oder therapiert werden. Das hat in dieser Offenheit keiner seiner Vorgänger so berichtet. Die Einsätze zwischen ständiger Bedrohung und der Tristes des Alltags, das Erleben von Todesgefahr, Verletzung, Bedrohung, Kameradschaft und Frust sind auch für die ausgebildeten Seelsorger eine Herausforderung. Und sie stehen auch an Krankenbetten, Bahren und Särgen.

Mit einer konkreten politischen Bewertung des deutschen Einsatzes in Afghanistan hält sich Overbeck zurück. Das passt zur Linie beider Kirchen, die ihre Bereitschaft und Verpflichtung betonen, deutsche Soldaten im Zweifelsfall bei jedem Auslandseinsatz zur Seite zu stehen. Politische Bewertungen oder friedensethische Stellungnahmen sind für die Kirchen das eine, der seelsorgerliche Dienst etwas ganz anderes. Das sehen sie als ihren ureigenen Dienst. Auch mit Blick auf die Debatte um den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, der bis Ende des Jahres 2014 erfolgen soll, hält sich Overbeck zurück. Ihm sei deutlich geworden, "dass es politisch wichtig gewesen ist, ein Datum zu setzen". Und egal, ob es früher oder später ist, die Probleme vor Ort blieben. Kurz zuvor hatte sein evangelischer Amtskollege Martin Dutzmann vor einem übereilten Abzug gewarnt, der den Frieden am Hindukusch gefährden könne. Aber Fragen der Militärseelsorge sind kein Feld konfessioneller Kontroversen.

Neue Anforderungen

Der katholischen Kirche und Overbeck bescheren die Engagements der Bundeswehr in diversen Krisenregionen auch noch ganz andere Anforderungen. Jahr für Jahr werden in Deutschland nur wenige junge Männer zu katholischen Priestern geweiht. Deshalb sind bei der haupt- und ehrenamtlichen Seelsorge an Standorten der Bundeswehr in Deutschland längst auch kirchliche Laienmitarbeiter, zumeist sogenannte Pastoralreferenten, aktiv. Aber für Auslandseinsätze kommen bislang nur Priester in Frage.

Am 26. Oktober will Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) sein Konzept zur Bundeswehrreform vorlegen. Fest steht: die Truppe wird kleiner werden, in Deutschland werden diverse Standorte wegfallen. Für Auslandseinsätze will der Minister jedoch deutlich mehr als die bisherigen 7.000 Soldaten zur Verfügung haben. Damit wird das seelsorgerliche Engagement der Kirchen unter den Soldaten kaum weniger Personal erfordern.

(Gespräch mit einem Offizier?) Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck lässt sich die Lage vor Ort erklären ***Das Militärbischofsamt stellt sie honorarfrei zur Verfügung. Foto und Rechte: Marlene Beyel, Militärbischofs

Informationen zur Lage vor Ort

Das Amt des katholischern Militärbischofs bekleidet in Deutschland – anders als beispielsweise in Polen - traditionell einer der 27 Diözesanbischöfe. Overbeck leitet das Bistum Essen. Als Oberhirte des Ruhrbistums und aus den Beratungen der Bischofskonferenz kennt er den Umgang mit der sinkenden Priesterzahl. In den Diözesen gebe es "sehr unterschiedliche Reservoire", Geistliche für überdiözesane Aufgaben freizustellen. Und als erster katholischer Militärbischof berichtet Overbeck, dass einzelne Bistümer keine Geistlichen mehr für die Militärseelsorge bereitstellen, "weil sie für sich sagen: Wir sind an einer Grenze angekommen, wo wir keine Priester mehr stellen können." Der Dienst an den Soldaten draußen, so der Bischof, habe jedoch Priorität gegenüber anderen kirchlichen Aufgaben. Immerhin berühre die Bereitstellung von Priestern auch die Frage der Verlässlichkeit zwischen Staat und Kirche. Verteidigungsminister De Maizieres Reform der Bundeswehr wird also auch den kirchlichen Experten manche Kontroverse bescheren.

Autor: Christoph Strack
Redaktion: Klaus Krämer