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Politik

Pressestimmen von Samstag, 9. September 2006

Papst-Besuch in Bayern / NATO-Einsatz in Afghanistan

Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. und der NATO-Einsatz in Afghanistan sind Themen der Kommentare in der deutschen Tagespresse. Zunächst zum Papst-Besuch. Benedikt XVI. kommt ein Jahr nach dem Weltjugendtag in Köln zum zweiten Mal nach Deutschland. Sechs Tage lang reist er durch seine bayerische Heimat:

Der in Bayreuth erscheindende NORDBAYERISCHE KURIER schreibt:

"Der Papst kommt nach Bayern, und er wird bei aller freundlichen Zuvorkommenheit, die er nach außen zeigt, nicht an katholischen Dogmen rütteln lassen. Doch sollten wir uns davon nicht die Freude über den Besuch eines Kirchenoberhauptes nehmen lassen, das es versteht, in der Verknüpfung aus intellektueller Brillanz und philosophischer Tiefe die großen Fragen der Religion so zu vermitteln, dass Millionen Menschen immer wieder gebannt zuhören."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG aus München ist der Meinung:

"Es ist schon bemerkenswert, wie viele Politiker, Publizisten und Journalisten aus dem Land der traditionell starken Papstkritik irgendeine Form von Wegweisung vom Pontifex, dem Brückenbauer, erwarten. Andererseits ist die Entwicklung auch wieder nicht so überraschend. Denn wenn sich etwas in Deutschland geändert hat in den fünf Jahren, seit die Illusionen von Sicherheit, Frieden und ewigem Wohlstand so platzten wie die Aktienblasen an den westlichen Börsen, dann die Wahrnehmung von Glaube, Heimat und Familie."

Die NEUE RUHR/NEUE RHEIN-ZEITUNG aus Essen geht auf die Person Papst Benedikts ein:

"Bisher hat es Benedikt XVI. verstanden, sich Nationalismen vom Leib zu halten. So nett sie für ihn als Mensch sein mögen, für ihn als Papst sind sie eine Bürde. Als Papst muss er, so sieht er es selbst, 'dafür sorgen, dass Christianismen sich nicht zu sehr mit Nationalitäten identifizieren'."

Die in Berlin erscheinende Zeitung DIE WELT glaubt:

"Mit einem ökumenischen Aufbruchssignal aus dem katholischen Bayern ist nicht zu rechnen. So wird sich die reale Lage zeigen: Einem religionsfernen Norden, in dem sich die evangelische Kirche um Identität bemüht, steht im Süden ein Alltagskatholizismus gegenüber, dem das neue päpstliche Interesse an Symbolik durchaus entspricht. Doch nicht um CSU-Folklore geht es Benedikt, sondern um einen Glaubensernst, der sich nicht vereinnahmen lässt."

Die Wirkung des Papstes auf die Gesellschafter kommentiert der Berliner TAGESSPIEGEL:

"Gerade in dem Augenblick, in dem das Land sich anschickt, mit religiösen Symbolen im öffentlichen Raum tabula rasa zu machen, widersetzen sich die Jugendlichen dieser verordneten Säkularisierung selbstbewusst. In einer Zeit, in der Bundesländer wie Berlin den Religionsunterricht aus ihren Schulen verdrängen, haben konfessionelle Jugendgruppen, Jugendwallfahrten und Papstbesuche Konjunktur wie lange nicht."

Themenwechsel. Fünf Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes hat es am Freitag den bislang schwersten Selbstmordanschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul gegeben. Landesweit erlebt Afghanistan eine schwere Welle der Gewalt. Die wiedererstarkten Taliban liefern sich vor allem im Süden des Landes schwere Gefechte mit den internationalen Streitkräften. Die NATO will ihre Truppen in Afghanistan weiter verstärken. Dazu die Pressestimmen:

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG gibt sich zuversichtlich:

"Noch immer gibt es viele der einst optimistisch stimmenden Anfänge, die Wirkung entfalten und eben nicht mit Gewalt abgebrochen wurden. Aber das verheerende Attentat, das am Freitag in Kabul verübt worden ist, zeigt, wie prekär die Sicherheits-Lage selbst wieder in der Hauptstadt ist. Und man weiß ja: Wo die Sicherheit prekär ist, gibt es weder Entwicklung noch Stabilität - wo sich nichts entwickelt, da ist nichts sicher. Es ist dieser Zusammenhang, der im Moment Afghanistan vor einer gedeihlichen Zukunft abriegelt. Allein militärisch ist dieser Riegel nicht zu lösen; die Nato ist sich dessen bewußt."

Dagegen ist die WILHELMSHAVENER ZEITUNG überzeugt:

"Mit Gewalt allein ist es nicht getan. Die Gründe, weshalb sich die Taliban immer wieder in ihrer Substanz erholen, liegen in sozialer und wirtschaftlicher Not sowie mangelnder Bildung. Wenn die Alliierten ihre Soldaten nicht verheizen wollen, müssen sie parallel zur militärischen Unterstützung mehr Mittel in die zivile Entwicklung Afghanistans stecken. Sonst trocknet der Terror-Sumpf auf Jahrzehnte hinaus nicht aus."

Und auch die MÄRKISCHE ODERZEITUNG aus Frankfurt/Oder äußert sich kritisch zur Situation:

"Beunruhigend daran ist vor allem, dass der Westen daraus immer noch nicht die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen hat. Mit einer Überbetonung der militärischen Komponente ist dem Problem des islamischen Fundamentalismus nicht beizukommen. Vor zwei Jahren hat US-Präsident Bush in einem seltenen Anflug von Realismus zugegeben, dass der Krieg gegen den Terror nicht gewonnen werden kann."

Die STUTTGARTER ZEITUNG glaubt:

"Die Zukunft der Nato entscheidet sich in Afghanistan. Die Existenz des westlichen Bündnisses steht auf dem Spiel, seit mit dem Untergang der Sowjetunion der Gegner abhanden gekommen ist. Seither fristet die Nato ein Schattendasein. In Afghanistan aber hat sie das Kommando über die internationalen Truppen in weiten Teilen des Landes übernommen. Daher rührt auch der verständliche Druck auf die Deutschen, sie sollten sich im gefährlichen Süden an Kampfeinsätzen beteiligen. Denn warum sollen Briten, Niederländer, Dänen ihren Kopf hinhalten, die Deutschen aber nicht?"

  • Datum 08.09.2006
  • Autorin/Autor Ursula Kissel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9653
  • Datum 08.09.2006
  • Autorin/Autor Ursula Kissel
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