1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Pressestimmen von Montag, 12. Juni 2006

Selbstmorde in Guantanamo // Auftakt der Fußball-WM in Deutschland

Die Selbstmorde von drei Männern im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba, in dem seit Jahren ausländische mutmaßliche Terroristen inhaftiert sind, sowie die ersten Tage der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland sind die Themen der von uns ausgewählten Kommentare der deutschen Tageszeitungen.

Zunächst zu den Vorfällen in Guantanamo. In der STUTTGARTER ZEITUNG lesen wir:

'Jetzt haben sich nach amerikanischen Angaben das erste Mal drei Gefangene das Leben genommen. Die Lebensumstände sind unerträglich. Und doch sagt Admiral Harry Harris, der Lagerkommandant, die Toten hätten keinen Respekt vor dem Leben, weder vor unserem noch vor ihrem. Deshalb hält er die Selbstmorde auch nicht für einen Akt der Verzweiflung, sondern für einen Akt der Kriegführung gegen uns. Wie verroht, wie verbissen ist man inzwischen in der US-Armee, dass man nicht einmal aufwacht, wenn Häftlinge nach Jahren der Isolation den Tod wählen? George W. Bush hat sein eigenes Ansehen und den Ruf seines Landes in unvorstellbarer Weise selbst zerstört.'

Ähnlich die Argumentation der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG aus München:

'Wo Pietät angemessen wäre reagiert das US-Militär mit Häme: 'Sie achten das Leben nicht, weder unseres, noch ihr eigenes. Das war kein Akt der Verzweiflung, sondern asymmetrische Kriegsführung gegen uns', erklärte ein General, noch bevor die Todesumstände geklärt waren. Gerade in ihrer Ungeheuerlichkeit gibt diese Aussage eben jene Paranoia wider, die das System Guantanamo erst geschaffen hat. Amerika wittert seit dem 11. September überall Feinde.'

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU notiert:

'Über Guantanamo weiß man seit Jahren, dass dieses Gefangenenlager mit rechtsstaatlichen Vorstellungen des Westens nichts zu tun hat. ... Im Umgang mit Terror-Verdächtigen, da sind die Selbstmorde in Guantánamo nach Gefangenenflügen und dubiosen Verhören nur ein weiteres Alarmsignal, hat der Westen den Anspruch auf Vorbildlichkeit verspielt. Solange jedenfalls, wie es zum Beispiel den Europäern nicht gelingt, Bush zur Umkehr zu bewegen.'

Auch die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG warnt vor moralischer Selbstgerechtigkeit:

'Die Schockmeldungen aus Guantanamo lenken wieder den Blick auf eine Einrichtung, die trotz vieler Erklärungsversuche für einen Großteil der Welt schlecht zu vermitteln ist. Andererseits sollte der moralische Zeigefinger, der beim Thema Guantanamo auch in Deutschland gern erhoben wird, nicht allzu hoch gestreckt werden. Die Gefangenen- flüge der CIA über der Bundesrepublik zeigen, dass auch zwischen Ostsee und Bodensee keine unangreifbare Oase der Menschenrechte liegt.'

Nun noch ein Blick in die BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG:

'Der amerikanische Präsident erklärt, die Toten in Guantanamo seien mit Respekt zu behandeln. Das ist gut. Besser wäre es, wenn er die Lebenden in Guantanamo mit Respekt behandeln würde - so wie es in einem Rechtsstaat üblich ist. Noch besser wäre es, Bush würde Guantanamo schließen und die Gefangenen den Anwälten und Richtern überlassen - so wie es in einem Rechtsstaat üblich ist.'

Themenwechsel: Spannende Spiele, schöne Tore, friedlich feiernde Fans und herrliches Wetter - die Kommentatoren sind des Lobes voll über den Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft. Einziger Wermutstropfen ist der mögliche WM-Besuch des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet und zur Zerstörung Israels aufruft.

Der GENERAL-ANZEIGER aus Bonn ist begeistert von der WM:

'Eines der Stereotype der Fußballersprache lautet: Das war ein Auftakt nach Maß. Nach diesem Wochenende, diesen ersten 50 Stunden Fußball-Weltmeisterschaft, muss man sagen: Selten war der Ausdruck berechtigter. ... Der Auftakt dieser Spiele im eigenen Land ist tatsächlich zu einem Fest geworden. Eine ganze Nation freut sich, freut sich mit anderen. ... Es hat sich etwas verändert im Land. Wäre man es nicht schon, man könnte in diesen Tagen zum Fußball-Fan werden.

Der Leitartikler der MÄRKISCHEN ODERZEITUNG aus Potsdam kennt seine Landsleute kaum mehr wieder:

'Unser Land hat anscheinend über Nacht gelernt, mit den Symbolen der Nation entspannt, leicht umzugehen... Unter dem Strahlen der Sonne wehen unendlich viele schwarzrotgoldene Fähnchen aus den Autos, die Menschen wirken fröhlicher und weniger deutsch-ernst als sonst. ... Sollten die Deutschen auf dem Weg zur normalen Nation sein?'

Der in Oberndorf erscheinende SCHWARZWÄLDER BOTE bemerkt:

'Die WM als größte Imagekampagne aller Zeiten bietet die einmalige Chance, das stark angestaubte Deutschlandbild der weltweiten Nachbarschaft nachhaltig zu verbessern. Und es gilt, sie zu nutzen. Schließlich verfolgen Milliarden Menschen die Fußball-Übertragungen aus den Stadien - und sie sollen dabei erkennen, dass die Bundesbürger durchaus Freude zeigen und lachen können: auch über sich selbst. Die Welt zu Gast bei Freunden? - Schöner noch: Menschen, die als Gäste kommen und als Freunde gehen.'

Der Präsident des Iran. Ahmadinedschad hat angedeutet, er könnte die WM besuchen, wenn die Mannschaft seines Landes das Achtefinale erreicht. DER TAGESSPIEGEL aus Berlin diskutiert Gegenmaßnahmen:

'Die Einreise zu verwehren, wäre nach internationalen Gebräuchen ein Eklat. Wie wäre es stattdessen mit, sagen wir, konfrontativer Diplomatie? Wenn Mahmud Ahmadinedschad einreisen will, soll er nur kommen dann kann ihm ins Gesicht gesagt werden, dass das Motto 'Die Welt zu Gast bei Freunden' für ihn so nicht gilt. Nicht für alle, die kommen, müssen wir Freunde sein, Freundschaft hat Voraussetzungen. Er erfüllt sie nicht.'

Die WESTDEUTSCHE ZEITUNG aus Düsseldorf fordert europäische Solidarität:

'Irans Präsident Ahmadinedschad, der schamlos mit Tod und Vernichtung prahlt, könnte sich selbst unter den Schutz des Völkerrechts stellen und versuchen, Deutschland als Bühne für seine Hetze zu missbrauchen. Es sei denn, es gibt europäische Nachbarschaftshilfe und die EU erklärt Herrn Ahmadinedschad aus dem Iran zur unerwünschten Person wie Herrn Lukaschenkow aus Weißrussland und Herrn Mugabe aus Simbabwe.'