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Politik

Pressestimmen von Samstag, 22. März 2008

Tibet und Olympia

Die Lage in Tibet ist abermals ein zentrales Kommentarthema in der deutschen Tagespresse. Durchgängig wird Kritik an der chinesischen Führung geübt. So kommentiert die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

"Die Forderung aus dem Westen, die chinesische Führung solle in einen Dialog mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter eintreten, ist vermutlich die einzige, die man erheben kann - und doch haftet ihr etwas Treuherzig-Irreales an. Und das hat mit der Haltung Pekings zur Tibet-Frage und zum Dalai Lama zu tun. Denn was sollte es zu besprechen geben mit einem Mann, der als Wolf in Mönchskutte verspottet und als Anstifter zum Separatismus beschimpft wird und dessen Aufrufe zur Gewaltlosigkeit systematisch ignoriert werden? Unter diesen Umständen käme Pekings Einwilligung in einen Dialog einer sensationellen politischen Kehrtwende gleich. So viel Einsichtsfähigkeit kann man selbst - oder gerade - im Jahr der Olympischen Spiele nicht erwarten."

In eine ähnliche Kerbe schlägt der WIESBADENER KURIER, wenn es dort heißt: " Aller wirtschaftlichen Dynamik zum Trotz und ungeachtet der doch prächtig funktionierenden Sonderlösung für Hongkong bleibt die Pekinger Führung einem starren Zentralismus verhaftet und kann sich auch bescheidenste Autonomieformen offenbar gar nicht vorstellen. China fehlt ein Konzept zum Umgang mit unterschiedlichen Interessen und Nationalitäten. Das kann sich schon im Falle der Tibeter fatal auswirken, wenn die Aufstände sich auf immer mehr Provinzen ausweiten."

Die BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG verzichtet auf direkte Kritik an der chinesischen Führung, lobt dafür aber den Dalai Lama. Im Kommentar heißt es: "Die Strategie des Dalai Lama ist einfach und überzeugend, mag sie auch noch keine Früchte in dem erhofften Sinn getragen haben: Gewaltlosigkeit und Zähigkeit heißt das Programm dieses buddhistischen Denkers. Indiens großer Gründer Mahatma Gandhi hat damit den Sieg über die britischen Kolonialherren erreicht. Was hätten die Palästinenser mit dieser Strategie durchsetzen können? Vermutlich gäbe es bereits das UN-Mitglied Palästina, wenn die Palästinenser eine Friedens-Intifada geführt hätten. Gewalt löst immer Gegengewalt aus. Dieses Prinzip gilt selbstverständlich auch für Israel und dessen brutale Siedlungspolitik."

Abschließend die THÜRINGER ALLGEMEINE aus Erfurt mit der folgenden Einschätzung:

"Ein volles Stadion in Peking zur Eröffnung der Spiele ohne Athleten. Das hätte was. Doch selbst zu diesem stillen Protest gegen das brutale Vorgehen des chinesischen Regimes im Tibet scheint die internationale Gemeinschaft nicht mehr fähig. Das Reich der Mitte ist längst ein Global Player. Und niemand will es sich leisten, die zur Begrüßung ausgestreckte blutige Hand auszuschlagen. Doch die Geschichte Olympias zeigt, Wegsehen wird immer als Schwäche ausgelegt. Das Jahr 1936 in Deutschland ist mahnendes Beispiel dafür."

Abschließend die MÄRKISCHE ALLGEMEINE aus Potsdam mit dieser Einschätzung:

"Ein Land, das auf Demonstranten schießt, gehört an den Pranger. Ob freilich ein Komplettboykott der Spiele die richtige Lösung ist, steht auf einem anderen Blatt. China ist ein Riesenreich voll innerer Widersprüche. Wer den Menschen helfen will, die dort unter den Unfreiheiten leiden, der muss behutsam vorgehen. Ein Boykott der Spiele würde die Menschenrechtslage vermutlich genauso wenig ändern wie das Fernbleiben des Westens 1980 die Sowjetunion demokratisiert hat. Womöglich wäre eine noch stärkere Abschottung die Folge. Diplomatische Hartnäckigkeit erscheint einstweilen als der bessere Weg. Schön wäre es auch, wenn aus dem Olympischen Komitee endlich mal deutliche Worte zu hören wären. Schließlich gibt es eine Charta, in der die Menschenrechte verankert sind."