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Welt

Privatisierung von Hilfe durch Ikea und Co.

Ikea finanziert das größte Flüchtlingslager der Welt und Bill Gates sponsert die Weltgesundheitsorganisation. Die humanitäre Welt sucht die Nähe der Großunternehmen, denn die Regierungen sind finanziell am Anschlag.

Ikea in Göteborg (Foto: Illuscope)

Ikea spendet an das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen

Am Eingang zum Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias steht eine Holztafel, auf der alle Hilfsorganisationen verzeichnet sind, die das Leben und Überleben der 450.000 somalischen Camp-Bewohner sichern helfen: Save the Children, Oxfam, Handicap International. Die Liste ist lang und liest sich wie ein "Who is who" der humanitären Hilfe. Jetzt kommt ein in diesem Umfeld ungewohnter Name hinzu: Ikea.

Humanitäre Welt trifft Big Business

Somalische Flüchtlinge werden mit Nahrungsmitteln versorgt (Foto: dpa)

Im Flüchtlingslager Dadaab ist die Ikea-Stiftung mit 62 Millionen US-Dollar engagiert

Die Ikea Stiftung stellt dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) 62 Millionen US-Dollar zur Versorgung der Flüchtlinge in Dadaab zur Verfügung. Das ist eine Summe, wie sie sonst nur reiche Industriestaaten geben. Noch nie in seiner Geschichte hat das UNHCR eine so große Privatspende erhalten. Berührungsängste mit der Privatwirtschaft gibt es keine. "Wir begrüßen Spenden aus dem Privatsektor", erklärt Olivier Delarue, der beim UNHCR in Genf für die Partnerschaften mit Unternehmen verantwortlich ist. "Wir brauchen den Privatsektor in jeder Hinsicht. Wir brauchen individuelle Geldspenden von Leuten wie du und ich, Spenden von Unternehmen, von Stiftungen und von reichen Individuen."

Die Kooperation von UNHCR und Ikea geht weit über die Großspende für Dadaab hinaus. Schon länger berät Ikea die Flüchtlingsorganisation in Fragen der Logistik. Das UNHCR lernt vom schwedischen Möbelhaus wie man Warenlager effizient betreibt und Hilfsgüter optimal verpackt. Das Ergebnis sei für alle Beteiligten positiv, meint Olivier Delarue: Ikea kann sich als Firma profilieren, die Gutes tut und das UNHCR kann potentiellen Spendern zeigen wie kostenbewusst und professionell es arbeitet.

Spendenstopp auf hohem Niveau

Je mehr Privatspenden desto besser, findet Olivier Delarue. "Wir begrüßen diese Spenden, weil dadurch die finanzielle Basis des UNHCR breiter abgestützt wird." Immer noch sind es die Regierungen, die den Löwenanteil am Budget des UNHCR stellen. Diese Spenden haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt, steigten aber auch nicht. Gleichzeitig wälzt die internationale Gemeinschaft immer neue Aufgaben auf das Flüchtlingshilfswerk und auch auf andere humanitäre Organisationen ab. Das UNHCR braucht deshalb mehr Mittel und holt sie sich verstärkt von privater Seite.

Der Preis der Unabhängigkeit

Ein Mann blättert im Jahresbericht 2007 der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Foto: dpa)

Ärzte ohne Grenzen finanziert sich vor allem durch Spenden von Privatpersonen

Die Hilfsorganisation Médecins sans Frontières (MSF) ist da schon einen Schritt weiter. Die Ärzte ohne Grenzen finanzieren ihre Einsätze zu 90% aus privaten Spenden. Das Geld stammt hauptsächlich von Einzelpersonen und nicht von Unternehmen oder Stiftungen, erklärt Laurent Sauveur, der bei MSF Schweiz für das Fundraising verantwortlich ist: "Bei MSF sind wir uns bewusst, dass die Unternehmen ein Potential darstellen, das wir nicht vollständig ausnutzen." Laurent Sauveur schließt Partnerschaften mit Unternehmen nicht grundsätzlich aus, möchte aber Interessenkonflikte um jeden Preis vermeiden. "Es ist und bleibt nun einmal so, dass wir unsere Unabhängigkeit wahren und unser Image nicht jedem x-beliebigen Unternehmen ausliefern wollen."

Médecins sans Frontières hält nicht nur zu Großunternehmen Distanz, sondern auch zu Regierungen. Die Organisation möchte auf keinen Fall für außenpolitische
Zwecke instrumentalisiert werden. Auch wenn das unterm Strich weniger Geld und weniger finanzielle Berechenbarkeit bedeutet. Denn Regierungen stehen im Ruf zuverlässige und treue Zahler zu sein. Selbst wenn ihre Spendenbereitschaft, wie derzeit, eher nachlässt.

Warten auf Gates

Das bekommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade schmerzhaft zu spüren: Sie hat im laufenden Jahr ein Budgetloch von 300 Millionen USD. Dabei hat die WHO mit der Bill und Melinda Gates-Stiftung bereits die größte Wohlfahrtsorganisation der Welt im Rücken. Die Gates Stiftung spendete der WHO für die Rechnungsperiode 2010/2011 insgesamt 220 Millionen USD. Die Familie Gates ist damit nach der US-Regierung die zweitgrößte Geldgeberin der WHO. "Die WHO erhält das Geld in Form von Projektbeihilfen", erklärt Alex Ross, der bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf für Partnerschaften verantwortlich ist. "Wir führen das Projekt durch und legen dazu Berichte vor. Und das ist es dann auch schon. Die Stiftung hat keine Steuerungsfunktion innerhalb der WHO."

Porträt von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Frau Melinda (Foto: dpa)

Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Frau Melinda spenden enorme Summen

Die Gates-Gelder werden für eng definierte Zwecke eingesetzt. Die ideale Spende, von der ausnahmslos alle Hilfsorganisationen schwärmen, sieht anders aus. Die hat nämlich keine Zweckbindung. So könnten die Hilfswerke selbst entscheiden wie sie das Geld einsetzen. Für die Großspender aus der Welt der Unternehmen kommt das allerdings nicht in Frage. "Viele Spenderorganisationen müssen ihren Shareholdern oder ihrem Stiftungsdirektorium Rechenschaft abliefern", weiß Olivier Delarue vom UNHCR. "Da ist es dann einfacher, wenn für einen spezifischen Zweck gespendet wird. Denn das erlaubt die Wirkung einer Spende besser einzuschätzen."

Mit dem neuen Typus von Geldgeber hält auch der Business-Jargon in der humanitären Welt Einzug. Alle reden von Rendite und dem "Return on Investment". Was sie eigentlich sagen wollen: Spenden retten Menschenleben.

Autorin: Claudia Witte
Redaktion: Helle Jeppesen