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Politik

Pressestimmen von Montag, 29. April 2002

Thema: - Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium

Die Kommentare der deutschen Tageszeitungen befassen sich an diesem Montag überwiegend mit der Bluttat in Erfurt. Dabei geht es nicht nur um Ursachenforschung, sondern auch um mögliche Konsequenzen.

Die WESTDEUTSCHE ZEITUNG aus Düsseldorf schreibt:

"Die Politik war in der Ursachenforschung und der Präsentation wieder ganz vorn. Die Gewalt-Videos machte Kanzlerkandidat Stoiber verantwortlich. Eine erneute Verschärfung des Waffengesetzes forderten andere gleich im Chor. Fernsehwirksame Gesten von Menschen, die gewählt werden möchten, haben sich gehäuft in den Stunden nach dem Massaker. Wie wohltuend anders als die üblichen Spruchblasen klingen die Worte der Schülersprecherin des Gutenberg-Gymnasiums. Sicherheitsschleusen und ähnliche Sofortmaßnahmen wollen die Schüler nicht. Vielleicht verstehen sie eher als die Erwachsenen, dass es sich hier um einen fürchterlichen Einzelfall gehandelt hat."

Die in Ulm erscheinende SÜDWEST PRESSE stellt fest:

"Dass nun Heerscharen von Psychologen und anderen Experten Schuldzuweisungen verteilen an die Gewalt verherrlichenden Medien, den Leistungsdruck in der Schule, die für Vereinsamung sorgende Familienpolitik und an die soziale Kälte des ganzen Systems, ist vielleicht nicht falsch. Nur weiter hilft dies auch nicht. Dem Amokläufer von Erfurt fehlte ein Mindestmaß an Liebe, Zuwendung oder zumindest Aufmerksamkeit seiner Umwelt. Und dafür sind nicht irgendwelche anonymen Einrichtungen zuständig, sondern Eltern, Familie, Freunde, Nachbarn, Du und ich."

In der FRANKFURTER RUNDSCHAU lesen wir:

"Es ist offenbar nur eine Frage der Zeit. Wie lange wird die Politik der Versuchung widerstehen, die Tragödie von Erfurt für sich zu nutzen? 24 Stunden? Zwei Tage? Noch üben sich die Politiker in gedämpfter Zurückhaltung: Doch heimlich scheint die Karenzzeit bereits verstrichen. Die ersten schwärmen aus, zum Vortesten des altbekannten Reflexes, der zur Gesetzmäßigkeit wird im Wahlkampf: Wie nutze ich ein Ereignis, das ein ganzes Land umtreibt, zur vorteilhaften Positionierung des Kandidaten? Wie wende ich die eigene
Hilflosigkeit zum Versprechen, das richtige Rezept zu haben zur Verhinderung ähnlicher Katastrophen? Und wie finde ich möglichst viel Schuldzuweisungen, passend zugeschnitten auf die politischen Versäumnisse der anderen Seite? Wenn es überhaupt eine Erwartung an die Politik gibt nach Erfurt, vielleicht wäre dies die erste und schwerste: auf jegliche Chance zur Profilierung zu verzichten. Denn das Drama von Erfurt verbietet sich als Tummelplatz für politischen Schaukampf."

Der Kommentator des MANNHEIMER MORGEN schreibt:

"Als hätte der weltweit operierende Terror nicht gereicht, unsere Stabilität zu erschüttern, steht das Johann-Gutenberg-Gymnasium in Erfurt symbolisch für das Ausmaß einer neuerlichen Sebsttäuschung, der wir erlegen sind. Die Gewalt ist unter uns. Amok provoziert Nachahmung. Die Schüsse vom Freitag werden nachklingen. Zu fürchten ist, dass ihr Echo immer wieder zu vernehmen sein wird, wenn Enttäuschung und vermutete Ausweglosigkeit bei Menschen den völligen Verlust an Selbstkontrolle auslösen."

Zum Schluss dazu noch der EXPRESS aus Köln:

"Robert Steinhäuser war kein Anführer einer Terror-Organisation. Sondern ein verstörter Amokläufer, ein Einzeltäter. Wenn wir nach dem Blutbad von Erfurt unsere Schulen zu Festungen ausbauen, müssen wir auch Autos verbieten (Amokfahrer!), Küchenmesser als Waffen registrieren und den totalen Überwachungsstaat einführen. Totalen Schutz gibt es nicht! Wer jetzt fordert, unsere Kinder in Hochsicherheitstrakten unterrichten zu lassen, ist mehr als ein Populist im Wahlkampf. Sondern ein dummer Schwätzer, der versucht, sich auf Kosten von 17 toten Menschen zu profilieren. Es gibt keinen Schutz vor Amokläufern. Leider auch nicht vor dummen Schlussfolgerungen."

  • Datum 29.04.2002
  • Autorin/Autor zusammengestellt von Pit Burger
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  • Permalink http://p.dw.com/p/28Lh
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