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Politik

Pressestimmen von Samstag, 05. April 2003

Der Krieg im Irak / Die Zeit nach dem Krieg

Die Kommentatoren der deutschen Tagespresse beschäftigen sich an diesem Samstag wieder mit dem Kriegsgeschehen im Irak. Nachdem die alliierten Streitkräfte den strategisch wichtigen Internationalen Flughafen von Bagdad eingenommen haben, rückt in den Kommentarspalten zunehmend die Frage ins Zentrum, wie die Zeit nach dem Krieg gestaltet werden kann.

Die Tageszeitung DIE WELT schreibt:

"Wir erleben einen Krieg der Überraschungen. Gestern noch ging die Kunde von der Supermacht, die im irakischen Wüstensand stecken bleibt, vom Amerika in der Falle, vom stockenden Blitzkrieg im Zweistromland. Heute zeigt sich die Welt verwundert über die schnelle Eroberung des Flughafens von Bagdad und die raschen Vorstöße auf die irakische Hauptstadt selbst. ... Die US-Strategie des 'embedding' suggeriert objektive Berichterstattung. Dennoch sind Überraschungen an der Tagesordnung, politische, militärische, strategische. Wenn es einen Masterplan gibt für die Eroberung Bagdads, so kennen wir ihn nicht, vielleicht kennen ihn nicht einmal die Pentagon-Planer oder ändern ihn täglich."

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU lenkt den Blick auf die Zukunft des Irak und die Rolle der Europäer:

"Es ist keine Frage, dass den Menschen in Not ohne Rücksicht auf die Art der Verwaltung des Lands geholfen wird. Aber Geld für den Wiederaufbau muss die EU an die Bedingung knüpfen, dass die UN die Oberhoheit bekommen. Für die Europäer eröffnen sich da so nebenbei auch neue Perspektiven im Mittleren Osten. Gelingt es ihnen, Irak davor zu bewahren, amerikanisches Protektorat zu werden, und beteiligen sie sich spürbar am Wiederaufbau des geschundenen Lands, dann wird ihr politisches Gewicht in der arabischen Welt größer."

Auch der BERLINER KURIER beschäftigt sich mit der Zeit nach dem Fall Saddam Husseins:

"Was kommt nach dem Krieg? Eine US-Militärverwaltung (wie nach 1945 in Westdeutschland), ein UN-Mandat (wie nach dem Bürgerkrieg im Kosovo) oder eine Regierung aus Exil-Irakern? Für Deutschland und für die EU als Gemeinschaft der europäischen Staaten kommt jetzt die große Herausforderung: Wie kann Europa daran mitwirken, dass im Irak eine Regierung gebildet wird, die auch vom Vertrauen aller Völker im Irak getragen wird? Ein Irak, der wie Afghanistan in viele kleine Stammesgebiete zerfallen würde, wäre eine neue große Gefahr. Also muss es auch in unserem Interesse liegen, dass in der Zeit 'danach' eine Regierung gebildet werden kann, die die Interessen aller Völker vertritt."

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint:

"Klar ist jedoch auch, dass zwar der Wechsel des Regimes von außen erzwungen werden kann, das neue Regierungsgebilde aber auf Dauer nicht von außen gesteuert werden darf. Darauf hat sich Blair festgelegt, der damit anerkennt, dass Neoneokolonialismus, jenseits der Stabilisierungsphase, ein Anachronismus ist. (...) Aber es hat etwas von einem nachtragenden Gesinnungsrigorismus, wenn die Achse Paris-Berlin-Moskau jetzt ständig von der zentralen Rolle der UN redet, obwohl nicht einmal im Ansatz das Ausmaß der Stabilisierungsaufgabe klar ist. Aber es geht auch nicht, aus dem Irak ein amerikanisches Dauer-Protektorat zu machen. Das wäre ein Machtexperiment mit enormen Kosten, die den Sieg verschlingen würden."

Der Bonner GENERAL ANZEIGER betrachtet das britisch-amerikanische Verhältnis:

"Noch ist sie kaum zu erkennen, die zunehmende Distanz im Schulterschluss zwischen Tony Blair und George Bush. Es ist ja Krieg. Aber es gibt offenbar Bewegung. Es ist nämlich wohl kein Zufall, dass jetzt erstmals unterschiedliche Positionen der Waffenbrüder veröffentlicht werden. Immerhin war es der ehemalige britische Botschafter, der Tony Blairs Widerstand gegen die Falken im Weißen Haus enthüllt hat. Das Verhältnis Großbritanniens zu den europäischen Partnern ist erheblich beschädigt. In aller Vorsicht versucht Tony Blair deshalb schon jetzt, die Kluft zu schließen."

Abschließend die B.Z. aus Berlin zu den deutsch-amerikanischen Differenzen:

"Die Amerikaner haben nicht vergessen, wie deutsche UN-Diplomatie ihnen in den Rücken fiel. Amerika sieht sich im Krieg. Deutschland unter Führung von Rot-Grün spielt moralischen Schiedsrichter zwischen der Vormacht der Demokratie und einem Menschenschlächter. Amerika ist nicht amüsiert. Das aber hat ernste Folgen, nicht nur wirtschaftlich. Die Regierung in Berlin sollte sich fragen, was die deutschen Interessen sind und sofort an Schadensbegrenzung arbeiten."