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Politik

Pressestimmen von Samstag, 8. April 2006

EU-Zahlungsstopp an Palästinenser / Jens Lehmann bei WM im Tor

Im diplomatischen Tauziehen mit der radikalislamischen Hamas hat die Europäische Union ihre Finanzhilfen für die Palästinenser bis auf weiteres gestoppt. Das Thema beschäftigt zahlreiche Kommentatoren der deutschen Tagespresse. Auch die Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann für Jens Lehmann als Nummer eins im Tor der deutschen Nationalelf stößt bei den Leitartiklern auf ein breites Echo.

Zunächst zur Einstellung der EU-Hilfen für Palästina. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint:

"Man kann verstehen, dass die Europäische Union ihre Zahlungen an die palästinensische Autonomiebehörde vorläufig einstellt. Lange Zeit hat man schlechte Erfahrungen mit der Verwendung dieser Gelder gemacht, vor allem in den Jahren der Präsidentschaft Jassir Arafats. Nun ist das Einfrieren der Mittel ein Versuch, die neue Regierung in Ramallah politisch zu disziplinieren."

In der Berliner TAZ heißt es:

"Ein Friedensvertrag zwischen Israel und den Palästinensern ist, solange die Hamas regiert, illusorisch. Denkbar aber ist stattdessen eine befristete Ruhepause, die man sich von der Hamas mit europäischen Euros und amerikanischen Dollars erkauft. Parallel dazu muss der Boden geebnet werden für einen Friedensvertrag, der im Anschluss an eine erneute Wende von einer Regierung der Fatah unterzeichnet wird."

Die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock begrüßt die Entscheidung der EU:

"Die Terrororganisation Hamas mit einem 'materiellen Anreiz' zum Überdenken falscher Positionen zu bringen, ist eine kluge Überlegung der EU. Unbedacht wäre aber, die Hamas auf den Terror zu reduzieren. Ganz gewiss hat die Organisation ihre Stimmenmehrheit unter den Palästinensern vor allem für ihre humanitären Projekte bekommen. Das deutsche Herangehen will deshalb differenzieren zwischen humanitärer Hilfe und der Unterstützung für die Autonomiebehörde. Die eine soll weiter gewährt und nur die andere eingefroren werden. Das wäre auch ein Weg für die internationale Gemeinschaft, um der Hamas Denkanstöße zu vermitteln."

Die STUTTGARTER ZEITUNG kritisiert dagegen:

"Die EU-Kommission hat die Zahlungen an die Palästinenser ausgesetzt, weil die Regierungspartei Hamas weder der Gewalt abgeschworen noch Israel anerkannt habe. Wenn die Außenminister der Union diesen Beschluss billigen sollten, dann treiben sie die Palästinenser in die offenen Arme der radikalen Iraner. Die Forderungen, die die EU an die Palästinenser stellt, können allenfalls am Schluss von Verhandlungen mit Israel stehen - nicht am Anfang. Warum sollen die Palästinenser auf all ihre Druckmittel verzichten, Israel dagegen auf nichts? Es fehlt der europäischen Nahostpolitik die Ausgewogenheit. Die Palästinenser werden massiv zu Zugeständnissen gedrängt, man sah aber zu, wie Israel völkerrechtswidrig den Palästinensern immer mehr fruchtbares Land abgenommen hat. Nur wenn die EU beide Seiten zu Kompromissen drängt, besteht Aussicht auf Frieden."


Themenwechsel. Jens Lehmann soll die Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM werden.

Der Kölner EXPRESS ist froh, dass sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann festgelegt hat:

"Das ewige Theater um die Frage, wer bei der WM ins Tor darf, hat viel zu lange gedauert. Wie Jürgen Klinsmann jetzt aber entschieden hat, verdient Anerkennung. Er entscheidet sich für Lehmann, weil der in den Wochen des Nervenpokers sicherer war. Er entscheidet sich für Lehmann, weil der viel besser zu dem offensiven Fußball passt, den Klinsmann liebt, der uns beim Confederations Cup alle begeistert hat. Und er entscheidet sich für Lehmann, obwohl dessen Kollege Kahn bei den einflussreichen Bayern gewaltige Fürsprecher hat. Unser Bundestrainer hat eine eigene Meinung und riskiert dafür auch mal Ärger. Charakterzüge, wie sie Champions mitbringen."

Der Kommentator der KIELER NACHRICHTEN ist ähnlicher Auffassung:

"Zu begrüßen ist, dass die T-Frage, die seit Wochen nicht nur die Fußball-Nation bewegte, entschieden ist. Und die Entscheidung geht in Ordnung. Der Herr Lehmann der Nationalelf hat in den vergangenen Wochen und Monaten mehr zu überzeugen vermocht als der Herr Kahn. Fußball ist nun mal eine Leistungsgesellschaft. Sollte die DFB- Auswahl bei der WM untergehen wie das römische Reich, wird das ohnehin nicht am Torhüter liegen."

Die BERLINER ZEITUNG sieht nicht nur Kahn als Verlierer:

"Der Titan ist gestürzt. Aber er fällt nicht allein. Mit Kahns Fall verschieben sich die Machtverhältnisse im deutschen Fußball. Viele versuchten Kahns Sturz zu stoppen. Franz Beckenbauer, der Weltmeister als Spieler, der Weltmeister als Trainer und der Weltmeister-nach-Deutschland-Holer kurz der Weltkaisermeister des Sports. Der FC Bayern München und seine Granden Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge, ohne die im deutschen Profi-Fußball nichts geht. Der mächtige Sponsorenpool des deutschen Fußballs; jene Bierbrauer, Telefonfirmen, Trikothersteller und Autobauer, die allesamt ihre teuren Werbespots mit Kahn als Nummer 1 eingespielt hatten und die ihre Clips nun einstampfen können."

Der SCHWARZWÄLDER BOTE aus Oberndorf meint schließlich zur Torwartentscheidung:

"Warum regt die 'T-Frage' das Land eigentlich dermaßen auf? In anderen Mannschaftsteilen und Sportarten wird doch auch gewechselt. Und es gibt nur eine Position, in der die DFB-Kicker zur Weltklasse zählen: jene des Torwarts; es ist also im Prinzip egal, wer bei 'uns' zwischen den Pfosten steht. Reaktionen auf Kahns Ausbootung stammen von Leuten mit Vereinsbrillen. Wahrscheinlich hatte auch Klinsmann eine auf: Er mag die Bayern-Chefs nicht."
  • Datum 07.04.2006
  • Autorin/Autor Thomas Grimmer
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8Ei1
  • Datum 07.04.2006
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