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Politik

Pressestimmen von Samstag, 16. Dezember 2006

EU-Gipfel erschwert Beitritte / Urteil gegen Ex-Schiedsrichter

Das Brüsseler EU-Gipfeltreffen und der dort gefasste Beschluss, die Hürden für Beitrittskandidaten höher zu setzen, spiegelt sich in den Kommentarspalten der deutschen Tagespresse. Ein weiteres Thema ist das Revisionsurteil im Fußball-Wettskandal. Doch zunächst zum EU-Gipfel.

Der Bonner GENERAL-ANZEIGER stellt fest:

"Als Bürger Europas wollte man von diesem Gipfeltreffen nur eines wissen: Soll die Europäische Union wirklich im gleichen Tempo wie bisher immer größer werden? Doch die Staats- und Regierungschefs sind die Antwort schuldig geblieben. Dieser Gipfel hätte eine Antwort geben müssen, die den europäischen Nachbarn eine wirkliche Perspektive gibt, nicht nur leere Versprechungen."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kommentiert:

"Die Erweiterung war und ist, alles in allem, ein großer, sehr großer Erfolg, auf den die EU stolz sein kann. Die Aussicht auf Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der Europäer hat Mittel- und Osteuropäern nach der Zeitenwende die Gewissheit gegeben, dass sich der ungeheure Wandel, dem sie sich unterzogen, lohnen werde. Und für die 'alten Europäer' hat es sich allemal auch gelohnt, nicht zuletzt in puncto Stabilität."

Der KÖLNER STADT-ANZEIGER spricht von einem "Harmoniegipfel" in Brüssel, meint aber auch:

"Die 25 EU-Mitglieder mussten wie manches Ehepaar konstatieren: Man liegt im selben Bett, träumt aber nicht die gleichen Träume. Allerdings - und das war nicht immer so - redet man jetzt darüber. Ob das schon Vorboten der Partnertherapie sind, mit der die Bundeskanzlerin den festgefahrenen Verfassungsstreit lösen möchte? Dem 'System Merkel' des unaufgeregten Meinungsaustausches und der pragmatischen Lösungen jedenfalls kommt so ein Harmoniegipfel wie in Brüssel schon entgegen."

Die ALLGEMEINE ZEITUNG aus Mainz gibt zu bedenken:

"Zwar hat sich der EU-Gipfel bei der legalen Zuwanderung geeinigt, was dazu führen soll, dass nicht mehr so viele Menschen wie bisher die Sahara zu Fuß durchqueren, um dann auf Seelenverkäufern im Mittelmeer ihr Leben zu riskieren oder gar zu verlieren. Doch ganz knapp dahinter zeigt sich, dass ein in allen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen einiges Europa nach wie vor weit entfernt liegt. ... Kein Zweifel, die Kanzlerin wird eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen, will sie in sechs Monaten wirkliche Erfolge vorweisen."

Für die DRESDNER NEUESTEN NACHRICHTEN steckt die EU in einer verzwickten Lage. Zitat:

"Einerseits muss sie die Beitrittsperspektive für die Serben, Mazedonier, Albaner et cetera aufrecht erhalten und sie zu durchgreifenden Reformen ermutigen. Andererseits bleibt nicht mehr viel Zeit, um den inneren Reformstau zu beseitigen. Scheitert die innere Reform, drohen sogar gefährliche Rückschritte. Vom Chaos-Klub der 27 könnte sich ein 'Kerneuropa' abkoppeln, das aus den Ländern der Euro-Zone besteht. Das wäre fatal."


Themenwechsel. Im Prozess um den Fußball-Wettskandal hatte der Bundesanwalt Freisprüche gefordert, doch der Bundesgerichtshof entschied anders: Ex-Schiedsrichter Hoyzer und die fünf anderen Angeklagten müssen ihre Haftstrafen antreten. Dazu schreibt die HESSISCHE/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE aus Kassel:

"Er ist fast überall: Der Fußballgott, die immer wieder beschworene überirdische Instanz, die den Ball auf diese und jene, meist unerklärlich Weise rollen lässt. Wie der Ball in den von Robert Hoyzer verpfiffenen Spielen rollte, war im Nachhinein sehr irdisch zu erklären - folglich bedurfte es auch lediglich weltlicher Rechtsprechung, um über den Ex-Schiedsrichter und die Hintermänner im größten Skandal des deutschen Fußballs zu urteilen."

Der NORDKURIER aus Brandenburg konstatiert:

"Die Gefahr, dass ein gemeiner Betrüger wieder einmal davonkommt, war im Manipulationsskandal um Robert Hoyzer groß. Sehr groß, denn kein Geringerer als Bundesanwalt Hartmut Schneider hatte höchst fahrlässig Freispruch gefordert. ... Dass Ex-Schiri Hoyzer nun für zwei Jahre und fünf Monate in den Kahn wandern muss, werden Millionen Fußball- und Nichtfußballfans als sehr gerechten Spruch des Bundesgerichtshofs empfinden."

Das OFFENBACHER TAGEBLATT vergleicht den deutschen Wettskandal mit den Wettproblemen in Italien. Das Blatt meint:

"So hat der deutsche Wettskandal doch noch ein gutes Ende genommen. Daran könnte sich das Fußballweltmeisterland Italien ein Beispiel nehmen. Da sind jahrelang mit Wissen verschiedener Vereine Meisterschaftsspiele verschoben worden. Statt alle Beteiligten aus dem Verkehr zu ziehen sozusagen als Abschreckung für Nachahmer, kämpfen sich die Schuldigen so lange durch die Instanzen, bis alle Unschuldig sind."

Für die VOLKSSTIMME aus Magdeburg hat die deutsche Justiz ein kleines Stück verlorenes Vertrauen zurückgewonnen:

"Es wäre ja auch ein Bubenstück der tolldreisten Art gewesen, wenn der überführte Spiel-Manipulator - wie es ausgerechnet die Bundesanwaltschaft wollte - straffrei aus dem Gerichtssaal marschiert wäre. ... Das hätte zur Nachahmung doch regelrecht eingeladen. ... Gott sei Dank ist uns in diesem Fall die Erkenntnis erspart geblieben, dass der Ehrliche hierzulande tatsächlich der Dumme ist."

Der SCHWARZWÄLDER BOTE aus Oberndorf schließlich argumentiert staatstragend:

"Das Urteil ist ein unüberhörbares Signal für den gesamten Fußball, von der Bundes- bis zur Kreisliga - und noch weit mehr: Es stellt unmissverständlich klar, dass der Staat gegen derlei Machenschaften rigoros vorgeht. Mit seiner Forderung nach Freispruch hatte Oberstaatsanwalt Schneider das Rechtsempfinden der überwältigenden Mehrheit unserer Bevölkerung erheblich ins Wanken gebracht. Seit gestern ist es wieder im Lot."
  • Datum 15.12.2006
  • Autorin/Autor Herbert Peckmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/9Xad
  • Datum 15.12.2006
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