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Politik

Pressestimmen von Samstag, 16. September 2006

Protest gegen Papst-Äußerungen zum Islam

Mit einem Sturm der Entrüstung - der Erinnerungen an den monatelangen Streit um die Mohammed-Karikaturen weckt - haben Muslime in aller Welt auf die jüngsten Papst-Worte zum Islam geantwortet. In Deutschland gab es ein gespaltenes Echo, auch bei den Meinungsmachern der Tagespresse.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE würdigt die Erklärungen des Papstes folgendermaßen:

"Schon Papst Johannes Paul II. (...) verlangte von den Repräsentanten der muslimischen Welt, einer Gewalt im Namen Gottes abzuschwören. Gefruchtet haben die Appelle nicht viel, jedenfalls nicht so viel, dass sich nicht immer wieder Muslime im Namen Allahs aufgefordert sähen, Bomben in Zügen und Untergrundbahnen zu zünden. Vor diesem Hintergrund ist es ein Ereignis von geradezu historischer Dimension, dass sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in den vergangenen Tagen gleich in drei großen öffentlichen Ansprachen zu den 'Pathologien' der Religion äußerte und im Verhältnis von Glaube und Gewalt einen Scheideweg erkennen will," schreibt die FAZ.

Auch die SÄCHSISCHE ZEITUNG aus Dresden sieht keinen Grund zur Kritik am Papst:

"Im Kern sagte Benedikt XVI. vor allem eines: Glaubensverbreitung durch Gewalt ist widersinnig. Und gegen diesen Satz kann eigentlich niemand etwas haben. Die Frage, welches Verhältnis der Islam nach dem 11. September 2001 und den anderen Terroranschlägen im Westen zu Gewalt und Toleranz hat, ist durchaus berechtigt. Dass sich die muslimische Welt dieser Fragestellung weitgehend verweigert, ist dabei eines der Kernprobleme. Den christlichen Kirchen kann man jedenfalls nicht vorwerfen, sich nicht am Dialog der Kulturen beteiligen zu wollen."

Die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG aus Heidelberg zieht Vergleiche zur Eskalation durch den Karikaturen-Streit:

"Ähnlich wie damals reagiert das islamische Wut- und Empörungs- Kartell auf die Vorlesung des Papstes. Die Flucht in Verschwörungs- Theorien und Paranoia-Zustände dient offenbar dazu, einen Dialog zu verhindern und den Islam, auch mit seinen aktuellen Exzessen, kritikfrei zu stellen. Man kann es auch vorbeugende Einschüchterung nennen. Es gilt: Das Heilige der anderen ist zu achten. Aber das dürfen wir auch für uns beanspruchen, die wir als Ungläubige dauerhaft diffamiert werden. Dagegen wünschte man sich 'mal einen Aufstand der Anständigen in der islamischen Welt."

Die NÜRNBERGER ZEITUNG vermutet auch innenpolitische Motive der Machterhaltung hinter der weltweiten Aufregung:

"Die pakistanische Regierung könnte beispielsweise versucht sein, den über den US-Kurs ihres Landes empörten Islamisten ein Ventil zu öffnen, indem sie der Wut über den Papst zumindest keine Zügel anlegt. Und der innertürkische Streit um den geplanten Papst-Besuch am Bosporus wird viel darüber aussagen, wie weit der Einfluss der Islamisten auf die Politik Ankaras bereits gediehen ist."

Die WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU beleuchtet die Streitkultur im eigenen Land:

"Auch hierzulande folgen die Erregungsmuster den üblichen Klischees. CSU-Politiker verteidigen den Pontifex, die Grünen rügen ihn und bußfertige Theologen erinnern demütig an Kreuzzüge und andere Verbrechen der Christenheit. Warum muss man ritualisierte Grundsatz- debatten führen, um zu verschleiern, was doch offensichtlich ist? (...) Dieser Aufstand bestätigt, was der Papst gar nicht behauptet hatte. Dass nämlich eine radikale Minderheit sich zunehmend der Deutungshoheit über den Islam bemächtigt und jeden noch so abwegigen Anlass nutzt, um einen Kulturkampf gegen westliche Pluralität und christliche Wertvorstellungen zu inszenieren."

In vorsichtiger Distanz zum Papst übt sich die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz:

"Viele Muslime werden von Ort, Zusammenhang und Wortwahl der Ausführungen Benedikts XVI. nichts wissen. Sie ahnen nicht, dass er eine Ansprache in einer Universität gehalten hat, dass er einen 600 Jahre alten Brief eines byzantinischen Kaisers zitiert hat und dass die Lehre Mohammeds durch ihn nicht beleidigt wurde. Mag sein, dass die Berater des Papstes, vor allem er selbst um die Sensibilität der Andersgläubigen hätte wissen müssen. Dieser Vorwurf bleibt. Es hat aber auch den Anschein, als bevorzuge Benedikt im Dialog mit anderen Religionen den steinigen Weg. Gewaltfrei soll der Streit sein, aber nicht konfliktfrei."

Der Leitartikler der SÜDWEST-PRESSE aus Ulm fragt in seiner nahezu vernichtenden Polemik:

"Welcher Teufel ritt den Papst, dieses eine Zitat anzuführen, das Mohammed 'nur Schlechtes und Inhumanes' unterstellt? Es war im Sinnzusammenhang seiner ansonsten großartigen Rede völlig überflüssig. (...) Worte waren es, die zudem eine schon fast albern zu nennende Verkürzung und der sonstigen Intellektualität dieses Papstes völlig unangemessen sind. Auf diesem Niveau darf sich niemand mit dem Islam auseinandersetzen, ein Papst schon gar nicht."

Als weitere papstkritische Stimme sei hier zum Abschluss die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zitiert. Der Kommentator meint:

"Natürlich hat der Papst das Recht, den christlichen Glauben vom Islam abzugrenzen, auch das Recht, die islamistische Gewaltbereitschaft zu kritisieren. Doch gerade ihm muss dies auf eine Weise gelingen, die ihn nicht über die Religion der anderen erhebt. Si tacuisses, philosophus mansisses (...) gilt hier umgekehrt: Als Philosoph durfte er in Regensburg so reden, doch als Kirchenmann hätte er besser geschwiegen."

  • Datum 15.09.2006
  • Autorin/Autor Siegfried Scheithauer
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  • Permalink http://p.dw.com/p/97tb
  • Datum 15.09.2006
  • Autorin/Autor Siegfried Scheithauer
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