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Politik

Pressestimmen von Montag, 10. Juli 2006

Die politische WM-Bilanz / Die polnische Zwillings-Herrschaft

Ein Land im Freudentaumel: Die Deutschen feiern ihre «Weltmeister der Herzen». Einen überwältigenden Abschiedsempfang bereiteten mehr als eine Million Fans der DFB-Elf am Brandenburger Tor. Wohl nie zuvor hat ein dritter Platz derartige Euphorie ausgelöst, meint auch die STUTTGARTER ZEITUNG und fragt:

'Wie viel wird bleiben von dem kleinen Wir-Gefühl, vom Nationalbewusstsein, von der Freundlichkeit? Natürlich haben diejenigen Recht, die darauf hinweisen, dass die WM kein einziges Problem in diesem Land gelöst hat. Mögen auch Föderalismusreform und Haushaltsentwurf im Windschatten der Finalrunde verabschiedet worden sein, pünktlich zum Turnierende kommt eine dicke Koalitionskrise. Wir wären gut beraten, etwas von der Klinsmannschen Unverzagtheit hinüberzuretten in unseren Alltag. Es wäre gut, den Mut statt der Angst vor dem Misslingen in den Mittelpunkt mancher Überlegung zu stellen. Es geht nicht um Schönfärberei, es geht um ein bisschen mehr Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.'

Hier ein Blick in das MAIN-ECHO aus Aschaffenburg:

'Was wirklich bleibt von diesem Turnier, der Superlative wird sich vielleicht erst in einigen Jahren zeigen. Überstehen wir auch die nächsten Gesundheits-, Renten- und Steuerreformen so unbeschwert wie wir uns in diesen Tagen geben? Profitiert auch die Wirtschaft wie erhofft vom größten Sportereignis, das die Republik je erlebt hat? Werden wir schon wegen vier fröhlicher Wochen im Sommer im Ausland nun anders wahrgenommen? Falls nicht: Gelegenheiten, uns neu zu beweisen, gibt es genug: Nächstes Jahr kommt die Handball-WM nach Deutschland, 2009 die der Leichtathleten. Und Berlin liebäugelt mit einer erneuten Olympia-Bewerbung.'

Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND schreibt:

'Was die WM gebracht hat, ist schwer in Euro und Cent messbar. Das Beste war womöglich, dass das Kleinreden jedweder wirtschaftlichen Besserung im Land im Getöse unterging. Die Stimmung an den Fanmeilen passt besser zum Konjunkturtrend. Die Konjunkturklimawerte sind in den letzten Wochen getragen von der WM-Stimmung noch ein Stück weiter gestiegen. Dieses kleine Plus könnte wegfallen, wenn die Gäste aus aller Welt abreisen. Am positiven Trend wird das aber wenig ändern.'

Hier noch ein Blick in die OSTTHÜRINGER ZEITUNG aus Gera:

'Der Fußball hat Deutschland verändert? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass die Weltmeisterschaft nur der Wecker dafür war, in Bewegung zu setzen, was im Lande schlummerte. Schaut man genauer hin, dann waren es vor allem die ganz Jungen und die Generation der 30- und 40- Jährigen, die das Stimmungshoch getragen haben. Womöglich kommt damit ein neues Lebensgefühl zum Ausdruck, dass über die Jahre gewachsen ist. Und wenn man so will, fokussiert sich diese neue Lebensart im deutschen Teamchef Jürgen Klinsmann.'

Wir wechseln das Thema: In Polen dürften in den kommenden Tagen EU-skeptische und Deutschland-kritische Zwillinge die beiden wichtigsten Staatsämter übernehmen. Der Bruder von Präsident Lech Kaczynski, Jaroslaw, soll nach dem Rücktritt von Kazimierz Marcinkiewicz Ministerpräsident werden. In den Kommentaren der deutschen Tagespresse ist an diesem Montag deutliche Skepsis zu spüren. So meint die TAGESZEITUNG/taz:

'Polens Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz hatte schon lange ein Problem: Er war zu gut, zu beliebt und zu erfolgreich. Und er glaubte bis zuletzt an eine liberal-konservative Koalition, ja, sogar an die Kräfte des freien Markts. Nicht, dass er in seine kurzen Amtszeit viel erreicht hätte, dazu fehlten es ihm an Macht und Personal. Aber er verkaufte die magere Leistung der national- konservativen Regierung im Volk hervorragend - selbst dann noch, als Populisten und Rechtsextreme dem Programm ihren hässlichen Stempel aufdrückten.'

In der MÄRKISCHEN ODERZEITUNG lesen wir:

'Kazimierz Marcinkiewicz hatte zu viel Profil gewonnen. Und wurde deshalb von seinem Ziehvater Jaroslaw Kaczynski nun einfach beiseite geräumt. Der Vorgang verrät viel über Kaczynski, der als Chef der Partei «Recht und Gerechtigkeit» in Polen die Drähte zieht und mehr Einfluss hat als sein Zwillingsbruder Lech, den er ja zum Staatspräsidenten gemacht hat. Jaroslaw Kaczynskis Machtbewusstsein trägt diktatorische Züge, sein Misstrauen ist riesig. Die nationalkonservativen, anti-europäischen Parteien werden das Land noch ein Stück weiter nach rechts rücken.'

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meint zu diesem Thema:

'Es ist keineswegs auszuschließen, dass Kaczynski mit seinem Rollenwechsel vom polarisierenden Parteipolitiker zum verantwortungsvollen Regierungspolitiker wird. Beide Brüder haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie pragmatisch Politik betreiben können. Doch erst einmal ist die Skepsis groß, nicht nur bei den Polen, die die Zwillinge im unteren Drittel der Popularitätsskala sehen, sondern auch bei den Nachbarn.'

Hier die Einschätzung aus dem HANDELSBLATT in Düsseldorf:

'Dabei ist Polen als Land viel moderner, vielfältiger, weltoffener und produktiver, als sich seine offizielle Politik gegenwärtig darstellt. Die Wirtschaft wächst enorm, polnische Unternehmen mischen auf westlichen Märkten mit. Polnische Experten sind willkommene Mitarbeiter in internationalen Organisationen. Nun haben die Brüder Kaczynski erst einmal den antimodernen Rückwärtsgang eingelegt. Polen hat diese Regierung nicht verdient.'

  • Datum 09.07.2006
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8kCz
  • Datum 09.07.2006
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