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Kunst

Private Schnappschüsse im Museum der Dinge

Einmal stillhalten, bitte! Lächeln!" Das Berliner Museum der Dinge zeigt Fotografien - allerdings nicht von berühmten Fotografen. Privatleute öffnen ihre Fotoalben. Und die zeigen vor allem eins: das echte Leben.

Eine Flut von Selfies, Instagram-Posts und immer neue Posen auf Facebook: Unser Leben war noch nie so minutiös dokumentiert wie heute. Die sozialen Medien bersten vor Urlaubsfotos, Bildern von Partys, dem Haustier und natürlich vor allgegenwärtigen Fotos von Hamburgern, Kaffee und Kuchen.

Fotografien zeigt auch eine neue Ausstellung im Berliner Museum der Dinge - allerdings ganz altmodische aus privaten Fotoalben. Es sind Bilder aus einer anderen Ära. Das Museum der Dinge hat es sich zur Aufgabe gemacht, die von der industriellen Massen- und Warenproduktion geprägte Produktkultur des 20. und 21. Jahrhunderts zu beleuchten. Es geht als Institution zurück auf das Archiv des Deutschen Werkbundes, eine 1907 gegründete Vereinigung von Künstlerinnen und Künstlern, Industriellen, Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitikern.

Das Leben vor dem Selfie-Wahn

Für die Ausstellung "Foto | Album, Private und anonyme Fotografie aus der Sammlung des Werkbundarchiv - Museum der Dinge" hat das Museum zehntausende Schnappschüsse gesichtet und die Exponate sorgfältig ausgewählt: wiederkehrende Themen und Posen, die Besucher daran erinnern, auf welche Weise wir vor nicht allzu langer Zeit unser Leben dokumentierten.

Das Museum zeige diese Bilder und Alben just zu einer Zeit, in der das Medium Fotografie "durch die Digitalisierung einen absoluten Bedeutungswandel erfahren hat", meint Kuratorin Sophie Schulz im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Der Rundgang beginnt an einer zehn Meter langen Magnetwand, auf der hunderte Fotos befestigt sind, sortiert nach Themen: alte Schwarzweiß-Bilder von Familien vor dem Weihnachtsbaum, Paare, die sich umarmen. Viele dieser historischen Aufnahmen ähneln den Fotos, die tagtäglich auf Instagram und Facebook gepostet werden.

Andere Schnappschüsse dagegen "erscheinen uns heute skurril", erklärt Schulz und zeigt auf Fotos von Frauen, die neben großen Blumenvasen stehen oder neben Bäumen oder auf einem Baum.

Bilder für die persönliche Erinnerung

Alle ausgestellten Bilder waren für den privaten Gebrauch gedacht, auch wenn einige von Profis gemacht wurden. Wer auf den Fotos zu sehen ist, wer sie geschossen hat oder wann und wo sie entstanden, ist bei fast allen Bildern unbekannt. Nur die Mode oder Requisiten deuten auf eine bestimmte Epoche hin. Die Fotos stammen größtenteils aus Nachlässen, aber auch von Flohmärkten. Auffällig ist, dass die meisten Bilder dem gleichen Schema folgen. "Durch das Gruppieren von Fotos mit ähnlichen Motiven", so Schulz, " können wir visuelle Konventionen erkennen - einige sind heute noch allgegenwärtig, andere erscheinen uns unzeitgemäß und skurril."

Deutsche Geschichte kommt auch nicht zu kurz: Menschen posieren vor einem riesigen Zeppelin-Luftschiff, ein anderes Bild zeigt Adolf Hitler, der in einem Auto vorbeifährt. Auf einem Schwarzweiß-Foto steht eine junge Frau mit verhaltenem Lächeln im Garten, auf der Rückseite steht handschriftlich "Lieber Vati! Hoffentlich erreiche ich dich, deine Mutti" - datiert 1946.

Die Ausstellung zeigt bei manchen Motiven eine frappierende Ähnlichkeit diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Man muss schon genauer hinsehen, um festzustellen, ob es sich um ein stolzes Kommunionskind handelt, einen Konfirmanden oder einen Teenager, der in der DDR seine Jugendweihe feiert.

Manche Fotos sind witzig, andere harmonisch, einige bewegend. Sie wirken wie entfernte Verwandte unserer Streams und Clouds. Ganz so privat, wie man meinen möchte, waren Fotoalben damals nicht, erklärt Kuratorin Sophie Schulz: "Im frühen 19. Jahrhundert hatten Fotoalben auch repräsentative Funktionen, sie waren vorzeigbar ausgelegt in den Salons der bürgerlichen Familien."

Fotoalben und analoge Fotografie bleiben interessant

Analoge Fotografie, Dunkelkammern und Papierabzüge spielen heute zwar längst nicht mehr die Hauptrolle - das Fotoalbum aber lebt weiter, wenn auch zunehmend in digitaler Form. Es ist greifbare Erinnerung: von Mauspads über Boxershorts bis hin zu Kaffeetassen - fast alles lässt sich mit dem Lieblingsfoto bedrucken.

Das anhaltende Interesse an Einweg- und Sofortbildkameras rettete auch die Kultkamera Polaroid vor dem Untergang. Inzwischen erfreut sich die analoge Fotografie wieder wachsender Beliebtheit, und damit die selbstauferlegte Beschränkung auf 24 oder 36 Fotos pro Film. "Die wachsenden Bildermengen scheinen immer unübersichtlicher zu werden. Damit sind viele überfordert. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich Menschen heute wieder den greifbaren materiellen Formen analoger Fotografie zuwenden", meint die Berliner Kuratorin Sophie Schulz.

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