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Kultur

Pretty Good Oma

Oma Kasulke ist eine nette ältere Dame. Weil sie sich in ihrem Ruhestand langweilte, richtete Enkel Kevin ihr vor zwei Jahren einen Computer mit Netzzugang ein. Seitdem lernt Oma Kasulke dazu - schneller als Kevin.

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Oma Kasulke weiß, wie sie mit den Männern umzugehen hat - auch wenn der fragliche Mann erst noch einer werden will, vorerst aber 15 Jahre alt und ihr Enkel Kevin ist. Kevin findet seine Oma zwar cool, würde das aber nie zugeben, und deshalb ruft Oma Kasulke regelmäßig an und fragt, ob denn Kevin mal Zeit hätte, ihren Virenschutz - beziehungsweise den ihres Computers - zu aktualisieren. Kevin fühlt sich geschmeichelt, seiner Oma den Computerfachmann geben zu dürfen, und Oma denkt gar nicht daran, ihm zu sagen, dass sie über das Aktualisieren von Viruslisten längst hinaus ist und nur einen Vorwand braucht, um mal wieder ihren Lieblingsenkel zu Gesicht zu bekommen.

Nun sitzt Kevin also vor Omas Computer, aktualisiert, dass es eine Pracht ist, und weil er schon mal da ist, kann er loswerden, was ihn seit ein paar Wochen beschäftigt: Kevin ist ernsthaft verknallt. Julia heißt sie, und sie schreibt ganz außerordentliche Nachrichten. Zunächst waren es SMSen, aber die überstiegen rasch das monatliche Handy-Budget.

Außerdem erinnerte sich Kevin daran, dass seine Oma ihn gewarnt hätte, davon bekäme man Haare auf den Handflächen, und blind könne man auch davon werden (manchmal hat Oma Kasulke einen schrägen Sinn für Humor), also waren Julia und Kevin bald auf E-Mail umgestiegen.

Das Problem

Und genau da liegt, was Kevin auf dem Herzen lastet. Zuhause muss er sich nämlich einen PC mit Ariane Kasulke teilen, seiner Schwester, einem ungewöhnlich neugierigen Weibsstück - einer echten Kasulke eben. Leider läuft dieser PC unter Windows 98, und nichts ist vor Arianes Augen sicher. Aber: Liebesmail ausdrucken und aufheben? Erstens findet Kevin das reichlich analog, um nicht zu sagen: undigital. Und zweitens sind auch Ausdrucke, speziell solche unter dem Kopfkissen ihres Bruders, vor Ariane nicht sicher.

Oma Kasulke denkt an die Briefe zurück, die Opa Kasulke ihr geschrieben hatte, als sie noch nicht Kasulke hieß, und er noch nicht Opa war. Damals hatte eine rote Schleife gereicht, um diese Nachrichten vor unbefugten Augen zu schützen. Aber Oma weiß, dass sich die Zeiten geändert haben, und fragt ihren Kevin beiläufig, was er denn von digitaler Verschlüsselung halte.

So etwas darf sich natürlich nur Oma erlauben. Jedem anderen hätte Kevin jetzt im Brustton der Überzeugung einen mit Irrtümern gespickten Vortrag über das Verschlüsselungsprogramm Pretty Good Privacy gehalten - er kann dich nicht zugeben, dass es noch nicht einmal zum Halbwissen reicht! Seiner Oma dagegen kann Kevin nichts vormachen, und das weiß er auch.

Ziemlich guter Datenschutz

Und deshalb kann ihm Oma Kasulke jetzt von ihrer neuesten Entdeckung aus dem Netz erzählen: GnuPP, dem GNU Privacy Project. Das ist - angesichts von Kevins Englisch-Noten kein kleiner Vorteil - ein deutschsprachiges Projekt, Verschlüsselungs-Software für alle verfügbar und, was fast noch wichtiger ist, auch benutzbar zu machen.

Die meisten Verschlüsselungsprogramme sind nämlich auch im 21. Jahrhundert noch entweder teuer oder kompliziert zu bedienen - weshalb jeden Tag Millionen von E-Mail-Nutzern auf der ganzen Welt lieber den Schutz ihrer Daten vergessen und ihre Mail völlig ungeschützt auf die Reise schicken, als sich mit PGP & Co. zu beschäftigen.

Das kann Oma Kasulke nicht verstehen - schließlich hatte ihr damaliger Verehrer seine heißen Liebesschwüre auch nicht auf Postkarten verschickt! Umso begeisterter ist sie über GnuPP, wo die erforderliche Software für Windows-Rechner (namens GnuPG) gratis und mit den notwendigen Installationsanleitungen zu finden ist. Sogar ein Plugin für Microsoft Outlook ist dabei - aber weil Oma Kasulke das Erbteil von Kevin und Ariane nicht antasten will, nutzt sie ohnehin lieber den Open-Source-Mailer Thunderbird, der mit einem Plugin (bei Thunderbird heißt es "extension") namens Enigmail ebenfalls verschlüsseln kann.

Zum Beweis für ihre Verschlüsselungskünste zeigt Oma Kasulke ihrem Kevin einen großen Block unlesbaren Zeichensalats in ihrer Inbox und ignoriert beharrlich Kevins bohrende Fragen, wer denn dieser Dr. van Nosteren sei, der ihr da so lange E-Mails schreibt. Immerhin - das muss Kevin zugeben - ist von den Nachrichten des Doktors nichts, aber auch gar nichts zu verstehen; Oma sagt sich innerlich: "Und das ist auch nur gut so", und sie errötet leicht.

Am Ende von Kevins Besuch haben beide, Oma und Enkel, etwas vor: Kevin wird sich mit GnuPG beschäftigen und es auch seiner Angebeteten installieren. Und Oma nimmt sich vor, doch wieder einmal Opas Briefe aus der Jugend hervorzuholen, Dr. van Nosteren hin oder her.

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