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Politik

Pressestimmen von Mittwoch, 6. Februar 2008

Der Brand von Ludwigshafen

Noch weiß man nicht viel über die Ursache des katastrophalen Brandes in einem Wohnhaus in Ludwigshafen. Die Staatsanwaltschaft hält einen kriminellen Hintergrund ebenso für möglich wie einen technischen Defekt. Sicher ist nur: Bei dem Feuer in dem Gebäude, das von türkischen Familien bewohnt wurde, kamen am Sonntag neun Menschen ums Leben, darunter fünf Kinder. 60 Menschen wurden verletzt. Der tragische Fall findet auch Widerhall in den Kommentarspalten:

So schreibt in Berlin DER TAGESSPIEGEL:

„Alle Toten sind türkischer Herkunft. Brandanschläge auf Unterkünfte von Migranten hat es in Deutschland leider mehrere gegeben … .Dass die deutschen Behörden der Bitte von Ministerpräsident Erdogan folgen und türkische Experten an den Ermittlungen beteiligen, ist ein Zeichen der Vernunft und der Menschlichkeit. Es geht nicht darum, Zweifel an der Objektivität hiesiger Stellen bei der Ermittlung der Brandursache zu säen, sondern um größtmögliche Offenheit. Mit Sicherheit hoffen alle, gleich ob deutsche oder türkische Spezialisten, dass sich am Ende eine andere als eine kriminelle Ursache dieser Katastrophe herausstellt.“

Die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG aus Heidelberg meint:

„Man kann es machen wie Kurt Beck - und damit eine politische Bruchlandung riskieren. Ungefragt betonte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident am Montag, die Feuertragödie von Ludwigshafen habe nichts mit einem fremdenfeindlichen Anschlag zu tun. (Es) steht der Verdacht im Raum, dass Beck sich womöglich irrte. Und Deutschland steht auf der Anklagebank türkischer Medien. Mit diesem Verdacht, der bisher auf den Aussagen zweier Mädchen beruht, die einen Mann beim Zündeln beobachtet haben wollen, müssen auch deutsche Politiker leben - und sich allerhand anhören. Etwa die Vorhaltung von Ministerpräsident Erdogan, er wolle ‚kein zweites Solingen erleben’. Dieser Satz schmerzt. … Erdogans Zitat weist die erbrachte Anteilnahme zurück und baut subtil eine Schuldzuweisung auf.“

DIE TAGESZEITUNG (TAZ) aus Berlin spricht von Misstrauen zwischen Deutschen und Türken. Das Blatt konstatiert:

„Zwar lässt sich eine fremdenfeindliche Tat noch längst nicht ausschließen, wie SPD-Chef Kurt Beck das nahegelegt hat. Ein kleines Mädchen will schließlich gesehen haben, wie ein deutsch sprechender Mann das Feuer gelegt habe. Doch mehr weiß man eben nicht. Dass sich türkische Medien trotzdem bereits in wildesten Spekulationen ergehen, ist symptomatisch für das angespannte Verhältnis zwischen Deutschen und Türken, das von sporadisch eskalierendem Misstrauen geprägt ist.“

Schließlich fragt die Zeitung DIE WELT:

„Ein Brand wie jeder andere? Das Haus war von türkischen Familien bewohnt. … Und schreckliche Verdächtigungen kursieren. War es gar kein Unfall, sondern gar ein fremdenfeindlicher Anschlag wie der in Solingen? In der Türkei scheint sich dies zu einem stabilen Vorurteil verfestigt zu haben. Die Toten stehen auf den Titelseiten. Eine Überschrift verkündet: ‚Schlimmer als Krieg’. Staatschef Erdogan kündigt an, er werde im Verlauf seines Staatsbesuchs auch nach Ludwigshafen kommen. …Warum ist die türkische Regierung derart ressentimentgeladen? (Minister) Wolfgang Schäuble, gerade in der Türkei, wird in seinen Gesprächen versuchen, solchem Misstrauen den Boden zu entziehen. Sollten die Ermittlungen nicht auf einen tragischen Unfall weisen, sondern eine fremdenfeindliche Tat aufdecken: Der deutsche Rechtsstaat wird den Fall aufklären,“ schreibt DIE WELT.