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Politik

Pressestimmen von Mittwoch, 25. Januar 2006

Verschleppung zweier Deutscher im Irak / Unwort des Jahres 2005

Die Verschleppung zweier Deutscher im Irak und die Wahl des Begriffes 'Entlassungsproduktivität' zum Unwort des Jahres 2005 sind Kommentarthemen der deutschen Tagespresse.

Zum neuen Entführungsfall im Irak - zwei Monate nach der Verschleppung der Archäologin Susanne Osthoff - schreibt das HAMBURGER ABENDBLATT:

"Wer geglaubt haben sollte, die Osthoff-Entführung sei nur ein Einzelfall gewesen, sieht sich nun getäuscht. Deutsche Geiseln zu nehmen ist für Terroristen, Aufständische oder Kriminelle im Irak ebenso üblich, wie Menschen aus anderen Ländern zu entführen. ... So makaber es klingen mag - die Entführung von Susanne Osthoff könnte sogar eine Art Initialzündung gewesen sein."

Der KÖLNER STADT-ANZEIGER meint:

"Schon lange ist nur bei Ausländern noch Geld zu holen. Da spielt es überhaupt keine Rolle mehr, ob die Opfer zuvor der leidenden Zivilbevölkerung gute Dienste erwiesen haben oder wie Söldner Kasse machen wollten."

Auch die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG gibt sich keinen Illusionen hin. Zitat:

"Zyniker, und davon gibt es seit den Ungereimheiten der letzten Entführungen einer Deutschen im Irak viele, würden sagen: Der Fall Osthoff hat neue Maßstäbe gesetzt. Er hat vor allem im Zusammenhang mit der Spekulation um die bezahlte Millionensumme das Leben aller noch im Irak lebender Deutschen noch einmal schlagartig und hochgradig gefährdet. Die Frage wird gestellt, sie darf gestellt werden, ob der Steuerzahler mit Millionen an Lösegeldsummen für alle geradestehen muss, die trotz dringendster Warnungen aus Berlin das Land nicht verlassen."

Die OFFENBACH-POST bezieht hier klar Position. Das Blatt schreibt:

"Die Bundesrepublik ist verpflichtet, alles zu tun, um Leib und Leben ihrer Bürger im Ausland zu schützen. Die Frage muss freilich gestattet sein: auf wessen Kosten? Wenn nämlich trotz eindringlichster Warnungen Deutsche zum Beispiel ohne eng gefassten behördlichen Auftrag in dieses Krisengebiet reisen - etwa als Mitarbeiter von dort tätigen Firmen oder schlicht aus falsch verstandener Menschenliebe -, dann sollten diese im Fall des Falles für ihre Rettung gefälligst zur Kasse gebeten werden. ... Vielleicht schrecken drohende hohe Rechnungen wenigstens Leichtsinnige, Geschäftemacher und selbst ernannte Weltverbesserer ab ... ."

Anders sieht dies die SÄCHSISCHE ZEITUNG:

"Dass sich trotz der Risiken viele Menschen bereitfinden, am Wiederaufbau des Irak mitzuarbeiten, verdient großen Respekt. Die beiden entführten Ingenieure brauchen jetzt jede Hilfe. Wer ihnen Leichtsinn unterstellt und sie deshalb ihrem Schicksal überlassen will, argumentiert höchst zynisch und unmenschlich."

Schließlich noch das STRAUBINGER TAGBLATT:

"Welchen kriminellen Hintergrund die Entführung der deutschen Ingenieure auch immer haben mag, die Botschaft der Bundesrepublik und damit der Bundesnachrichtendienst ... müssen nun einmal mehr alle offenen und verborgenen Strippen ziehen, um eine Freilassung zu erreichen. ... Die deutschen Unterhändler und Fahnder sind nicht zu beneiden."

Themenwechsel. Das Unwort des Jahres 2005 in Deutschland heißt 'Entlassungsproduktivität'. Das entschied eine Jury um den Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser in Frankfurt.

Dazu schreibt die HESSISCHE/NIEDERSÄCHSISCHE ALLGEMEINE aus Kassel:

" 'Ehrenmord' und 'Bombenholocaust' wären einleuchtender gewesen. Die Jury hat anders entschieden. 'Entlassungsproduktivität' klingt nicht allzu griffig. Aber auch dieser Begriff ist ein sprachlicher Zynismus. Denn er verschleiert die erhebliche Mehrbelastung der Arbeitsplatzbesitzer, wenn Kollegen entlassen worden sind. ... 'Entlassungsproduktivität' reduziert den Menschen auf seinen Wert für die Wirtschaft. Ähnlich wie der Vorgängerbegriff vom Humankapital. ...Deshalb sind nicht die Unworte der Skandal, sondern die Untaten, die sie beschönigen."

So sieht es auch das BADISCHE TAGEBLATT aus Baden Baden. Das Blatt schreibt:

"Schlimmer noch als die sprachliche Verfehlung ist im Fall von 'Entlassungsproduktivität' aber der eigentliche Vorgang, der damit beschrieben werden soll. Es geht schlichtweg um eine Steigerung der Produktivität und damit des Gewinns, die nicht durch kreatives Wirken wie etwa die Erschließung neuer Märkte oder die Entwicklung innovativer Produkte erfolgt, sondern durch die Entlassung von Mitarbeitern. In den vergangenen Jahren hat sich die Kreativität vieler Firmen- und vor allem Konzernleitungen darauf beschränkt, durch den Abbau von Stellen die Kosten zu senken und die Gewinne zu erhöhen."

Die Zeitung NEUES DEUTSCHLAND kommentiert:

"Bisweilen ist die Rede von Entlassungsproduktivität. Ökonomen-Fachidioten verwenden unzählige Worte dieses Kalibers. Das Bemühen der Unwort-Jury, wie schon 2004 der zunehmenden Unterordnung menschlicher Lebenswelten unter die Profit-Knute etwas entgegenzusetzen, ist sicher ehrenwert. Aber ausgerechnet einen Begriff zu wählen, von dem Normalsterbliche bisher nichts gehört haben, dürfte nicht Sinn der Sache sein. Da machen es die Börsianer besser, für die 'Heuschrecken' ein Unwort ist."

Der BERLINER KURIER konstatiert:

"Das Unwort des Jahres 2005 ist leider keine unschöne Wortschöpfung. Es ist brutale Realität. ... Wir alle müssen daher mehr über Moral in unserer Gesellschaft nachdenken. Das Unwort mahnt uns dazu."

Auch die MITTELBAYERISCHE ZEITUNG aus Regensburg gibt sich nachdenklich. Dort heißt es:

"Bei der seit 1991 stattfindenden 'Unwortwahl' werden krasse Missgriffe der öffentlichen Sprache aufgepickt, Wortungetüme, die negativ auffallen, Monster-Formulierungen, die sachlich grob unangemessen sind oder gar die Menschenwürde verletzen, wie 'Zellhaufen' oder 'Kollateralschaden'. Das Vergnügen, das uns die gesammelten Unworte bereiten, sollte uns nicht darüber täuschen, dass diese Schaumbegriffe trotz ihrer ungewollten Komik den Zustand unserer Gesellschaft bloßlegen. An ihren Worten sollt Ihr sie erkennen!",

schreibt die MITTELBAYERISCHE ZEITUNG.

  • Datum 24.01.2006
  • Autorin/Autor Herbert Peckmann
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  • Permalink http://p.dw.com/p/7qO8
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