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Politik

Pressestimmen von Mittwoch, 8. Februar 2006

Mohammed-Karikaturen

Politiker aller Parteien in Deutschland äußern sich wegen der Proteste in der arabischen Welt gegen die Mohammed-Karikaturen besorgt über eine Eskalation. Die Bundesregierung vermeide alles, was Emotionen anheizen könnte, verlautet vom Auswärtigen Amt. Die deutschen Tagespresse analysiert an diesem Mittwoch das außenpolitische Dilemma.

Der NORDKURIER aus Neubrandenburg etwa schreibt:

'Wie soll man dem Wahnsinn mit Methode begegnen? Kanzlerin Angela Merkel empfiehlt, den Dialog zu suchen, und hat Recht. Guido Westerwelle hatte zum Entsetzen der Großkoalitionäre die Idee, Finanzhilfen zu streichen. Populismus, der den Konflikt nur anheize, bekam er dafür zu hören. Dabei hat der FDP-Politiker Recht. Dialogbereitschaft und gereichte Friedenshände sind das eine, großzügige Geldgeschenke das andere. Wenn ein Nachbar randaliert und mit Mord droht, dann geht man zunächst besser vorsichtig in Deckung. Nichts spricht dagegen, einen Versöhnungsversuch zu machen. Doch wer damit droht, Menschen über den Haufen zu schießen, dem sollte man keinesfalls noch Geld geben, von dem er sich womöglich eine Waffe kauft.'

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG lesen wir:

'Der staatliche Boykott dänischer Waren bedeutet eine Eskalation (...) weil, erstens, die Brüsseler Kommission im Interesse der Beruhigung zuvor vor einem solchen Schritt gewarnt hatte. Und weil, zweitens, Iran in Richtung Europäische Union ein Signal der Einschüchterung sendet: Seht her, so ergeht es dem, der tut, was uns mißfällt. (...) Daß europäische Politiker angesichts der «Proteste» zu Mäßigung und Dialog aufrufen, ist natürlich richtig. (...) Aber was ist, wenn der Aufruf zur Mäßigung ungehört verhallt?'

Die EßLINGER ZEITUNG empfiehlt folgendes:

'Es gebe keine gemeinsame Basis für Menschenrechte zwischen Christentum und Islam, behauptete Huntington, der US-Politologe, 1996. Das Zusammenleben von Moslems und Christen in westlichen Staaten beweist das Gegenteil bei allen Integrationsproblemen. Will man es nicht tatsächlich auf einen jahrelangen Kulturkampf ankommen lassen, muss in der «Einen Welt» die Frage nach universellen Werten wie Gewaltfreiheit und Dialogbereitschaft gestellt werden. Darauf hinzuwirken ist vor allem auch die gemäßigte arabische Welt aufgerufen.'

Jetzt noch ein Blick in die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

'Aus den anstößigen Karikaturen lässt sich ein Strohfeuer machen, um das Ahmadinedschads Gefolgsleute und sunnitische Extremisten in der islamischen Welt einige Runden gemeinsam tanzen können. Aber es wird die Iraner nicht lange wärmen, so wie es für die Araber keinen Sinn hätte, sich wegen der Alleingänge Teherans die Finger zu verbrennen, weder in der Atomfrage noch als Mitstreiter für eine eventuelle Holocaust-Konferenz. Insgeheim mögen viele Araber so denken wie der iranische Präsident. Doch das wird ihm nicht lange nützen.'

Hier noch ein spezieller Aspekt zum Thema: Eine iranische Zeitung plant nach eigenen Angaben einen internationalen Karikaturen- Wettbewerb zum Holocaust. Das Blatt 'Hamschahri' gehört zu den größten im Land und ist im Besitz der Stadt Teheran. Irans Präsident Ahmadinedschad, der den Judenmord wiederholt leugnete, hat als Bürgermeister die Zeitung geleitet. Sein Vorstoß bedeutet für die Meinungsmacher in Deutschlands Tagespresse mehr als nur eine Geschmacklosigkeit.

Die BERLINER ZEITUNG kommentiert wie folgt:

'Zur Logik der Provokation gehört die Steigerung. Die Iraner haben erkannt, dass Witze über das Christentum nicht weiter stören. Also haben sie den Antisemitismus aktiviert, das einzige Böse, das keine affektierte Sympathie weckt. Für Europäer und vor allem für Deutsche sind der Spott über Mohammed und der über den Holocaust zwei gut unterschiedene Dinge. Doch ist die Unterscheidung ja nicht von mathematischer Klarheit, sondern wurzelt in geschichtlichen Erfahrungen. Auch über diese kann man sich verständigen. Das aber setzt guten Willen voraus, an dem es jetzt mehr denn je fehlt. Nun also geht es auf die Juden, auch das kann nicht überraschen. Sie sind die Verletzlichsten, ihr Staat muss sich in der muslimischen Welt behaupten. Der Kampf der Kulturen wird auf ihrem Rücken ausgetragen, sie bezahlen die Spesen der europäischen Meinungstapferkeit.'

Die OSTSEE-ZEITUNG aus Rostock äußert dazu folgende Meinung:

'Der Aufruf, die millionenfache Vernichtung der Juden zu karikieren, ist so provozierend wie widerlich. Überraschend ist er keineswegs. Schließlich erscheint «Hamschari» in einem Land, dessen Staatsoberhaupt bereits mehrfach zur Auslöschung Israels oder wenigstens dessen Verlegung nach Europa aufgerufen hat. Mahmud Ahmadinedschad hat überdies für den Herbst Holocaust-Leugner aus aller Welt zur Konferenz nach Teheran eingeladen. Mit ihrem Judenhass will und kann die iranische Staatsführung offenbar nicht nur daheim, auch in der arabischen Welt Sympathien sammeln. Hinter den inszenierten Krawallen und Kränkungen steckt Kalkül. Während arabische Regime und der Iran damit den Frust der Massen ventilieren, kann Teheran im Getöse klammheimlich weiter an der Atombombe basteln.'

Auch die Berliner TAGESZEITUNG / taz meint:

'Das schmerzt: Mit einem Wettbewerb um «die beste Holocaust- Karikatur» reagiert eine iranische Tageszeitung auf die dänischen Mohammed-Karikaturen. Wenn sich die Auseinandersetzung auf diesem Niveau bewegt, dreht sich jedem geschichtssensiblen Menschen der Magen um. Die iranische Absicht ist klar: Es geht darum, den Westen mit seinen eigenen Waffe zu schlagen und dessen Doppelmoral anzuprangern. Und die westliche Verfechter absoluter Meinungsfreiheit haben nun ein Problem. Fraglich, ob die europäischen Zeitungen, die die dänischen Karikaturen nachgedruckt haben, nun auch die iranischen dokumentieren werden. Nähmen sie ihre eigene Rhetorik ernst, müssten sie das tun.'

  • Datum 07.02.2006
  • Autorin/Autor Gerd Winkelmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7wzr
  • Datum 07.02.2006
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