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Politik

Pressestimmen von Montag, 23. Juli 2007

Das Geiseldrama in Afghanistan

Der Außenminister hatte Schlimmes zu verkünden: Erstmals ist ein Deutscher in Afghanistan in Geiselhaft umgekommen. Das Entführungs-Drama vom Wochenende wirft trotz allen Informations-Wirrwarrs für die deutsche Tagespresse an diesem Montag vor allem grundsätzliche Fragen auf. So lesen wir etwa in der HESSISCH/NIEDERSÄCHSISCHEN ALLGEMEINEN aus Kassel:

'Ob der entführte Bauingenieur nun an Erschöpfung starb oder doch erschossen wurde, ist eine letztlich unwichtige Frage. Tragisch ist, dass er sein Leben verlor, weil er den Menschen in Afghanistan helfen wollte. (...) Die Taliban brüsten sich der Tat, aber das muss nicht heißen, dass sie auch tatsächlich die Deutschen kidnappten. Die Steinzeitkrieger wissen um die Macht der Propaganda und sie nutzen sie geschickt. (...) Mit Erfolg: Auch in Deutschland wächst die Mehrheit derjenigen, die den Einsatz am Hindukusch ablehnt.'

Im WESTFÄLISCHEN ANZEIGER aus Hamm steht folgendes:

'Eine aus Sicht des Westens schon besiegt geglaubte und neu erstarkende Quelle des Terrors schickt sich an, den Kampf um die Macht im Land neu aufzunehmen: mit den Taliban in einem Fall vielleicht als Trittbrettfahrern, wohl aber als letztlich treibender Kraft. In diesem Kampf kommt dem seit jeher zynischen Spiel mit Menschenleben eine auf perfide Weise zentrale Rolle zu. Es sind die Einzelschicksale, die Regierungen aus der Ano

nymität holen und auf die sich die Augen einer geschockten Öffentlichkeit richten. Und in denen sich auch die ganze Ohnmacht eines Staates widerspiegelt.'

Hier die Meinung aus dem NORDKURIER in Neubrandenburg:

'Auf den ersten Blick spricht ja auch manches dafür, dass man Afghanistan den Afghanen überlässt. Die Sicherheitslage wird von Woche zu Woche kritischer. Und dennoch geht an einer weiteren Hilfe des Westens für Afghanistan kein Weg vorbei. Die einzige Alternative das Land sich selbst zu überlassen hieße, es wieder den Taliban in die Hände zu spielen.'

Hier ein Blick in die BERLINER ZEITUNG:

'Die stereotypen Formeln der westlichen Regierungen lauten: Wir lassen uns nicht erpressen. Wir erfüllen keine politischen Forderungen. Auch die Bundesregierung verkündet: Wir ziehen unsere Truppen nicht ab. Wir werden unser Afghanistan-Engagement nicht beenden. (...) Aber was will sie? Was ist das konkrete Ziel des Afghanistan-Einsatzes? Wie soll es erreicht werden? Wie kann diese fatale Entwicklung umgekehrt werden? Durchhalteparolen allein helfen da nichts. Der Bundesregierung, den USA und den anderen Allianzpartnern bleibt nur, die Anmaßung dieser vom Militär getragenen Demokratisierungsprojekte zu bekennen, deren Scheitern zu analysieren und schnellstens Lehren zu ziehen und auf möglicherweise ähnliche Vorhaben, zum Beispiel in Gaza oder dem Iran, schlicht und einfach zu verzichten.'

Das HANDELSBLATT aus Düsseldorf schreibt:

'Man kann den radikal-islamischen Taliban in Afghanistan vieles vorwerfen. Mangelndes Gespür für die Schwächen ihrer Gegner aber nicht. Denn bei der Entführung der beiden Deutschen (...) beweist die Organisation, wie gezielt sie mit Ängsten spielen kann. Die Angriffe auf die zivilen Helfer treffen die in Afghanistan engagierten Nationen ins Mark. (...) Daraus den Schluss (...) zu ziehen, Afghanistan einfach aufzugeben, ist aber fahrlässig.'

Die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG in Halle kommt zu ähnlichen Ergebnissen:

'Ein Rückzug der internationalen Gemeinschaft, dessen glaubwürdiger Bestandteil Deutschland gerade wegen seines abgewogenen Engagements heute ist, hätte für die Menschen in Afghanistan absehbare Folgen: Der islamistische Terrorismus gewönne erneut ein gesamtstaatliches Rückzugsgebiet und brächte ein Bildungsverbot für Mädchen, die Steinigung ehebrüchiger Frauen und den ganzen Gruselkatalog der Scharia zu Lasten des Volkes zurück.'

Da zieht die FRANKFURTER RUNDSCHAU einen ganz anderen Schluss:

'Die Entführung zeigt erneut: Afghanistan hat gar keine Wahl mehr zwisch

en Pest und Cholera, es ist längst von beiden Epidemien befallen. Die ausländischen Soldaten, die als Heiler der afghanischen Krankheiten unterwegs sind, können allenfalls Symptome bekämpfen. An die Ursachen kommen sie nicht heran. (...) Das Desaster am Hindukusch muss Konsequenzen haben. Viel härter und viel schneller als bisher müssen die westlichen Länder arbeiten, um die afghanische Regierung in die Lage zu versetzen, zu regieren. Die westlichen Staaten müssen ihre Strategie radikal überdenken: Sie müssen so schnell wie möglich raus aus Afghanistan.

Zu guter Letzt werfen wir einen Blick in das Aschaffenburger MAIN-ECHO:

'Bei aller verwirrenden Lage in Afghanistan wird doch eines deutlich: Die Taliban nutzen jede Gelegenheit, um mit Morden, Entführungen und Anschlägen ihr Ziel zu erreichen.

Die Erpressungsversuche zielen, gerade in Deutschland, auf die öffentliche Meinung und das Mitleid der Menschen mit den Entführungsopfern. Aber: Deutschland darf sich nicht erpressbar machen. Wer Forderungen nach Abzug der Truppen nachgeben würde, ja wer nur darüber öffentlichkeitswirksam nachdenken würde, wäre für einen Dammbruch in Afghanistan verantwortlich. Für mehr Entführungen,

mehr Morde (...).